Umstrittene Bahn-Ausstellung Mehdorn hat Recht!
Es kracht zwischen dem Verkehrsminister und dem Chef der Deutschen Bahn, und wie bei jedem ordentlichen Krawall findet der Showdown zwischen dem Guten und dem Bösen statt. Der Gute ist in diesem Fall der Bundesverkehrsminister, der Böse der Chef der Bahn. Der Gute will eine Ausstellung über 11.000 jüdische Kinder zeigen, die von Bahnhöfen der Reichsbahn in den Tod deportiert wurden, der Böse ist dagegen. "Das Thema ist viel zu ernst", sagt er, "als dass man sich Brötchen kauend und in Eile auf dem Weg zum Zug damit beschäftigen kann".
Mit diesem Satz konnte Hartmut Mehdorn nur verlieren, denn was beim Publikum ankommt, klingt wie: Mehdorn ist gegen die Ausstellung, er will nicht an das Schicksal der deportierten jüdischen Kinder erinnern, er will nicht daran erinnert werden." Während der SPD-Minister Wolfgang Tiefensee mit dem Satz, "der Nationalsozialismus sei schließlich eine Diktatur des Alltags gewesen" eine Feststellung trifft, der man nicht widersprechen kann, auch wenn es sich um eine wohlfeile Platitüde handelt. Eine Diktatur nur an Feiertagen, Wochenenden oder Vollmondnächten kann es nicht geben. Und sieht man einmal von der "Diktatur des Proletariats" ab, die zwar brutal, aber nicht besonders erfolgreich war, ist eine Diktatur nicht nur ein alltägliches, sondern auch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Wo sonst, wenn nicht im Alltag, soll sich eine Diktatur entfalten?
"Banalität des Guten"
Tiefensees bedeutungsschwere, aber letztlich banale Charakterisierung einer Diktatur stellt Hannah Arendts Erkenntnis von der "Banalität des Bösen" auf den Kopf. Es gibt auch eine "Banalität des Guten", und die wird derzeit von Wolfgang Tiefensee artikuliert.
Mehdorn hat Recht. Eine Ausstellung über 11.000 Kinder, die im wörtlichen Sinne vom Leben in den Tod befördert wurden, gehört nicht auf einen Bahnhof. Dass auf Bahnhöfen der Deutschen Bahn kürzlich Fotos aus Kriegsgebieten gezeigt wurden, "die nicht weniger brutal" waren, ist kein Gegenargument. Auch diese Fotos gehören nicht in eine Bahnhofshalle, irgendwo zwischen einen Saftstand und einen Döner-Imbiss. Hat man einen Fehler gemacht, muss man nicht gleich einen zweiten hinterher machen, damit es nach Methode aussieht.
Sensibilisieren? Wen denn noch?
Auch die Annahme, man könnte Menschen in Alltagssituationen überfallen, erschüttern und - wofür auch immer - "sensibilisieren", ist nicht nur naiv sondern auch falsch.
Spätestens seit der Schock-Werbekampagne von Benetton in den Neunzigern ist nicht nur der Unterschied zwischen Faktischem und Fiktivem, zwischen der Wirklichkeit und ihrer Inszenierung aufgehoben, es schaut auch kein Mensch mehr hin, wenn er tote, verkrüppelte und misshandelte Menschen sieht. Deswegen haben auch Organisationen wie Misereor und Brot für die Welt aufgehört, hungernde Kinder für ihre Plakataktionen zu casten, sie zeigen lieber niedliche Kinder mit großen Augen, die fragend in die Zukunft schauen.
Was die deportierten jüdischen Kinder angeht, ist es auch eine Frage der Pietät, sie nicht zu Objekten einer Ausstellung zu degradieren. Denn was die Bilder evozieren, ist nur ein gruseliger Schauer, der sich beim Betrachter einstellt, während er sich zwischen einem Döner und einem Veggie-Sandwich entscheiden muss: "Jetzt leben sie noch und gleich sind sie tot. So schnell geht das. Wieso hat der Interregio nach Wismar wieder Verspätung?"
Es ist ja auch nicht so, dass man das historische Wissen erst etablieren muss. Die Fakten sind bekannt. Es gibt auch keinen Mangel an Dokumentationen, Analysen und Erinnerungsstätten. Die beste findet man im Berliner Bahnhof Grunewald. Es ist der Bahnsteig, von dem einige Zehntausend Berliner Juden deportiert wurden. Man hat einfach das Datum, den Zielbahnhof und die Zahl der Deportierten wie eine Tagebuchnotiz in die Bahnsteigkante gehauen. Alles Übrige bleibt der Vorstellung des Besuchers überlassen. Nichts wird "visualisiert" oder "rekonstruiert". Deswegen ist der Eindruck umso stärker.
Banalisieren und trivialisieren
Weil es bei dem Streit zwischen Mehdorn und Tiefensee um Kinder geht, die in den Tod geschickt wurden, grenzt ein Widerwort schon an Kindesmissbrauch. Freilich: Wenn die Nazis keine Kinder umgebracht sondern das Mindestalter für ihre Opfer auf 18 Jahre festgelegt hätten, wäre das ganze NS-Projekt nicht weniger kriminell gewesen. Das Entsetzen über die Ermordung von Kindern ist deswegen so stark, weil Kinder "unschuldige Opfer" sind. Eine beliebte Phrase, die impliziert, dass die anderen Opfer zwar auch Schreckliches erlebt, aber irgendwie an ihrem Schicksal nicht ganz unschuldig waren.
Simon Wiesenthal erzählte gerne eine Anekdote, mit der klar machen wollte, dass es nicht reicht, Emotionen zu wecken, ohne Einsichten zu befördern. Nachdem er mal einen Vortrag über Anne Frank gehalten hatte, kam eine ältere Frau vollkommen aufgelöst auf ihn zu und sagte: "Aber dieses Mädchen hätten die Nazis wenigstens verschonen können!"
Wenn man solche Reaktionen erzielen will, soll man die Ausstellung zeigen, am besten auf jedem Bahnhof der Republik, von Aachen bis Zwickau. Erkenntnisse über das Wesen einer "Alltagsdiktatur" wird eine solche Aktion nicht verbreiten, außer der, dass die Nazis nicht einmal Kinder verschont haben. Sie wird den Holocaust weiter banalisieren und trivialisieren, bis man am Ende nicht mehr weiß, worum es geht: um das Los jüdischer Kinder im Dritten Reich oder um den "Holocaust" an Hühnern und Kühen, den die Organisation Peta (People for the ethical treatment of animals) mit ähnlichen Bildern unters Volk bringt. Da wäre eine "holocaustfreie Zone" eine gute Sache, und sei es nur auf den Bahnsteigen der deutschen Bahn.