US-Wahlkampf Venus Obama vs. Mars McCain
Kandidat Barack Obama: Vorwurf des weiblichen Narzissmus
Foto: REUTERSEndlich! Monatelang beherrschte dieser Demokrat die Schlagzeilen, lächelte hier in die Kameras, sprach dort in die Mikros. Doch jetzt glauben die Republikaner, eine kulturpolitische Bombe gegen Barack Obama gefunden zu haben. Ihre Botschaft ist einfach. Obama mag ja vielleicht prominenter sein als John McCain, auch telegener. Aber ein richtiger Kerl ist er nicht.
Solange das Duell Clinton gegen Obama nicht entschieden war, kam McCain fast nur als Fußnote im Wahlkampf vor. Doch diese demokratische Mediendominanz - kein Tag verstrich ja ohne Obama- - wollen die republikanischen Wahlkampfstrategen nun gegen die Demokraten wenden.
In einem exemplarischen Video macht McCains Werbemann Steve Schmidt Paris Hilton und Barack Obama zu exotischen Wahlverwandten (Paris Hilton selbst hat bereits mit einem Video McCain angegriffen). Als Counterparts des republikanischen Präsidentschaftskandidaten McCain changieren Barack und Paris darin zwischen Lounge und Love Parade.
Spöttisch zeigt der Spot Barack Obama in Berlin: "Die größte Celebrity der Welt!" Dann werden unvermittelt Bilder von Paris Hilton dagegen geschnitten. So begegnen sich Hilton und Obama bei den Republikanern in einer Parade der Eitelkeiten, und ihre Körpersprache fragt: "Spiegelein, Spiegelein an der Wand, wer ist die Eitelste im ganzen Land?"
"Mars versus Venus"
Der Subtext der Bilder? Sicher, Obama sieht besser aus als McCain. Doch er redet zu viel von sich selbst, und er lässt allzu gerne Videos von sich drehen - was er wiederum mit Paris Hilton gemeinsam hat.
Dieses Video ist Teil einer Strategie der Republikaner, den demokratischen Präsidentschaftskandidaten als unmännlich abzuwerten und damit als: nicht präsidentschaftsfähig.
Der Vorwurf des weiblichen Narzissmus im Stile einer Paris Hilton scheint wie maßgeschneidert. Die Republikaner zwingen Barack Obama so unter das Zeichen der Venus; ein selbstverliebter Berufsjugendlicher erscheint uns da, mit einem Spiegel in der Hand. Sich selber sehen die Republikaner im Zeichen von Mars - mit dem alten Kalten Krieger McCain als Speerspitze.
"Mars versus Venus" - mit diesem Antagonismus polemisierten Neokonservative wie der Publizist Robert Kagan in den letzten Jahren gegen Europa. Nun wenden sie ihn auf Obama an.
Die Attacke auf das vermeintliche Weichei Obama könnte Erfolg haben. Hätte Obama alle Frauen in seiner Partei hinter sich, wäre all das halb so schlimm. Doch trotz Hillary Clintons gerade erst wieder beschworener Unterstützung und ihrem dringenden Appell, die demokratische Partei solle sich hinter Obama versammeln, kann sich der Kandidat darauf nicht verlassen.
Viele Clinton-Anhänger betrachten Obama als Macho, der ihre Favoritin aus dem Weg gemobbt hat. Barack Obama steckt nun in einer Zwickmühle. Gegen McCain muss er hart auftreten. Doch hat er zu viel Stahl in seiner Stimme, wird das nur die (Vor-)Urteile des Hillary-Flügels bestätigen.
Selbst aus den eigenen Reihen und in Obamas wohlgesonnenen Medien ist immer öfter zu hören, dass es ihm an Leidenschaft für die Sache mangele, dass ihm gewisse "Angriffsgene" fehlten.
Dass Obama Joe Biden als seinen Vize-Kandidaten gewählt hat, zeigt, dass er Vergleiche wie den mit Paris Hilton scheut. Joe Biden soll ihm nicht nur außenpolitische Deckung geben, sondern gerade auch im Arbeitermilieu helfen, in dem Biden aufgewachsen ist und wo der weiche Obama sich schwertut.
Dagegen steht John McCain, der über seine eigene Familie mal behauptet hat, dass sie in psychologischer Hinsicht keinen Hang zur Selbstdarstellung hat sondern eher zur Opferbereitschaft. Wo Obama sich vermeintlich dem Narzissmus hingibt, scheint McCain dem idealistischen Masochismus zu frönen.
