Verstehen Sie Haas?: Flatrate-Gangster mit Botschaft - DER SPIEGEL
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Verstehen Sie Haas? Flatrate-Gangster mit Botschaft

Schluck! Solche Leute machen Politik! Ausgerechnet Botschaftsangehörige kombinieren Trink- und Fahrspaß zum hochprozentigen Sicherheitsrisiko in deutschen Großstädten. Mal ganz undiplomatisch gefragt: Geht's noch?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was ist die Quersumme aus einem Gangster-Rapper und einem Flatrate-Säufer? Sie kommen nicht drauf, und wenn, ist es vielleicht schon zu spät: Sie liegen im Krankenhaus und rätseln, wem sie drei Monate Reha und ein zerknülltes Auto verdanken. Deshalb sage ich es Ihnen jetzt, quasi präventiv: Die Synthese aus Gangster-Rapper und Flatrate-Trinker ist der Diplomat.

Der Gangster-Rapper schwärmt von der Fahrt "mit dem 7er durch die Dreißigerzone" (Bushido) und beschimpft Konkurrenten als "Busfahrer"; der Flatrate-Säufer flutet sich Klein- und Großhirn mit Tequila und ähnlichem, als sei er immun gegen Alkohol.

Der Diplomat verfügt über beides: die amtliche Karosse inklusive eingebautem Gewaltpotenzial und die Immunität, letztere in erweitertem, oft verhängnisvollem Sinne.

Falschparken, Trunkenheit am Steuer, Fahrerflucht, Körperverletzung, Diebstahl: 10.179 Vergehen, in denen Botschaftsangehörige geltendes Recht verletzten, wurden letztes Jahr in Deutschland registriert. Das sind 3300 mehr als im Vorjahr.

Ob Mitarbeiter der US-Botschaft einen Berliner Club aufmischten oder ein leitender Diplomat aus Vietnam auf Klautour durch Kaufhäuser ging; ob ein türkischer Botschaftsrat nach einem Frontalzusammenstoß den herbeigeeilten Beamten durch einen Alkoholnebel erklärte, ein Promilletest sei überflüssig und den Wagen zur Weiterfahrt startete oder ein Fahrer samt Fahrzeug abgeschleppt werden musste, weil ihm das Aussteigen unmöglich war: Der Diplomat ist zum Schlimmsten fähig, und da mit dem legendären roten Spezialausweis ausgestattet, kommt er davon.

Sprit statt Esprit

Immun sind diese Leute nicht nur gegen die Nöte des Normalbürgers, dessen Physis der Karosse eines Oberklasse-Wagens nur wenig entgegenzusetzen vermag; auch die sittlichen und ideologischen Verpflichtungen ihres Berufsstands lassen sie kalt. Neben Hydranten, Straßenschildern und Ampeln geht so auch ein Grundpfeiler politischer bürgerlicher Kultur zu Bruch.

Denn das Diplomatische, einst Sphäre des Ausgleichs, der Angemessenheit, der stilvollen Vermittlung, verroht; es bleibt der zerstörerische Furor des gegen die Justiz Gefeiten, ein politischer Desperado auf der Überholspur der Rücksichtslosigkeit, die eine Hand am Steuer, die andere im Diplomatenköfferchen, den Flachmann ertastend.

Die kulturellen Flurschäden werden enorm sein. Schon durch die Sprache zieht sich bereits die Schneise der Verwüstung. Berliner Jugendliche von Marzahn bis Kreuzberg scherzen promillemutig, man lasse den Abend diplomatisch angehen; Flatrate-Wirte benennen ihre Kneipen euphemistisch in Frohe Botschaft um; das diplomatische Protokoll bezeichnet nur mehr die Getränkekarte.

Da ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Wirtschaft, Hyäne der sittlichen Verrohung, auf den fahrenden Zug beziehungsweise schlingernden Viertürer aufspringt. Jeden Tag rollen bis zu 1500 Diplomatenautos durch die Hauptstadt, wie die "Berliner Zeitung" meldete. "Da kracht es zwei bis drei Mal täglich."

Ein Toast auf die Diplomatie

Opel wird deshalb sein Diplomat-Modell aus den Sechzigern wieder auflegen, mit serienmäßiger Minibar, verstärkten Überrollbügeln und Luftaromatisierung ("Anti-Fahne-System"). Samsonite kreiert den Diplomatenkoffer mit auslaufsicherer Zapfstation, Boss den Bierblazer "Horst" mit sabberfestem Ablaufrevers und Innentaschenöffner. Und eine führende Sektkellerei lädt gemeinsam mit dem ADAC zur Fürst-Metternich-Tour quer durchs Regierungsviertel.

Natürlich wirken solche lukrativen Schnapsideen zurück auf die politische Praxis: Deutschland wird zum Traumziel einer diplomatische Klasse, deren Vertreter man sich als Mischung aus Juhnke, Kissinger und Evel Knievel denken muss.

Bilaterale (Bier oder Wein) und multilaterale (Bier, Wein und Korn) Fragen klärt sie im Vorbeifahren, für jedes noch so hartnäckige politische Problem gibt es eine Lösung – sie muss nur hochprozentig sein.

Weil Behörden und Polizei grundsätzlich eine Ausnahme machen ("Er rülpste klar und deutlich, außerdem war er Kulturattaché"), herrscht Ausnahmezustand in Berlin, selbst Gangster-Rapper kriegen es mit der Angst. Schließlich bittet Verkehrsminister Tiefensee Bushido um Hilfe. Doch der hat sich versteckt in seinem 7er. Eine 30er-Zone gibt es schon lang nicht mehr.

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