"Verrückt nach Clara": Liebe eher ungewöhnlich - DER SPIEGEL
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"Verrückt nach Clara" Liebe eher ungewöhnlich

Berliner Altbau-Glück einmal anders: Mit der tragikomischen Serien-Romanze "Verrückt nach Clara" versucht ProSieben, das metrosexuelle Flair der Hauptstadt einzufangen und paart eine hippe Hetero-Frau mit einem coolen Schwulen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit der Sexualität ist das so eine Sache. Hat man sie endlich für sich persönlich ausdefiniert, lässt sie sich oft schrecklich schwer mit dem eigenen Gefühlshaushalt in Einklang bringen. Die Lust, das Herz, der Verstand: Diese drei Instanzen müssen in einem komplexen Prozess aufeinander abgestimmt werden. Beim einen geht das ganz schnell und von ganz alleine, beim anderen dauert das ein Leben lang. Man könnte Endlos-Serien darüber drehen.

"Verrückt nach Clara", das neue Prestige-Objekt von ProSieben, ist erstmal nur auf acht Folgen angelegt. Aber die emotionale und hormonelle Gemengelage entpuppt sich hier als einigermaßen vertrackt: Clara (Julia-Maria Köhler) ist Ende 20, hat einen prima Job bei einem Berliner Magazin und lebt in einer schönen Wohnung mit einem Traummann zusammen, der sie sehr liebt. Also von ganzem Herzen – aber nicht sehr körperlich. Denn Paul (Sascha Göpel) ist schwul.

So kuscheln und klammern sich die beiden aneinander. Eigentlich das perfekte Paar, zumal die beiden auf im Straßencafé in trauter Zweisamkeit Männerhintern fixieren und taxieren können. Doch immer wieder grätscht die Libido in dieses Berliner Altbau-Glück; getrennt voneinander gehen die beiden auf amouröse Entdeckungstouren mit meist sehr ernüchterndem Ausgang. In einer traurigen Nacht landen sie dann doch zusammen im Bett, Clara erwartet bald darauf ein Baby. Ein Kind der Liebe, gezeugt im sexuellen Frust. Das macht die Sache nun wirklich kompliziert.

Ein bisschen gegruselt hat man sich schon, als bekannt wurde, dass ProSieben eine Serie in Auftrag gibt, in der das metrosexuelle Flair eingefangen werden sollte, das man Berlin-Mitte nachsagt. Legte der Münchner Sender bei seinen Eigenproduktionen in Sachen Geschlechterkonzeptionen doch bislang die Feinfühligkeit einer Klospülung an den Tag. Sexuelles Aufbegehren oder gleichgeschlechtliche Liebe – bei ProSieben heißt das meist Sekretärinnen im Prosecco-Vollrausch ("Im Namen der Braut") oder Testosteronmonster in Frauenkleidern ("Andersrum").

Unerreichte Radikalität

Die tragikomische Sinnsucherserie "Verrückt nach Clara" beweist da nun ein bisschen mehr Klasse. Relativ konsequent werden Motive und Erzähltechniken ausländischer Fernsehhits auf das Berliner Paarungssoziotop übertragen. Als Vorlage diente die französische Serie "Clara Sheller"; es gibt aber auch Ähnlichkeiten mit US-Formaten wie "Queer As Folk" oder "The L Word" (liefen beide bei ProSieben), in denen das komische als auch das melodramatische Potenzial der Gay-Community ausgeschöpft wird.

Natürlich, die Radikalität der Vorbilder bleibt über weite Strecken unerreicht. In den schlechteren Momenten kommt "Verrückt nach Clara" sogar wie ein biederer Abklatsch von "Sex And The City" daher, in der die Riemchensandaletten der Sexkolumnen schreibenden Heldin das Maß aller Dinge darstellt. Und Berlin wird ausgeleuchtet wie eine einzige große volle Schaufensterauslage. Da mutet die Serie an, als hätte die für Geschenktipps zuständige Redakteurin einer Frauenzeitschrift die Ausstattung organisiert – und die Dialoge leider gleich noch mit dazu.

Beachtlich allerdings, wie sich in diesem süßlichen Kaffeegebäckszenario, mit dem man sicherlich bestens Werbeminuten verkaufen kann, nach und nach die Möglichkeit eines etwas anderen Lebensentwurfes breit macht. Der Fernsehzuschauer muss zwar schon allerhand vermeintlich authentisches Medienheinigesülze und Klamotten-Chichi über sich ergehen lassen, doch dann erschließt sich langsam die Qualität der Serie: Jede der Hauptfiguren ist ein bisschen mehr als das Klischee, das die Verwertungslogik der Fernsehwelt für sie bereithält. Der Rollenzuschreibungsmechanismus, den ja gerade ProSieben mit seinen vielen selbstproduzierten Single-Dinner- und Hochzeitsglocken-Soaps befeuert, wird in "Verrückt nach Clara" zuweilen lustvoll hintertrieben.

Sinnsuche als schmerzhafter Prozess

Es gibt hier nämlich erstmal keine einheitliche Bestimmung, der die urbanen Glücksritter zugeführt werden. Heiraten ist eine Option, alleine zu bleiben eine weitere. Dazwischen gibt es aber auch noch etliche weitere. Die Sinnsuche wird als durchaus schmerzhafter Prozess in Szene gesetzt; das partielle Unvermögen der Figuren, sich mit sich selbst zu arrangieren, wird mal heiter und mal grimmig in Szene gesetzt.

Das gilt sowohl für die Titelheldin, die als Mischung aus Holly Golightly und Frauenzeitschriftenspießerin durch Redaktion und Nachtleben irrt, als auch für ihren Quasi-Lebensgefährten Paul. Mamis Liebling, Fake-Hetero, bester Freund, schwuler Spießer, cooler Aufreißer – der Verlagsmanager muss zwischen den verschiedenen Möglichkeiten, die ihm das Leben bereithält, noch vermitteln. So einfach, ihm ein schnelles Erweckungserlebnis zu schenken, machen es ihm die Macher von "Verrückt nach Clara" jedenfalls nicht.

In einer der stärksten Szenen feiert Paul sein eher unfreiwilliges Coming-out in einem Schwulenclub. Auf der Tanzfläche reißt er vergnügungswillig die Arme hoch, doch in den Rhythmus will er sich so recht nicht einfinden. Ein Schwuler unter Schwulen – der sich doch nur zurückwünscht zur Hetero-Freundin auf die Couch. Das ist vielleicht die zentrale Erkenntnis der Serie: Zuhause ist da, wo man keine Rolle zu spielen hat.


Verrückt nach Clara, ab heute, 20.15 Uhr, ProSieben

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