Uraufführung: Mut zu Lükke - DER SPIEGEL
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"Die Überflüssigen": "Hier ist einfach gar nichts"

Foto: Thomas Aurin

Uraufführung Mut zu Lükke

Wissenschaftler haben in Wittenberge das Leben in einer schrumpfenden Stadt studiert, nun hat der Dramatiker Philipp Löhle ein Stück darüber geschrieben: mit einem Mann, der in solch eine Stadt, genannt Lükke, zurückkehrt - und daran zu Grunde geht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich, denkt man, ist es nicht so schwer, nach Wittenberge zu kommen: Der Ort liegt an der Bahnstrecke zwischen Berlin und Hamburg. Doch als der Dramatiker Philipp Löhle nach Wittenberge wollte, bestieg er sein Fahrrad, verfuhr sich im Spandauer Forst und traf nachts auf eine Wildsau, die um sein Zelt herumlief.

Die Abenteuer seiner Überlandfahrt passen ganz gut. Denn eigentlich, denkt man, kann es ja auch nicht so schwierig sein, aus Wittenberge wegzukommen: Sachen packen, umziehen, fertig. Doch Philipp Löhles Stück berichtet davon, wie schwer es einem fallen kann, wenn man zu lange dort war.

"Die Überflüssigen" heißt das Stück, und es ist Teil des Forschungsprojekts "Leben im Umbruch". Soziologen und Ethnologen haben in Wittenberge Feldforschung betrieben, um der Frage nachzugehen: Wie lebt es sich in einer schrumpfenden Stadt? Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn es nicht mehr die Arbeit ist?

Destillierte Resignation

Neben den Wissenschaftlern ist auch das Theater beteiligt; vier Auftragsstücke sind für das Berliner Maxim Gorki Theater entstanden, getragen von dem Gedanken, dass man den Zustand des Menschen nicht nur in qualitativen Interviews, in Forschungsberichten und Statistiken wiedergeben kann, sondern auch in der Sprache des Theaters. In Sätzen wie diesen:

Chris: "Wir wollen nichts mehr verändern, wir akzeptieren, dass wir nichts mehr verändern. Auf etwas warten. Etwas erwarten. Das machen wir nicht mehr. Wir wissen, dass nichts mehr kommt."

So lässt Löhle die Bewohner des Ortes reden. Ihre Sprache ist destillierte Resignation, in ihr liegt die Erfahrung des Verlierens und der Zwecklosigkeit. Industrieabbau, Bedeutungsverlust, Verliererstadt - so lauten die Diagnosen für Wittenberge. Das konnte man in letzter Zeit lernen. Genauso wie die Tatsache, dass die Stadt einmal 30.000 Einwohner hatte, dass sie einmal das modernste Nähmaschinenwerk Europas hatte, dass sie überhaupt einmal Industrie hatte. Hatte, hatte, hatte. Denn nun leben nur noch 19.000 Menschen dort; wer Arbeit hat, der hat sie oft woanders und pendelt dorthin; die Videothek hat sich ein zweites Standbein mit Räucherfisch aufgebaut.

Eddie: "Man weiß nie, ob da jemand lebt, tot hinter der Tür liegt oder ob alles nur Fassade ist, und nicht mal ein Haus hintendran."

"Hier ist einfach... gar nichts."

Löhle hat einen Protagonisten erfunden namens Eddie, genannt Eddie Spaghetti. Eddie ist in dem Ort aufgewachsen und kennt deshalb all die Geschichten, die jeder im Ort kennt: von der Bombardierung am Ende des Krieges, von der Friseurstochter, die von der halben Schule dabei beobachtet wurde, wie sie sich von der Katze befriedigen lassen hat. Dann aber ist Eddies Leben ganz anders verlaufen, denn Eddie ist weggezogen, raus in die Welt. Und kommt erst wieder, als seine Eltern sterben. Und sieht den Ort darum mit fremden Augen. Und der Ort sieht in ihm einen Fremden. Obwohl er die Geschichten doch alle kennt.

Eddie: "Es ist nicht scheiße, nicht leer, nicht voll, nicht hässlich, nicht alt, nicht neu, nicht da, nicht weg. Es ist... Das Elend der Welt ist wenigstens das Elend der Welt, aber nicht mal das ist hier. Hier ist einfach... gar nichts."

So sieht Eddie nun die alte Heimat. Der Ort, der nichts ist, heißt in Löhles Stück Lükke und deckt sich mit Löhles Eindruck von Wittenberge nach der Fahrradankunft, über die er schrieb: "Hier sieht es nach Schweiß und Arbeit aus. Und wer W. auf dem Radweg, der die Stadt nur an einer Ecke schneidet, gleich wieder verlässt, wird sie so in Erinnerung behalten. Nur wer bleibt und genau hinsieht, findet hinter den verfallenden Fassaden die Lücken und Löcher. Und sieht das Fehlende."

Eddie erkennt genau darin die Chance: Lükke als Gegenentwurf zur aufregenden Stadt, maximale Entspannung durch maximale Langeweile. Er will Lükke als Erholungsgebiet und Touristenort berühmt machen und ist so sehr in seine Idee verliebt, dass er zu spät versteht, dass alle, die etwas in Lükke aufbauen wollten, gestorben oder gescheitert sind.

Sein Geschäftsplan mutet in seiner selbstmörderischen Wirkung bisweilen wie der Versuch an, Demokratie im Irak zu erzwingen. Durch Anekdoten und Reflexionen stellt Löhle die Frage, ob man jemandem gegen seinen Willen helfen kann oder darf. Das sind die Stellen, an denen das Stück vielleicht nicht über sich selbst, ganz sicher aber über Lükke und Wittenberge hinauswächst.

Eddie: "Lükke ist so ein kleiner Ausschnitt der Welt und trotzdem steckt sie zur Gänze da drin."


Die Überflüssigen. Premiere am 28. Mai im Studio des Maxim-Gorki-Theaters  Berlin, weitere Aufführungen am 5., 8. und 23. Juni. Kartentelefon 030/20 22 11 15.