Verstehen Sie Haas?: Busenfreunde der Hoffnung - DER SPIEGEL
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Verstehen Sie Haas? Busenfreunde der Hoffnung

Das Dekolleté ist die neue Problemzone im Wahlkampf. Vollbusige Werbung geht Hand in Hand mit vollmundigen Versprechen. Doch wenn sich Politikerinnen brüsten, was sagt das über unser kulturelles Klima?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schlägt nun die Stunde der feuilletonistischen Grabscher? Noch nie war es leichter, einer Frau ins Dekolleté zu spähen; unter dem Vorwand der Kulturkritik dürfen die Exegeten der Verhältnisse sich endlich jener Zone widmen, der sowieso das Streben vieler Männer gilt: der weiblichen Brust.

Einblicke, Ausblicke - politische Werbung geht in die Tiefe. Das beruhigt

Einblicke, Ausblicke - politische Werbung geht in die Tiefe. Das beruhigt

Foto: REUTERS

Aber es ist ja auch verständlich: In den fülligen Hügeln mögen viele jene blühenden Landschaften erkennen, die man noch vor rund 20 Jahren in Aussicht stellte. Und mehr noch: Das berühmte Opernfoto der Kanzlerin, von der ausländischen Presse hämisch mit weapons of mass distraction betitelt, war ein Versprechen jenseits der politischen und kulturellen Gegebenheiten. Von Fülle und Gesundheit sprach dieses Bild, nicht eine Kanzlerin präsentierte hier die Insignien der Macht, sondern die Mutter der Nation setzte Signale der Geborgenheit.

Zuwachs an Hoffnung

"Wir haben mehr zu bieten" ist nun der Slogan des Busenbilds von CDU-Politikerin Vera Lengsfeld, und dies ist nicht nur eine Kampfansage an die Konkurrenzparteien, es ist auch eine grundlegende Klarstellung zwischen den Geschlechtern.

Mehr? Natürlich hab ihr mehr, ruft der XY-Chromosomenträger beglückt, und das ist ja gut so! Wenn alles verschlankt wird, die Mode, die Autos, die Fernseher (Flat Screen), wie wohltuend ist es dann, wenigstens noch diese eine üppige Perspektive zu haben.

Die modisch-mediale Avantgarde hat das grundlegende Bedürfnis nach Rundung und Wölbung, verstanden als Zeichen eines nährenden Umschließens, schon vor der politischen Elite aufgegriffen.

Karl Lagerfeld zum Beispiel, kunstsinnigster Vertreter der ästhetischen Hungerhaken, zeigt sich in letzter Zeit häufiger mit der barocken Poplady Beth Ditto (95 Kilo).

Zuvor hatte Alexandra Shulman, die Chefredakteurin der britischen "Vogue", einen Brief an die führenden Designer geschrieben und erklärt, die aktuelle Mode passe nur noch herunter gehungerten Gestalten.

Das politische Brüstungsritual wirkt dieser Auszehrungskunst entgegen, so wie es auch das reale Körperbild in Richtung einer glücklichen Sinnlichkeit korrigiert.

Vergessen wir nicht: Bei Frauen vermännlichte sich in den letzten Jahren die Silhouette (mehr Taille, weniger Brust und Hüften), bei Männern fand eine Verweiblichung statt. Das ergab die letzte Reihenmessung des Textilforschungszentrums Hohenstein.

Mehr und Wert

Man kann dies als Übersetzung feministischer Ideen in physiognomische Formen begrüßen, aber die Tendenz ist gefährlich: Sind die Flexibilitätsgebote der modernen Erwerbsgesellschaft denn grenzenlos?, werden vor allem Männer fragen.

Sie sind es nicht, das Busenmassiv ragt in die politische Landschaft hinein, als Monument der Eindeutigkeit. Die Wahlprogramme sind Wischiwaschi, alle versprechen mehr oder weniger dasselbe, die Schwarzen machen rote Politik, die Roten wissen ideologisch nicht wohin - alles Makulatur in Anbetracht diese offensiven Materialismus.

Und ist es nicht schön, dass er sich, wie im Fall der Union, mit wertkonservativen Haltungen kombinieren lässt? Man muss ihnen nur den obersten Hemdknopf lockern - oder ein paar mehr, bis ein richtig tiefes Dekolleté draus wird.