Vatertag: Männer, entspannt euch! - DER SPIEGEL
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Väter heute Männer, entspannt euch!

Am Vatertag darf man das doch fragen: Papa, gehst du heute mit deinen Kumpels saufen - oder mit deinen Kindern spielen? Angeblich sind die neuen Väter engagiert wie nie, aber was ist da wirklich dran?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heute sind wieder die Väter los. Viele von ihnen nicht mit dem Nachwuchs im Kinder-, sondern mit Bier und Apfelkorn im Bollerwagen. Ganz sicher werden einige wie jedes Jahr unter Beweis stellen, wie viel Alkohol eigentlich reingeht in so einen Mann. Prügeleien und Verkehrsunfälle erreichen am Vatertag ja traditionell rekordverdächtige Werte.

An Himmelfahrt säuft Papa eben doch lieber mit seinen Kumpels. Dabei soll doch alles so neu sein zwischen Männern, Kindern und Partnerinnen. "Neue Väter" ist eines der Schlagwörter der Stunde. Papas sind einem öffentlichen Narrativ zufolge schon lange nicht mehr nur als Ernährer gefragt. Sie haben sich verwandelt in zugewandte, butterbrotschmierende, wäschewaschende, windelwechselnde, Babytragen tragende Familientiere.

Sogar die "Bild am Sonntag" hat dieses brennende Thema am vergangenen Sonntag auf die Titelseite gehievt, mainstreamiger geht es nun wirklich nicht. Sechs Beispielmänner gewähren dort Einblick in ihre Vater-Philosophie, vom Bücher schreibenden Hausmann bis zum alleinerziehenden mit Migrationshintergrund.

Ein Werbespot für eine Supermarktkette, in dem Männer zu sehen sind, die ihrem Kind einen Basketball ins Gesicht werfen, brachte kurz zuvor das neue Väterblut mächtig in Wallung: Petitionen zum Boykott wurden gestartet, in sozialen Medien Aufrufe gegen Männerdiskriminierung veröffentlicht, und schließlich sah sich sogar der Werberat genötigt, das Filmchen zu verurteilen. Väter können keine Mädchenhaare kämmen, ohne dass es ziept? Pah, Frechheit!

Ganz offensichtlich fühlen sich einige Männer ernsthaft auf die Zehen getreten, wenn man sich über ihre Fähigkeiten in Sachen Nachwuchs-Aufzucht lustig macht. So gut wie die Mütter können wir das schon lange, hört man es förmlich wutschnauben. Eine sehr männliche Verspanntheit ist in den Diskussionen zu spüren, eine Humorlosigkeit, die sich jede noch so ironische Kritik am sorgfältig zurechtgebastelten Selbstbild verbittet.

Ja, Papas holen auf, aber...

Dabei wären Väter gut beraten, sich selbst nicht so furchtbar ernst zu nehmen - und vor allem Kritik von Frauen zuzulassen, die noch nicht so recht an das neue Papa-Kind-Familienparadies glauben mögen. Denn so weit, wie wir glauben, sind wir noch lange nicht.

Das zeigen aktuelle Zahlen, angesichts derer dem übersteigerten neuen Vaterkomplex so schnell die Luft entweichen sollte wie einer Hüpfburg mit Loch. 433.000 Männer bezogen 2018 laut Statistischem Bundesamt Elterngeld - im Vergleich zu 1,4 Millionen Frauen. Mütter blieben für ihre Kinder im Durchschnitt 11,7 Monate zu Hause - Väter drei Monate. Natürlich, Papas holen auf, aber die Entwicklung geht wesentlich langsamer voran, als viele Männer wahrhaben wollen.

Dass gerade in ihrer Selbsteinschätzung engagierte Väter sich von Kritik angegriffen fühlen, lässt tief blicken. Die US-amerikanische Psychologin Darcy Lockman schreibt in ihrem neuen Buch  "All The Rage: Mothers, Fathers, And The Myth Of Equal Partnership", auch die sogenannten "guten Väter" seien Meister darin, sich Haus- und Erziehungsarbeit zu verweigern. Oft mit dem Hinweis darauf, Mütter seien eben einfach zu perfektionistisch und ließen sich ohnehin nicht von vermeintlich überflüssigen Tätigkeiten wie Spülen, Saugen und Waschen abhalten.

Auch für Deutschland sind die Zahlen des Statistischen Bundesamtes eindeutig: 2016 leisteten 72 Prozent der Frauen Hausarbeit, im Vergleich zu 29 Prozent der Männer. Für Männer ist es also schlicht nicht angebracht, sich mit schicken Instagram-Storys über den letzten Ausflug mit dem Kind in den Wald in den Vordergrund zu spielen und beleidigt aufzuheulen, wenn ihr sorgsam zurechtgebasteltes Rollenbild infrage gestellt wird.