McCain steht durch seine Lebensgeschichte dafür, dass er auf die Vorteile der Zivilisation verzichtet, wenn es um die Freiheit geht. Sein Hilton ist nicht Paris Hilton, sondern das "Hanoi Hilton"; jenes Gefängnis des Vietcong, in dem er fünf Jahre litt.
Wegen des hohen militärischen Rangs seines Vaters bot man ihm früh die Freiheit, doch vermutlich wegen seines Ehrenkodexes und seines von ihm selbst glorifizierten Familienmasochismus lehnte er über Jahre hinweg eine vorzeitige Entlassung vor anderen, nicht-prominenten Gefangenen ab.
In der Georgien-Krise schließlich preschte McCain mit harten Worten vor, als Bush noch diplomatisch in Peking agierte - und Obama zunächst nur blasse Phrasen von Hawaii aus lieferte.
Dubios politisch-moralische Korrektheit
McCain haftet etwas Anarchisches und Wildes an, sein Gebaren hat untrennbar mit dem amerikanischen Mythos von der Freiheit im Westen zu tun, wo sich niemand etwas sagen ließ. Nicht von den Frauen, nicht von der Regierung in Washington - und damit heute auch nicht von den Venus-Europäern und deren Barack "Paris" Obama.
Schon nach dem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert fragten sich US-Schriftsteller wie Walt Whitman und Hermann Melville, ob die siegreiche städtische Bürgerkultur aus dem Nordosten eine weibliche Kultur heraufbeschworen hat, voller Regeln und dubioser politisch-moralischer Korrektheit.
Obama muss sich für sein Projekt, Amerika zu zivilisieren und die Politik moralischer zu gestalten, eben diesen kulturell aufgeladenen Mythen stellen. Denn seine Gegner dämonisieren dieses heraufziehende Amerika unter dem Zeichen der Venus, sie fürchten um "God's own country" unter dem Einfluss von städtischem Luxus und städtischer Moral - so wie es schon bei Whitman und Melville angelegt war.
Und das Markenzeichen "Paris Hilton" steht stellvertretend dafür.
Das Leben in Amerika verlor spätestens im Zeitalter der Industrialisierung viel von seiner archaisch anmutenden Autonomie. Im Gegensatz wuchs die Sorge um die Symbole der Freiheit selbst - von der amerikanischen Flagge bis zum Besitz einer Waffe.
Narziss am Flussufer
Nun kann McCain selbst zu einem Freiheitssymbol des symbolischen Konservatismus mutieren. Denn wo Bush und vor allem Reagan den Wilden Westen nur darstellten, wirkt McCains wilder Zug authentisch.
McCain ist nicht, wie oft und gern von Obama behauptet, ein Wiedergänger von George W. Bush. Stattdessen versucht er, sich unterschwellig als lebendes Freiheitsdenkmal zu inszenieren. Über Obama sagte McCain neulich: "Er hat nie seine Interessen für eure Interessen geopfert." Dies könnte für viele Amerikaner auch ein Fazit der Bush-Jahre sein.
Obama muss nun - vielleicht schon bei seiner Rede in Denver auf der Democratic Convention, mit der er seine Nominierung annehmen wird - auf McCains Strategie reagieren. Ganz so wie sich der Narziss am Flussufer von seiner eigenen Widerspiegelung trennt, muss Obama sich von seinem Weichei-Image befreien.
Obama muss rhetorisch gen Westen ziehen, er muss mit den Menschen auf dem Land seinen Frieden machen, darf nicht von oben herab reden. Er muss sich schlichter und direkter ausdrücken, seinen Juristen-Habitus genauso ablegen wie seine Haute-Couture-Anzüge. Wenn er etwas fordert, muss es unmissverständlich daherkommen, mit derselben seltenen Mischung aus Unschuld und Ruchlosigkeit, mit der Reagan einst forderte: "Mr. Gorbachev, tear down this wall!"
Barack Obama muss kein Krieger werden, das entspricht nicht seinem Naturell. Es würde reichen, wenn er den politischen Cowboy, der in ihm steckt, mehr zur Geltung bringt.
Kurz gesagt: Obama muss die Nation überzeugen, dass es bei der Wahl zwischen Masochismus und Narzissmus, zwischen männlichen und weiblichem Prinzip, zwischen der Welt als Wille und der Welt als Video einen goldenen Mittelweg gibt.