Verstehen Sie Haas? Ein Herz für Tiere
Ich bin nicht tierisch gebildet, aber ich weiß, wo meine Spezies aufhört und eine andere anfängt. Es gibt bei mir ein, wie ich finde, vollkommen natürliches Abgrenzungsbedürfnis. Zum Beispiel Grizzlys - kein Umgang für mich. Timothy Treadwell hat sich als Bärenflüsterer jahrelang mit den Pelzriesen rumgetrieben und wurde am Ende von einem gefrühstückt.
"I love you!", soll Treadwell immer zu seinen vermeintlichen Bärenkumpels gesagt haben, und die haben vermutlich gedacht: Schau an, Futter, das sprechen kann. Womöglich haben sie sich gekannt, der Bär und Treadwell, schließlich hat der Mann die Tiere pausenlos gefilmt. Der Bär war männlich, 28 Jahre alt und soll bis zum Zeitpunkt seiner Speiseplanerweiterung unauffällig gewesen sein. Vielleicht wurde es ihm irgendwann zu stressig: Immer im Fernsehen, keine Privatsphäre mehr, dazu dieses ranschmeißerische "Ich liebe dich", das geht auf keine Kuhhaut und auch auf kein Bärenfell.
Steve Irwin, der unlängst von einem Rochen erstochen wurde, hatte auch so seine Probleme mit der Selbstwahrnehmung. Reiste zum Beispiel in die Antarktis, wo er "Pinguine und Robben zu sehr genervt" haben soll, wie ein Zeitung berichtet. Kann man sich richtig vorstellen: Riesiges Filmteam, jede Menge Equipment, schlechtes Catering mit zuviel Mayonnaise im Heringsalat. Und dann diese Kreativschikane der Medienfuzzis: "Ich will jetzt mal ein richtiges Watscheln sehen, Freunde, sonst machen wir die Show mit den Eisbären!"
"Ich habe die Wildnis im Erbgut", hat Irwin einmal gesagt den DNA-Strang möchte ich sehen. In meinem Erbgut ist das Wissen verankert, dass Krokodile einem nur als Handtasche zu Leibe rücken sollten. Der Python löst bei mir schon beim bloßen Anschauen Würgen aus, und die sogenannten Steinfische, die Irwin an seinem Todestag in Australien gesucht haben soll, müssen in meiner Nähe gar nicht erst auftauchen.
Haben sie übrigens auch nicht getan, als Irwins Team am Batt Riff die hochgiftigen Tiere filmen wollte. Hatten sich so gut getarnt, dass der Kameramann vermutlich gedacht hat: Mist, nix, alles Steine hier. Und der Steinfisch hat sich gefreut, dass er sich ganz traditionell für den Geröll-Look und gegen die neuen Assimilationstrends (Cola-Dose, Wrackteil, Surfboard) entschieden hat.
Stachel mir bloß nicht den Rochen auf!
Dafür hat es aber den Stachelrochen erwischt. Ich stelle mir vor, wie noch alle blöd rumgewitzelt haben: Stachel mir bloß den Rochen nicht auf! Ich finde das mit den Rochen eine Spitzenidee! Und dann: Zack, macht der Fisch einen Abstecher in die Herzgegend, und aus die Maus. Das Ganze ist natürlich furchtbar, ja tragisch, auch wenn Experten wie der Tierfilmer Ernst Arendt sagen: Kein Wunder, Irwins "Zirkusnummern verzerren das Bild der Natur".
Total verzerrt ist auch die Naturauffassung jener Irwin-Fans, die ihr Idol jetzt rächen wollen. "Der Rochen, von dem der tödliche Stich stammte, wird so bald keine Ruhe finden", schrieb eine Zeitung. Man wolle den "Mörder" jagen und töten. Was glauben diese Leute, was sich in so einem Fischkopf abspielt? "Bleib cool - nee, ich stech den ab!" - "Flossen weg, bringt nur Ärger - noch ein Foto, und du bist Fischfutter!" Und irgendwann macht man dem Goldfisch Vorwürfe, weil er immer im Kreis schwimmt.
Unser Hund hat meine Schwester gebissen, rufe ich deshalb zum Pudel-Pogrom auf? Mein Sofa hat peinliche Verzierungen, müssen Deutschlands Wellensittiche deshalb ein Massaker fürchten? Natürlich nicht. Denn ich weiß, was ich bin: ein Mensch, allen anderen Arten überlegen, der Herrscher über Rochen und Grizzlys, die ich verschwinden lassen kann per Knopfdruck. Solange sie sich weiter im Fernsehen herumtreiben. Dort, wo sie hingehören.