US-Fernsehen: Lieber Satire als Nachrichten - DER SPIEGEL
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US-Fernsehen Lieber Satire als Nachrichten

Die amerikanischen TV-Nachrichten sind in einer Glaubwürdigkeitskrise: Vor allem gebildete und gutverdienende Amerikaner wenden sich ab und konsumieren als News-Ersatz politische Satireshows wie Jon Stewarts "The Daily Show" und "The Colbert Report".
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Bill O'Reilly vom US-Sender Fox war nicht begeistert. Da machte sich einer im Spätprogramm über ihn, den anerkannten Nachrichtenmoderator lustig. Und dann auch noch ein Franzose, die sind dem konservativen O'Reilly ohnehin verhasst. Stephen Colbert hieß der Grund für den Ärger, seine Satiresendung "The Colbert Report" startete am 18. Oktober. Das konnte sich der seriöse Journalist nicht gefallen lassen. "Bekiffte Drückeberger" und "dämliche Kinder" nannte er die Zuschauer der Show und schob noch eine Beleidigung gegen Colberts Kollegen Jon Stewart und dessen "Daily Show" hinterher: "Es ist erschreckend, aber wahr. Sie schauen Deine bescheuerte Show jede Nacht und dürfen auch noch wählen gehen." Zwei Komiker mit politischer Macht, das dürfe nicht sein in einem Amerika nach O'Reillys Vorstellung.

Tatsächlich haben die Sendungen "The Daily Show" und der Spin-Off "The Colbert Report" mit Stewarts früherem Reporter Stephen Colbert laut "New York Times" wachsenden Einfluss auf die Meinungsbildung der Amerikaner. Die Shows, die auf dem Kabelsender "Comedy Central" laufen, beschreiben einen Wandel sowohl in der Comedyszene als auch in der Nachrichtenrezeption der Amerikaner. Die Zeit von Sketchen und schrulligen Politikerimitationen der Marke "Saturday Night Live" ist vorbei. "Ironymation", Information gewürzt mit einem gehörigen Schuss Ironie, ist das Format der Gegenwart. Das Besondere: Die Zuschauer vertrauen diesen bewusst inakkuraten Sendungen mehr als der vordergründig seriösen Berichterstattung von News-Formaten wie "The O'Reilly Factor", die täglich von 20 bis 21 Uhr bei Fox läuft und gemeinhin als Bush-freundlich gilt.

Gebildete Amerikaner sehen lieber den satirischen News-Digest

Der Erfolg der TV-Komiker beschreibt ein gesellschaftliches Phänomen: Junge Menschen wenden sich von der seriösen Berichterstattung ab, weil diese unter dem Verdacht stehen, von der konservativen Regierung beeinflusst zu sein und zu Propagandamaschinen zu verkommen. Das Vertrauen in kritischen Journalismus ist seit reißerischen Dokumentationen wie "Outfoxed" und der Affäre um die "New York Times"-Reporterin Judith Miller erschüttert. Die Zuschauer schenken den Satire-Sendungen Glauben, auch wenn es sich nicht um Nachrichtensendungen im eigentlichen Sinn handelt. Vielmehr werden in Stewarts Shows, die in Deutschland unter anderem für Harald Schmidts Late-Night-Format Pate standen, einzelne News-Fetzen von anderen Sendern auf sarkastische Weise zusammengesetzt. "Ich sehe trotzdem die wichtigsten Bilder des Tages, dazu spricht mir jemand aus der Seele. Und es ist verdammt lustig", schrieb ein Zuschauer in einem Leserbrief an die "New York Times".

Dass O'Reilly mit seinen defätistischen Äußerungen über das Publikum der "Daily Show" arg daneben lag, verdeutlicht eine Studie des amerikanischen Medieninstituts Nielsen. 78 Prozent der Zuschauer von "The Daily Show" hätten eine College-Ausbildung genossen, bei O'Reillys Publikum sei lediglich jeder Vierte so gut ausgebildet. Auch bei einem Test in politischen Wissensfragen schnitten Stewarts Zuschauer um 16 Prozent besser ab als Menschen, die keine Late-Night-Satire sehen. Fazit der Studie: Gebildete und gutverdienende Menschen sehen sich eher "The Daily Show" und "The Colbert Report" an als konventionelle News-Programme.

