Uraufführung "Der Fremde" Papierraschelndes Thesentheater
Eine Uraufführung zum Saisonstart macht sich immer gut. Wobei es sich am Bayerischen Staatsschauspiel, zu dem das Cuvilliéstheater in der Residenzstraße gehört, ja zugleich um ein Finale handelt: Denn dies wird die letzte Spielzeit von Intendant Eberhard Witt gewesen sein, danach endet seine wenig ruhmreiche Ära in München.
Eine Uraufführung also. In diesem Fall: Albert Camus Roman "Der Fremde", ein Bildungsbrocken, der erst einmal verdaut sein will. Thematisiert der französische Literaturnobelpreisträger doch in dieser 1942 erschienenen Erzählung das in seinem philosophischen Essay "Der Mythos des Sisyphos" entworfene Konzept der Absurdität. Existentielle Fragen werden hier verhandelt: Wer bin ich? Warum bin ich? Wieso bin ich nicht? Klar, dass die Handlung nur Nebensache ist: Ein Mann hält Totenwache am Grab seiner verstorbenen Mutter. Wenig später beginnt er eine Affäre mit einem Mädchen. Dann, an einem heißen Sommertag am Strand, erschießt er einen Araber - ohne ersichtlichen Grund.
Es folgt eine tiefschürfende Gerichtsverhandlung, bei der dem Angeklagten seine Gleich- und Gottlosigkeit vorgeworfen werden. Was diesen in seiner anarchischen Amoralität freilich nur bestärkt: Wie ein Märtyrer, der sich allen gesellschaftlichen Amts- und Würdenträgern überlegen fühlt, nimmt er sein Todesurteil entgegen.
Die Jungregisseurin Simone Blattner versucht dem Text seine Schwere zu nehmen, indem sie die Sätze stets hastig aufsagen lässt und mit einem elektronischen Geknister unterlegt. Zudem gibt es eine leere Bühnenschräge, auf der die Figuren wie Kopfgeburten des Titelhelden traumwandeln. Vor allem in der zweiten Hälfte des Stückes, wenn der Mordprozess beginnt, driftet das Stück, bei dem es sich weitgehend um einen inneren Monolog handelt, jedoch in papierraschelndes Thesentheater ab.
Und obwohl die Inszenierung mit ihrem hohen Abstraktionsgrad und minimalistischen Mitteln streckenweise recht leicht und locker daherkommt, kann sie nicht kaschieren, dass es sich bei diesem Werk um ein Traktat um Schuld und Sühne handelt. Und um ein Zeitdokument, welches das von Sinnlosigkeit geprägte Lebensgefühl der Kriegsgeneration spiegelt, den Zerfall tradierter Wertvorstellungen, das Versagen jeglicher sinnstiftender Ordnung.
Ist der Titelheld Meursault (Michael Scherff) ein gefährlicher, gefühlskalter, freier Sinnenmensch und Prototyp des Absurden? Oder produziert das unmenschliche Gesellschaftssystem jene Mörder, die es möglicherweise verdient hat? Camus stellt Fragen, Antworten bietet er keine. Genauso wenig wie die Inszenierung. Eine einzige Gewissheit darf man mit nach Hause nehmen: Der Fremde ist ein Fremder, der nicht versteht und nicht verstanden wird. Ach, das kennt man doch.