Verstehen Sie Haas? Dich holt der Räuchermann!
Neulich war ich in Wien und habe mir Hermann Nitschs "Orgien Mysterien Theater" angesehen. Nitsch, Sie wissen, schon: Aktionskunst, tote Schweine, kistenweise Gedärm, nackige Darsteller, die mit Blut beschmiert werden. Das Ganze dauerte siebeneinhalb Stunden, stank entsetzlich und kostete 75 Euro.
Gegenüber fand der Christkindlmarkt statt, da stank es nach Glühwein, Bratwürsten und gebrannten Mandeln. Am späteren Abend, als Nitsch und seine Gefolgschaft einen ausgeweideten und gekreuzigten Stier ums Burgtheater schleppten, kamen die Christkindlmarktbesucher mal kurz rüber, um zu sehen, was so geht in der fleischverarbeitenden Kulturszene. "Dös san ja krasse Bilder!", sagte ein Jugendlicher.
Ich möchte diesem jungen Mann, der sein Entsetzen über das Gesehene vermutlich anschließend in Punsch ertränkt hat, an dieser Stelle zurufen: Die krassesten Bilder produzieren immer noch wir Deutschen. Wenn man nämlich auf einen der 2500 hiesigen Christkindl-, Weihnachts- und Adventsmärkte geht, die bis Ende des Jahres von 160 Millionen Menschen besucht werden sollen, dann kann man Dinge sehen, gegen die wirkt Nitschs Schlachtplatte regelrecht kulinarisch.
Zum Beispiel beim Stollenfest in Dresden. Da wird ein rund vier Tonnen schwerer Riesen-Christstollen von den Besuchern verschlungen. Dazu treten rund 1600 Künstler auf, darunter 21 Chöre und sechs Bergmannsorchester. Nur mal zum Vergleich: Bei Nitschs Mysterien-Sause kamen nur ein Orchester und eine Blaskapelle zum Einsatz, verspeist wurde gar nichts. Vier Tonnen Christstollen! Ein Rosinenmandelpuderzucker-Bacchanal! Die Fieberphantasie eines bulimischen Nikolaus! Da kann sich der Nitsch eine Scheibe abschneiden.
In Nürnberg sind sie noch extremer: Ich habe gelesen, dass dort das "Christkind höchstpersönlich" das weihnachtliche Markttreiben mit einem feierlichen Prolog einleiten muss. Zur Stärkung werden traditionelle Nürnberger Lebkuchen verkauft. Nitsch mag Kunststudentinnen ausziehen und auf Schweinekadaver binden, aber das Christkind würde er in Ruhe lassen. In Nürnberg aber kennen sie keine Gnade: Pass mal auf, Christkind, dein Sonderstatus als metaphysischer Evergreen in Ehren, aber der Job muss gemacht werden. Jetzt mal ran an die Buletten beziehungsweise die Lebkuchen, von einem spirituellen Image allein kommt kein Cent in die Kasse.
In Chemnitz schüchtern sie die Leute mit traditioneller Bergmannskunst aus dem Erzgebirge ein. Dort stehen auf dem Weihnachtsmarkt übermannsgroße Holzfiguren wie "Nussknacker, Reiterlein und Räuchermann" zwischen den Buden. Ich finde das bedrohlich, so ein drei Meter großer Nussknacker mit Michael-Schumacher-Unterkiefer. Und der Räuchermann! Das klingt schlimmer als der "Krawattenmann" (zu dem wurde Ulrich Wickert gerade gewählt). Pass auf, sonst holt dich der Räuchermann, und dann kannst du dich einsalzen lassen!
Bei uns im Norden sind sie ganz besonders fies: In der Lübecker Altstadt gehört zum Weihnachtsmarkt ein Märchenwald. "Zwischen 500 Tannen werden Kinder in die Welt der Gebrüder Grimm entführt", hieß es in einer Pressemeldung. 500 Tannen - das ist mehr Wald, als die meisten Norddeutschen in ihrem ganzen Leben zu Gesicht bekommen. Für einen, sagen wir, Zehnjährigen muss das regelrecht traumatisierend sein.
Und die Entführung in die Welt der Gebrüder Grimm: Jeder Hobby-Psychoanalytiker weiß, dass mit Märchen nicht zu spaßen ist. Ein Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt, und schon müssen Sie ihrem halbwüchsigen Sohnemann Ödipuskomplex und Vatermord-Theorie auseinandersetzen: "Nein, Sören, der Däumling ist keine Chiffre für Insuffizienzgefühle, und Lebkuchen gibt's jetzt auch keine mehr."
Spätestens jetzt wird mein österreichischer junger Freund erkennen, dass Nitsch und seine Hämoglobin-Party harmlos waren. Wirklich krass? Ist Weihnachten in Deutschland. Schwein gehabt, Österreich.