US-Satiriker Andy Borowitz: Der Teilzeit-Komödiant - DER SPIEGEL
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US-Satiriker Andy Borowitz Der Teilzeit-Komödiant

Der New Yorker Andy Borowitz schuf die Sitcom "Der Prinz von Bel Air". Heute gilt er als Meister der klugen Internet-Satire, kassiert hohe Gagen als Komiker bei CNN und hat gerade seine zweite Filmkarriere begonnen. Besonders anstrengen muss er sich dafür nicht.
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Andy Borowitz hat sich heute extra schick gemacht. Er hat ausnahmsweise nicht nur Bluejeans angezogen und ein T-Shirt wie sonst - sondern ein veritables Oberhemd. Dunkelviolett, ein bisschen zu warm fürs Wetter. Trotzdem wirkt Borowitz irgendwie wie ein Langzeitstudent, als er zum Interviewtermin erscheint. Vor allem hier, im "Royalton" Hotel an der 44. Straße. Andere Gäste in der Frühstücks-Lounge tragen Sakko, Borowitz hält die Jeansjacke in der Hand. Als er sich setzt, schmeißt er sie übers Designersofa.

Es ist kurz nach neun Uhr, und der Mann mit der Beatles-Frisur kommt gerade von einem TV-Auftritt zurück - deshalb die "noble" Garderobe. Im CNN-Studio ein paar Blocks weiter hat er einen seiner Zwei-Minuten-Gigs abgeliefert. Ein paar Einzeiler über Rumsfeld, die Kalifornien-Wahl, vielleicht J.Lo und Ben Affleck in der Sendung "American Morning" - das reicht, um Borowitz zu einem der wichtigsten Gaststars des Senders zu machen. "Ich bin jetzt der am zweitbesten bezahlte Komiker auf CNN", wundert er sich. "Dabei war ich vor kurzem noch der Kerl, den niemand kannte."

Zwischen "vor kurzem" und "jetzt" liegt ein wichtiger Einschnitt: die Premiere von borowitzreport.com  vor zwei Jahren. Die Internet-Seite ist ein bisschen so wie ihr Schöpfer: Die Optik ist nicht so wichtig. Es sind die Texte, die hier zählen. "Schwarzenegger verspricht Gruppensex mit ganz Kalifornien", meldet die Site an einem Tag, und am nächsten vielleicht: "Bush räumt ein: Außenpolitik war nur Gag für 'Jackass' auf MTV". Nach dem Irak-Krieg stand hier: "USA schicken Köpfe von Udai und Kussei auf 21-Städte-Tournee - 'Aber keine Schadenfreude', warnt Rumsfeld".

Die fingierten Nachrichten locken an Werktagen bis zu 250.000 Leser an, viele weitere bekommen sie von Freunden gemailt. Nicht nur bei CNN wurde man auf ihn aufmerksam. Der Flaggen schwenkende Konkurrent Fox News, Teil von Rupert Murdochs Medienreich, versuchte jüngst, Borowitz abzuwerben. Der sagte ab: "Ich passe auf, dass ich mich nicht zu den Falschen ins Bett lege."

"Sich über die Regierung lustig zu machen, ist einfach"

"Wer Satire schreibt, braucht würdige Opfer", glaubt Borowitz. Spott über Normal-Amerikaner und ihre Alltagsprobleme verkneift er sich. Nur Promis, Politiker und korrupte Wirtschaftsbosse gehören zu seinem Comedy-Ensemble. Trotzdem falle es ihm nicht schwer, fünf Mal pro Woche Bissiges zu fabrizieren: "Sich über die Regierung lustig zu machen, über ihren Krieg gegen den Terror und alles andere auf dem Planeten, ist zurzeit ziemlich einfach." Gerade der Präsident ist ein verlässlicher Gag-Lieferant. "Wissenschaftler bezweifeln, ob Bush das Gen für menschliches Sprechvermögen besitzt", titelte Borowitz, oder: "Bush beschließt Abschaffung der Umwelt bis 2004".

Viele Leser halten Borowitz für einen Gegner der Männer in Washington. "Du bist zwar komisch Andy", schreiben sie ihm, "aber ich weiß, dass du ein Linker bist". Das sei er gar nicht, beteuert er. "Ich bin ein politischer Mensch, aber kein parteipolitischer." Anders als viele Freunde stellte er sich nicht gegen den Krieg - er blieb neutral. "Was, wenn wir wirklich als Befreier gefeiert werden und Saddam Massenvernichtungswaffen besitzt", zweifelte er im Frühjahr. "Manchmal machen Leute Fehler, nur weil sie die 'New York Times' lesen. Sie glauben, über alles die Wahrheit zu wissen."

Teil zwei: "Langsam schwant Amerika, dass das eine schlechte Idee war."

Vor dem Krieg galt Borowitz' Spott allen Seiten: Dem Pentagon, Saddam, Waffen-Inspekteur Hans Blix und der Regierung Chirac. "Michael Jackson räumt Gesichtsoperation ein, Franzosen wollen mehr Beweise", hieß eine Meldung. Inzwischen sind Borowitz' Irak-Satiren bitterer geworden. "Langsam schwant Amerika, dass das eine schlechte Idee war", sagt er. "Es geht nicht an, dass wir in den Krieg ziehen und sich der angebliche Kriegsgrund hinterher 19 Mal ändert. Das ist so, als würde ich meiner Frau sagen: Ich fahre mal kurz zum Gemüseladen. Dann komme ich mit einer Prostituierten zurück und sage: Na ja, ich war nicht im Gemüseladen. Aber das hier ist viel besser."