Wirkmächtige Rollenbilder

Natürlich gibt es handfeste wirtschaftliche Gründe dafür, dass sich ein traditionelles Familienmodell hält, bei dem der Vater in Vollzeit arbeitet und die Mutter ganz oder größtenteils zu Hause bleibt. Der Staat unterstützt es immer noch nach Kräften, Stichwort: Ehegattensplitting. Aber noch viel wirkmächtiger sind die traditionellen Rollenbilder, die Mütter und Väter bewusst und unbewusst beeinflussen.

Die Art und Weise, wie heute über Väter gesprochen und geschrieben wird, zeigt die tiefe Verunsicherung, die viele hinsichtlich ihres Geschlechtsbildes offensichtlich umtreibt. Noch immer erscheint das Klischee des Mann-Seins als unvereinbar mit dem Bild des fürsorglichen Vaters. Selbst die "BamS" fragt misstrauisch: "Sind Männer heute anders - oder tun sie nur so?" Und präsentiert Auszüge eines neuen Buches des Familientherapeuten Jesper Juul, dessen Titel den vermeintlichen Gegensatz auf das Äußerste verknappt: "Mann & Vater sein". Ganz so, als bedürfe es einer großen Willensanstrengung, das Eine mit dem Anderen zur Deckung zu bringen.

Juul schreibt Sätze wie: "Verglichen mit der Mutter deines Kindes bist du als Vater ein Amateur." Und rät wohlmeinend: "Versuche niemals, deine Frau zu kopieren!" Männer sollten ihre Frauen durchaus beim Windelwechseln und Füttern beobachten, aber darauf achten, einen eigenen Zugang zu ihrem Kind zu finden. Ach so?

Familien als Puls der Gesellschaft

Dass Männer eine eigene Beziehung zu ihrem Kind aufbauen sollten, ist doch die größte Selbstverständlichkeit überhaupt; und dass Frauen qua Geschlecht ein besseres Händchen beim Windelwechseln haben sollen, ist nicht nur ein Gerücht, sondern ein rückwärtsgewandtes Stereotyp, das auf vermeintlich von der Biologie vorgegebene Geschlechterbilder zurückgreift.

Und doch passt Juuls Buch auf verquere Weise in die Gegenwart. Diskussionen um Väter, Mütter und Kinder berühren das Intimste. Gleichzeitig tasten sie nach dem Puls der Gesellschaft, die anhand der Situation von Familien sehen will, wo sie eigentlich steht. Und genau da wird es eben schwierig und uneindeutig, weil heute so viele Lebensmodelle unvermittelt nebeneinanderstehen.

Dabei kann das vermeintlich Komplizierte so einfach sein, zumindest für die Väter, die wirklich engagiert in der Familienarbeit und Kindererziehung sein wollen. Sie übernehmen ganz selbstverständlich Teile der Hausarbeit. Sie verbringen so viel Zeit wie möglich mit ihren Söhnen und Töchtern, und zwar keine "quality time", sondern Alltagszeit. Ihnen schmilzt das Herz genauso oft vor Rührung, wie sie ihre Wut und ihren Frust nur mühsam unter Kontrolle halten. Sie kennen das Glück eines gemeinsamen Freibadausflugs genauso wie die Agonie eines nicht enden wollenden, verregneten Winternachmittags zu Hause.

Vielleicht hilft ja ein simpler Selbsttest bei der Frage danach, ob man nun ein engagierter Vater ist oder nicht:

  • Wann haben Sie ihrem Kind zuletzt die Fingernägel geschnitten?

  • Wie heißen die besten Freunde und Freundinnen Ihres Kindes, und ist die Nummer Eins von vorgestern heute noch Spitzenreiter?

  • Welche Kleidergröße trägt ihr Kind gerade?

  • Darf der Löffel für das Frühstücksmüsli in die Schüssel gesteckt werden, oder muss er daneben auf dem Tisch liegen, weil sonst ein Tobsuchtsanfall droht?

  • Und wo ist verdammt nochmal diese geblümte Socke abgeblieben, die vor der letzten Wäsche noch da war und heute zum Einsatz kommen muss, weil einfach keine andere mehr sauber ist?

  • Ach ja: Und man könnte natürlich den Vatertag mit seinen Kindern verbringen. Vielleicht gibt's sogar Blumen von der Mama!