US-Serien: "In Deutschland wagt man kein Risiko" - DER SPIEGEL
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US-Serien "In Deutschland wagt man kein Risiko"

Seit dieser Woche läuft die preisgekrönte US-Serie "Six Feet Under" in Deutschland. Wird sie ebenso floppen wie zuvor "Die Sopranos", "Alias" und "24"? SPIEGEL ONLINE sprach mit dem TV-Entwickler Steve Blame über die Gründe der anhaltenden Quotenschwäche amerikanischer Top-Serien im deutschen Fernsehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Blame, der Sender Vox strahlt seit dieser Woche die amerikanische Serie "Six Feet Under" aus, mit drei Jahren Verspätung und nachdem sie bereits letztes Jahr verschlüsselt auf Premiere lief. Eine weltweit bejubelte TV-Serie, die in Deutschland mal wieder verschlafen wurde?

Steve Blame: So schlimm würde ich das nicht sehen. Das Problem ist, dass die so genannten Drama-Serien auf der zweiten Ebene des deutschen Fernsehens stattfinden, also in der zweiten Market-Share-Klasse der TV-Sender verwertet werden - auf Vox, oder RTL 2.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Blame: In Deutschland gehen die Verantwortlichen kein Risiko ein. Das ist wie im Musikgeschäft: Britney Spears kommt - und dann die deutschen Blondinen, die versuchen Britney Spears zu sein. Aber wenn man auf Nummer sicher geht, bekommt man nicht den wirklichen Erfolg, sondern nur eine Kopie davon. Ich glaube, diese risikoarme und verknöcherte Struktur stoppt viele Sachen hier zu Lande. Denken Sie nur einmal daran, dass Alan Ball, der Autor von "American Beauty" ...

SPIEGEL ONLINE: ... der dafür einen Oscar erhielt ...

Blame: ... auch "Six Feet Under" geschrieben hat. Meiner Meinung nach kann man nicht mehr auf der sicheren Seite sein. Aber die Redakteure haben ein Problem damit, die Serie einzukaufen, weil die Charaktere zu schräg sind. Hinzu kommt, dass in den letzten fünf Jahren Europa die Formatwelt im Fernsehen dominiert - "Big Brother" oder "Wer wird Millionär?". All diese Sendungen laufen noch. Bei RTL oder Sat.1 verstopfen sie den Platz für amerikanische Serien. Ich kann mir vorstellen, ließe sich RTL auf ein Risiko mit "Six Feet Under" ein, könnte das auch in Deutschland funktionieren. Denn dort hat man die richtige Vermarktungspower.

SPIEGEL ONLINE: ProSieben hat stark für die Actionserie "Alias" geworben. Trotzdem sind die Quoten nicht berauschend. Fehlt uns vielleicht einfach die Tradition des Actionkinos, an die sich so eine Serie anhängt?

Blame: Das ist zu weit hergeholt. Den Eindruck erhält man nur, weil die Serien ein größeres Budget haben. Eine Episode von beispielsweise "CSI" kostet drei Millionen Dollar - dreimal so viel wie eine vergleichbare Produktion hier zu Lande. Und sie haben einen Hollywood-Produzenten wie Jerry Bruckheimer, der dahinter steht. Außerdem arbeiten Top-Autoren und Top-Regisseure an der Story. Der Autor hat in den Staaten eine ganz andere Bedeutung. Er steht für die Entwicklung der Serie, der Charaktere und arbeitet vielleicht sogar als Regisseur. Das funktioniert prima. Autor in Deutschland muss hingegen ein mieser Job sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum denn das?

Blame: Der Autor ist der Laufbursche, er wird überhaupt nicht ernst genommen. Er darf keine Entwicklung durchmachen. In Deutschland gibt es stereotype Figuren, die erlaubt sind. Das gilt besonders für Comedy. Es gibt oft einen Slapstick-Comedian. Er macht ein komisches Gesicht oder trägt ein Kleid, und alle lachen darüber. Das ist für mich eine ganz alte Form von Humor, die vor zwanzig Jahren modern war.

SPIEGEL ONLINE: Der Mut für Neues fehlt?

Blame: Ja, die Menschen, die in den Sendern Entscheidungen treffen, sind unter Druck, weil sie gute Quoten brauchen. Sie fragen sich: Versteht unser Publikum solche Serien? Ist es zu intelligent oder zu dumm? Und man sucht sich den kleinsten gemeinsamen Nenner. Das ist immer falsch. Oder man gibt zu wenig Geld für das Marketing aus. Eine Serie wie "Sex and the City" hat am Anfang deshalb nicht funktioniert. Wenn Sie sie heute auf ProSieben sehen, haben Sie einen richtigen Themenabend drum herum gebaut. Man muss als Sender zeigen, dass man hinter einer Serie steht.

