"Unmoralisch" Stasi-Opfer prostestieren gegen Filmproduktion
Schwerin - Auslöser der Kritik war eine kleine Meldung in der "Schweriner Volkszeitung": "Eine Hamburger Filmproduktionsfirma dreht am 12. Mai im ehemaligen Stasi-Gefängnis Szenen für eine Kriminalkomödie", hieß es dort. "Für die Gefängnisinsassen suchen die Filmleute schräge Typen, die gerne tätowiert sein dürfen."
Als "verdammenswert" und "höchst unmoralisch" bezeichnet Jürgen Schmidt-Pohl vom Verband der SED-Opfer das Vorhaben. "Will denn keiner wahrnehmen, dass in dem Gefängnis Leute geköpft wurden. Die Insassen haben Widerstand gegen die Diktatur geleistet." Schmidt-Pohl, der 1968 und 1975 insgesamt eineinhalb Jahre in dem Stasi-Gefängnis in U-Haft gesessen hat, will die Dreharbeiten unter allen Umständen verhindern und notfalls vor Gericht eine einstweilige Verfügung erwirken.
Der Bürgerbeauftragte des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Frieder Jelen, spricht von einer "Geschmacklosigkeit". Das ehemalige Gefängnis sei ein Denkmal für Stasi-Opfer. "Es verbieten sich daher Dreharbeiten für lustige und auch andere Filme."
Für die Hamburger Filmemacher kommt diese Reaktion überraschend. "Wir wollen doch niemandem die Erinnerungen wegnehmen. Für uns ist das Gefängnis eine Kulisse", sagt Produzentin Helga Bähr. Die Szene für den geplanten Kinofilm von Lars Büchel hat nichts mit der DDR-Geschichte zu tun. In der Krimikomödie wollen drei Rentnerinnen eine Kreuzfahrt machen. Aus Geldnot überfallen sie eine Bank, werden gestellt und ins Gefängnis gebracht.
Derartige Szenen im Gefängnis in Lübeck oder in "Santa Fu" in Hamburg zu drehen, sei immens aufwendig und auch teuer, erklärt Bähr. "Wir haben auch schlicht das Geld nicht, um uns ein Gefängnis im Studio aufzustellen." Sie verweist darauf, dass in dem ehemaligen Gefängnis Demmlerplatz, heute Sitz des Landgerichts, bereits mehrere Filme gedreht worden sind.
"In dem Gebäude wurde seit Mitte 1997 20- bis 30-mal gedreht", bestätigt Landgerichtssprecher Kai Theede. So habe der NDR unter anderem Sequenzen zur Krimiserie "Polizeiruf 110" gedreht. Eine Genehmigung für die neuen Filmaufnahmen sei allerdings noch nicht erteilt.
Sicher ist, dass in dem Gebäudetrakt am Demmlerplatz das Sowjetische Militärtribunal Todesurteile fällte. Allerdings gebe es in den Akten keine Beweise, dass diese Todesurteile auch am Demmlerplatz vollstreckt wurden, sagt der Stellvertreter des Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, Jochen Schmidt. Viele Häftlinge würden aber davon berichten.
Zurzeit werden einige Zellen noch als Verwahrzellen während Verhandlungspausen genutzt. Das ehemalige Stasi-Gefängnis soll nach langer Kontroverse auch Teil eines Dokumentationszentrums für deutsche Diktaturen werden.