Borowitz' Internet-Seite kostet keine Abo-Gebühren. Die einzige Werbung, die sie enthält, wirbt für Borowitz selbst. Pro Monat gibt er 1000 Dollar für Serverkosten aus. "Und je mehr Leute kommen, desto mehr Geld verliere ich", sagt er, "ein tolles Geschäftsmodell". Inzwischen aber kassiert Borowitz eine sechsstellige Summe im Jahr allein für Auftritte im Fernsehen und bei Live-Shows. Geld, das er eigentlich nicht braucht. Borowitz muss nicht mehr reich werden, er ist es schon - dank seiner ersten Karriere.

Prinzen-Macher in L.A.

Gleich nach dem Harvard-Examen Anfang der Achtziger zog er an die Westküste um, nach Los Angeles. Beinahe manisch begann er, Drehbücher für TV-Serien zu schreiben. Die erste Auftragsarbeit, die Sitcom "Square Pegs", flog nach einer Saison aus dem CBS-Programm. Der 17-jährige Star der Serie, Sarah Jessica Parker, machte trotzdem Karriere.

Ein paar Jahre später baten die Bosse von ABC Borowitz, eine Serie auf einen jungen Rapper aus Philadelphia zuzuschneidern. Gemeinsam mit Ehefrau Susan konzipierte und schrieb Borowitz "The Fresh Prince of Bel Air". Die Sitcom lief erstaunliche sechs Jahre lang. Danach war Hauptdarsteller Will Smith kein Newcomer mehr, sondern ein Megastar. Borowitz hätte wohl nicht nur reich werden können, sondern richtig reich. Der erste Spielfilm, den er co-produzierte, wurde 1999 für den Oscar nominiert - "Pleasantville".

"Viele Komiker sind von Angst infiziert"

Borowitz aber schmiss alles hin - er floh zurück an die Ostküste. "Ein paar Jahre habe ich erst mal nichts gemacht" - so ausgebrannt fühlte er sich. "Bei Film und Fernsehen geht es um so viel Geld, dass ständig eine Million Leute Angst haben, dass du Scheiße baust", sagt er. "Jetzt bin ich eine One-Man-Show und nur mir selbst verantwortlich." Vielleicht habe er sogar das perfekte Medium gefunden. "Die Schnelligkeit des Internet ist verführerisch."

Die "dreckige Seite" des Komiker-Daseins habe er nie kennen gelernt, sagt Borowitz. "Ich musste nie in Nachtclubs vor Betrunkenen auftreten." Sein Vermögen gebe ihm Sicherheit: Er könne jedes Ziel angreifen, das Satire verdient. Soll es ihm doch ergehen wie den Dixie Chicks, die wegen Kriegskritik zensiert wurden - ihn kann das nicht ruinieren. "Viele Komiker sind von der Angst infiziert", beobachtet er. "Sie fürchten, ihr Einkommen zu verlieren, wenn sie das Falsche sagen. Deshalb gibt es so viel Comedy, die inhaltsleer ist."

"In der Gegend wirke ich wie Iggy Pop"

Borowitz kann so jungenhaft wirken, als hätte er gerade erst Examen gemacht. Er gestikuliert viel. Er ist vielleicht 1,90 Meter groß, wirkt aber schlaksig wie ein 2,10-Meter-Mann. "Ich bin jung, ich habe viel Energie", sagt er, der bald 46 wird. "Es würde Spaß machen, mal eine Show für den Broadway zu machen". Noch aber gefällt ihm seine private, halb zurückgezogene Existenz.

"Ich bin der Typ, der zu Elternabenden und Schulveranstaltungen geht", sagt er. Zusammen mit der Frau und zwei Kindern wohnt er nördlich von New York in einem Landhaus im Tudor-Stil. Viele Nachbarn sind Wall-Street-Millionäre. "Ich bin privat ziemlich langweilig, aber in der Gegend wirke ich wie Iggy Pop." Seine Web-Artikel schreibt er am Laptop, mal im Arbeitszimmer, teils in der Küche. Meist hackt er sie morgens in 15 Minuten herunter. "Der Nachrichtenagentur-Stil ist so schamlos schlecht, die Parodien schreiben sich fast von allein."

"Der bessere Deal"

Aus seinem Exil verfolgt Borowitz noch immer, was in Hollywood vor sich geht. Die allererste Meldung auf seiner Website hieß: "Steven Soderbergh mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet" - ein Insider-Gag. Als Produzent oder Autor will Borowitz nicht in die Filmwelt zurück, höchstens als Schauspieler. Im nächsten Film von Woody Allen, noch ohne Titel, spielt er eine Nebenrolle. Einen ersten kleinen Part übernahm er in "Mary und Bruce", der im Mai in die US-Kinos kommt. "Es klingt zwar wie eine riesige Lüge", sagt er, "aber ich spiele da zusammen mit Julianne Moore."

Diese Filmrolle, sagt Borowitz, habe ihn daran erinnert, wie es war, Produzent zu sein. "Diese Leute laufen ständig herum und sorgen sich, dass sie das Budget sprengen oder im Zeitplan zurückfallen. Ich sitze einfach da, schon geschminkt, lese eine Zeitschrift und warte, dass man mich zum Auftritt ans Set ruft. Und da denke ich mir: Das ist der viel bessere Deal."

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