Veränderung: Tatsachen schaffen, nicht jammern - Kolumne - DER SPIEGEL
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meinung •Veränderung Ist doch Stulle, was die anderen denken

Jammern ändert nichts, weder den Partner noch die Populisten. Die Beziehung oder die Welt verbessert man nur, indem man Tatsachen schafft. Eine Kolumne von Sibylle Berg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gibt es eigentlich etwas Unangenehmeres, als ständig zu hören, dass man ein Vollidiot ist? Nicht genügt, blöd ist, ungeschickt - ein fehlerhaftes Exemplar.

Du hast schon wieder nicht den Müll runtergebracht, mich nicht wahrgenommen, nicht auf mich Rücksicht genommen, du hast schon wieder im Stehen gepinkelt, auf den Boden gespuckt. Du interessierst dich nicht für mich. Der letztgenannte Vorwurf ist so ein Killersatz in sogenannten Liebesbeziehungen. Im besten Fall löst er beim Beschuldigten ein kurzes Nachdenken aus: Ja, stimmt eigentlich, ich interessiere mich null für dich, dann packe ich mal lieber meine Sachen und gehe.

Der gemeine Vorwurf trägt immer dieselbe Botschaft: Du, Mensch, genügst nicht, und ich weiß es besser. Vorwürfe killen Wohlgefühl, Vertrauen, Humor, Leichtigkeit und gute Laune. Und führen zu einer wachsenden Verachtung für die Nervensäge, den Quengler.

Vorwürfe resultieren aus Ohnmacht. Oder Dummheit. Und Sie bewirken nichts. Außer Überdruss.

So wie man im Privaten kaum die Haustür öffnen und die Wohnung betreten möchte, wenn sich dahinter ein dauerquengelnder Partner verbirgt, ist es auch im öffentlichen Raum. Man will die Scheiße nicht mehr hören. Nicht dieses: Ihr seid sexistisch, rassistisch, irgendwie istisch. Nicht: Ihr seid Gut- oder Schlechtmenschen, Feministen, Rassisten, AfD-Honks, ihr seid, ihr habt, ihr macht - quengel, quengel. Aufgrund eines jahrelangen Selbstversuchs weiß ich: Der Benörgelte ändert sich nicht, sondern er macht erst recht weiter.

Sie sind gegen Sexismus? Sexisten Sie zurück!

Die Beziehung oder die Welt ändert man, wenn überhaupt, nur mit der Herstellung von Tatsachen. Von einem Partner oder einer Partnerin, der oder die einem ständig etwas vorwirft, verabschiedet man sich mit einem freundlichen Handschlag, der Welt begegnet man ebenso. Man verabschiedet sich von ihr. Kleiner Scherz. Man versucht, seinen Überzeugung zu folgen, sucht sich Gleichgesinnte, und übt sich in der humorvollen, freundlichen Behauptung seines Platzes in der Welt. Soso, es gibt in einer Partei also Sexismus. Wie lustig, wo gibt es den denn nicht. Und was macht man da? Man sexistet am besten zurück. Sie wollen nicht große süße Maus genannt werden? Dann antworten Sie einfach: Wen haben wir denn da - einen drolligen Fickhamster! Freundlich lächeln, Abgang.

Ihnen passt die AfD nicht? Hören Sie auf, ihren Anhängern Vorwürfe zu machen, sie Rassisten und Idioten zu nennen. Machen Sie eine eigene Partei auf, oder wenn Sie schon in einer Partei sind, dann holen Sie sich verdammt noch mal die Wähler wieder. Nicht mit Phrasen: Wir wollen soziale Gerechtigkeit, blablabla, sondern mit klaren Worten. Fakten schaffen. Nicht jammern. Ich weiß, dass es in manchen Bereichen schwer ist, seinen Humor zu bewahren, etwa wenn man schwach ist oder krank, wenn man immer wieder Blödheit und Vorurteilen begegnet, Rassismus und Homophobie. Aber leider: Quengeln hilft nichts. Mut hilft. Sich outen hilft, Kampfsport hilft. Kommentare nicht lesen hilft, das Grundrauschen der Dummheit ignorieren hilft.

Es gibt keine tollen Drehbücher und Filme von Frauen? Fuck, dann machen Sie doch einfach welche. Es gibt Homophobie im Fußball? Verdammt, dann outen Sie sich und scheißen Sie auf den Shitstorm. Wenn man davon ausgeht, dass man fast allen Menschen egal ist, dass man weder ihre Liebe noch ihre Gesellschaft benötigt, dann ist es doch Stulle, was sie von einem denken. Da alle bald sterben werden, sind wir doch eigentlich eher lächerlich, oder im guten Fall lustig.

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Foto: SPIEGEL ONLINE