Das Prinzip der Sendungen ist einfach: Jon Stewart präsentiert Nachrichten, ironisch kommentiert, mit bitterem Unterton, manchmal frei erfunden oder mit älteren Bildern kombiniert. Als aufgrund der explodierenden Preise der Ölverbrauch der amerikanischen Bevölkerung diskutiert wurde, zeigte "The Daily Show" einen Kommentar von Präsident George W Bush: "Ich habe schon zu Beginn meiner Amtszeit darauf gedrängt, dass wir uns ändern müssen." Jon Stewart sah nachdenklich in die Kamera und sagte: "Sehen wir, wie es damals war." In einem Archivbericht von 1999 wird ein Mitarbeiter des Weißen Hauses gefragt, ob Bush denke, dass die Amerikaner ihren Konsum einschränken müssten. Die Antwort: "Auf keinen Fall. Der Präsident denkt, das ist der American Way of Life." Stewart hebt als Kommentar höchstens eine Augenbraue. Der Zuschauer weiß auch so Bescheid.

"Einfach nur degoutant"

"Ich glaube nicht, dass Nachrichtensendungen wie 'Fox News' mehr Wahrheit enthalten als Jon Stewarts Aussagen", schrieb eine Zuschauerin in das Internetforum der "Washington Post". Die Shows der großen Sender würden wie Hofberichterstattung wirken, mit Pressefreiheit und investigativem Journalismus habe das nichts mehr zu tun. Jon Stewarts Sendung zwar auch nicht, doch sei er aufgrund seiner bissigen Kommentare eine Stimme der Opposition, vor allem bei heiklen Themen wie dem Irak-Krieg oder den Hurricane-Katastrophen. 1,5 Millionen Zuschauer schalten jeden Abend ein, etwa zwei Millionen verfolgen die Show im Internet .

Deshalb ist Stewart vor allem bei Anhängern der Republikaner unbeliebt. Eine liberale Nachrichtensendung mit politischem Einfluss könnte zu einer Gefahr für die konservative Partei werden. So schrieb die als rechtslastig geltende Tageszeitung "Washington Times" im Juni einen Abgesang auf den Satiriker. Er werde niemals eine Prime-Time-Sendung moderieren. Zu weich sei er, zu wenig investigativ, zu sehr von liberalen Ideen beeinflusst. Dazu seien seine Scherze vor allem im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe "einfach nur degoutant".

Stewart sind Angriffe dieser Art egal. Er lud sogar Bill O'Reilly, seinen prominentesten Gegner, als Gast in seine Show ein. Als der den Gastgeber angriff und ihn einen "Schwachkopf" nannte, nahm Stewart seine Hand und sagte milde: "Warum so böse, mein Freund?" Dann wurde O'Reilly konkret: "Wie können Sie nur Witze über Katrina machen?" Stewart konterte trocken: "Ich bringe Witze über Verletze. Sie bringen nur Verletzte."

Stewart erhielt vor kurzem zwei der amerikanischen "Emmy"-Fernsehpreise und den Television Critics Award für die beste Nachrichtensendung. Eine Verlegung der Show in das Free-TV-Programm von CBS wird diskutiert, Stewarts Show zur jüngsten Wahlberichterstattung in den USA verkauft sich blendend auf DVD. In seinem Buch "America" erzählen er und seine Drehbuchautoren ihre Version der Geschichte der Demokratie - und stehen damit seit Monaten auf den Bestsellerlisten. Dennoch bleibt der 44-jährige New Yorker bescheiden: "Wir machen nur Comedy", sagte er in einem Interview mit der "New York Times". Aber natürlich kann auch Komik politischen Einfluss haben.

"The Daily Show" wird in Deutschland beim Sender CNN am Sonntag um 23.30 Uhr ausgestrahlt. Ausgewählte Teile der Sendung sind täglich im Internet zu sehen. "The Colbert Report" startete am 18. September auf "Comedy Central" und hat noch keinen Sendeplatz in Deutschland. Einzelne Clips werden ebenfalls im Internet  veröffentlicht.