SPIEGEL ONLINE: Glaubt man vielleicht, dass amerikanische Themen dem deutschen Publikum weniger zugänglich sind?

Blame: Das ist auch ein Problem. Denken Sie einmal an die Comedy-Serie "Hausmeister Krause". Man kennt so einen Typen und die dort geschilderten Situationen. Das finden die Sender gut. Die Entscheidung geht dahin, ob der Zuschauer die Situation nachvollziehen kann. Und deshalb kommt eine honorierte Serie wie "The West Wing" nicht in das deutsche Fernsehen, weil die Programmchefs denken, als Deutscher würde man amerikanische Politik nicht verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Das würde ja bedeuten, dass sich Politik im deutschen TV nicht zur Unterhaltung eignet.

Blame: Nein, alles ist Politik: Macht, Korruption, Sex. Das sind völlig banale Themen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Serien haben Handlungsstränge über mehrere Episoden. Vielleicht ist das deutsche Publikum daran nicht gewöhnt?

Blame: Die Deutschen gucken sich auch gerne Filme an - da passieren auch viele Sachen nebeneinander. Wenn man das im Kino sehen möchte, tut man das genauso im Fernsehen. Das Hauptproblem ist sicherlich, den richtigen Platz für eine Serie zu finden, wo sie erfolgreich sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Was bei "The Sopranos" um 23 Uhr sonntags im ZDF nicht der Fall war. Sie wurde abgesetzt.

Blame: Gerade beim ZDF passiert es mir, dass ich zufällig tolle Sendungen sehe, von denen ich nicht wusste, dass sie überhaupt laufen. Vielleicht lese ich die falschen Zeitschriften, aber ich hab den Eindruck, das ZDF hat ein echtes Vermarktungsproblem.

SPIEGEL ONLINE: Oder sind wir einfach schon zu sehr an billige Serien wie "Lindenstraße" gewohnt?

Blame: Das sind Serien, die überall auf der Welt laufen. In Großbritannien heißt das "Coronation Street" oder "East Enders". Sie sind für Menschen, die ein wenig Drama in ihrem Leben brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wozu sich dann überhaupt mit teuren US-Serien schmücken?

Blame: Das bringt Glaubwürdigkeit! ProSieben hat ein sehr positives Image bekommen, weil dort Serien wie "The Simpsons" und "Sex and the City" laufen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst eine Lieblingsserie?

Blame: "Six Feet Under" ist seit langem einer meiner Favoriten. Ich sehe es als Erfolg, dass ein Sender sich entschieden hat, die Serie ins Programm zu nehmen. Sie ist so spannend, intelligent, witzig und gut geschrieben. Außerdem hat mir "24" gefallen. Jetzt warte ich auf die dritte Staffel. "Sex and The City" gucke ich auch immer wieder, obwohl ich schon alle Folgen einmal gesehen habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen viel britisches und amerikanisches Fernsehen. Wo sehen Sie die Unterschiede?

Blame: Im Drama-Bereich sind die Amerikaner führend. Wenn Sie reine Formate ansehen, sind die Europäer besser. Das übernehmen gewöhnlich die Amerikaner und machen etwas Neues daraus. Sie sind mit Fernsehen geboren.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutschen haben kein Fernsehen im Blut?

Blame: Es gibt zwei Kategorien: Menschen, die Fernsehen gerne ansehen, und Menschen, die gerne dabei mitmachen. In Amerika ist jeder ein Moderator. Sie können immer jemanden auf der Straße fragen, ob er etwas für sie tut - und er würde es ziemlich gut machen. In Deutschland passiert das nicht so oft. Die Leute hier wollen die Privatsphäre behalten.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Amerikaner mehr Anteil an Fernsehserien als Deutsche?

Blame: Der Unterschied ist ein anderer: Die Amerikaner gehen gerne auf Risiko. Sie würden alles tun, um einen Erfolg anzukurbeln. Im Gegenzug sind sie aber auch schnell bereit, eine Serie abzusetzen. In Deutschland wagt man kein Risiko.

SPIEGEL ONLINE: Sie entwickeln selbst Konzepte für Serien. Auf welchen Markt konzentrieren Sie sich?

Blame: Ich habe bessere Reaktionen in England und den USA - gerade bei Sitcoms. Einmal habe ich eine Sitcom einer Produktionsfirma in Deutschland angeboten. Sie wurde mit dem Argument abgelehnt: Das ist zu witzig für Deutschland. Was ist das bitte für eine Absage?

Interview: Ulf Lippitz

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