Vampirserie "Moonlight" Schrecken zum Schnarchen
"Wenn man ewig lebt, holt einen die Vergangenheit immer wieder ein", sagt Mick St. John (Alex O'Loughlin). Der so vor sich hin philosophierende Privatdetektiv muss es ja wissen, schließlich ist er ein unsterblicher Vampir und Held der Serie "Moonlight" von Trevor Muson und Ron Koslow. Das neue US-Format zeigt ProSieben unter dem Label "Mystery" in seinem Montagsprogramm. Mysteriös bleibt nach Ansicht der Pilotfolge jedoch allenfalls die Entscheidung der Senderverantwortlichen für den Einkauf, denn der hübsche Mick ist nicht nur ein untoter, sondern auch ein sterbenslangweiliger Ermittler.
Noch das kleinste Problem bleibt dabei die Tatsache, dass die Idee eines Blutsaugers im Dienst der Gerechtigkeit nicht gerade neu ist. Joss Whedons edler Dracula-Nachkomme "Angel" war der erste und mit weitem Abstand beste Stadtsheriff aus dem Sarg, und die trashige, aber immerhin kurzweilige kanadische Gruselserie "Blood Ties" präsentierte mit dem 470 Jahre alten Gangsterjäger Henry Fitzroy bereits einen Nachahmer.
Diesen ausgetretenen Pfaden folgt nun also Mick St. John, der sich vor 60 Jahren nach einem schicksalhaften Biss seiner frisch angetrauten Gattin Coraline (Shannyn Sossamon) in ein ewig junges Sagenwesen verwandelte. Im Gegensatz zu seiner hungrigen Braut, von der er sich sogleich drastisch getrennt hat, findet St. John jedoch keinen Gefallen an Trinkgelagen zu Ungunsten ahnungsloser Sterblicher. Brav bevorzugt er daher Blutkonserven und leistet im heutigen Los Angeles einen selbstauferlegten Frondienst als Bekämpfer übernatürlicher und ganz gewöhnlicher Verbrechen.
Selbstverliebte Plaudertasche
Ganz die selbstverliebte Plaudertasche schildert er zu Beginn die Details seiner Existenz. So erfährt der leidlich interessierte Zuhörer, dass Kruzifixe, Weihwasser und Holzpflöcke keine Gefahr für ihn bedeuten, zu viel Rumhängen im Tageslicht und das Abschlagen des Kopfes jedoch sehr wohl zu seinem Ableben führen. Auch seine wenigen Vertrauten stellt er uns vor, darunter der Pathologie-Assistent Guillermo (Jacob Vargas) und der ebenfalls domestizierte Mit-Vampir Josef (Jason Dohring), der ein einsamer Anflug von Humor im drögen Szenario die Menschen lieber legal als Investmentbanker bluten lässt.
Selbstverständlich braucht so ein einsamer Held auch eine leidenschaftliche Obsession, die hier in Gestalt der investigativen Online-Journalistin Beth Turner (Sophia Myles) daherkommt. Bisher beäugte St. John sie nur aus der Ferne, doch am Tatort eines bizarren Mords treffen sie schließlich aufeinander und begeben sich gemeinsam auf Tätersuche.
Wer zu diesem Zeitpunkt schon friedlich in der Sofagruft schlummert, sei der Form halber informiert: Es geht um schwarzgewandete Studentengruppen, altägyptische Rituale und Blutkult - also um jenen groben und sehr vertrauten Unfug, der bei den "X-Files" immer nur die schmalen Nebenakten füllte.
Ach ja, St. John und die forsche Reporterdarstellerin sind obendrein durch ein gemeinsames, traumatisches Erlebnis aus der Vergangenheit miteinander verbunden. Aber wen diese plump angekündigte Enthüllung überrascht, erschrickt sich wahrscheinlich auch vor Plastikfledermäusen. "Wie alle guten Detektivgeschichten beginnt die hier mit einer Frau" will der nachtaktive Möchtegern-Marlowe seinem Publikum noch dreist weismachen. Das einzig Gute an dieser blutarmen Mär ist jedoch lediglich der Umstand, dass sie gnädigerweise in absehbarere Zeit ein Ende findet.
Müder Nachtwächter
Wer ewig lebt, hat jedenfalls viel Zeit zum Reden, denn das Voiceover St. Johns ist hier das gleichsam dominante wie penetrante Stilmittel der Wahl. Wohl seit dem seligen "Magnum" salbaderte kein Serienschnüffler so unermüdlich über alle gähnenden Handlungslöcher hinweg, nur dass dem Erzähler in diesem Fall jedwede Fähigkeit zu Witz oder gar Selbstironie abgeht.
Augenscheinlich von einem ideenlosen Seifenoperautoren gebissen, steht der schöngefönte Mick St. John so für eine Menge Groschenkitsch samt Neonlicht in Regenpfützen, absurd großen Hochhauslofts zum Rumbrüten und Trockeneisnebel, wenn es denn schaurig aussehen soll. Was dagegen völlig fehlt, sind der Spaß am Spiel mit dem Vampirmythos, sympathische Figuren und eine Ahnung von Originalität.
Um den Grad des Versagens ultimativ zu verdeutlichen: Selbst Oberbademeister David Hasselhoff zeigte in seinem lachhaften Horrorableger "Baywatch Nights" mehr Elan bei der Hatz nach Gummimonstern als dieser müde Nachtwächter. "Moonlight" sagt ständig Stephen King, meint aber eigentlich Sidney Sheldon und gehört damit zum gleichen uninspirierten, kreuzdoofen Biedermeier-Beelzebub-Gedöns wie die Spukserie "Charmed". Die läuft erschreckenderweise immer noch, und wenn so die Zukunft der phantastischen Fernsehfiktion aussieht, dann gute Nacht.
Korrektur: Fälschlicherweise schrieben wir in einer früheren Version des Textes, die Serie hieße in Deutschland "Mystery". Das ist nicht richtig: ProSieben strahlt "Moonlight" unter dem Originaltitel aus