Verstehen Sie Haas? Gib mir den Infopuschel!
Zukunftsvision "Avatar": Infos zum Puscheln
Ich habe gerade die gefühlt viertausendste Mail gelesen. Parallel blinkt mein Handy: zwei neue Nachrichten, vier SMS, und irgendein Spaßvogel hat auch noch acht Urlaubsfotos geschickt. Ich habe zwei Dutzend Facebook-Anfragen und diverse neue Follower bei Twitter. Kein Wunder, dass ich einen brutalen Tinnitus habe. Ach nee, das ist ja das Telefon. "Wie bitte? Ja, hab ich gekriegt. Les ich gleich, dann melde ich mich."
Mach ich nicht. Ich steige aus. Hier und heute. Leute, die mir per Telefon mitteilen, dass Sie in einer Mail angefragt haben, ob sie mich treffen können. Können sie - und zwar mich mal. Wer mit mir reden will, soll eine Karte schreiben oder vorbeikommen. Die entscheidenden Leute wissen, wo ich zu finden bin. Ich verhänge jetzt eine Infoquarantäne über mich selbst.
Die wird erst aufgehoben, wenn die Kommunikation ökonomisch geworden ist. Mit ökonomisch meine ich zeitlich effizient und geistig-körperlich machbar. Ich will nicht mehr jeden Abend vor dem Einschlafen gelb blinkende Smileys sehen. Nachts zittern meine Daumen im imaginären SMS-Rausch, morgens mache ich reflexhaft Doppelklicks auf der Hand meiner Freundin, als ließe sie sich wie ein Programm in Bewegung setzen. Das ist doch krank!
Der ganze Technikkram muss weg, das Trennende, das Denaturierte. Die Wurzel allen Übels ist natürlich die Sprache selbst, die Zeichen, die sich zwischen Wirklichkeit und Botschaft, zwischen Bedeutung und Mitteilung schieben. Kennt man ja: Man sagt nett zur Kollegin "Na, Schnäuzelchen?!", und sie versteht werweißwas und droht gleich mit dem Betriebsrat. Oder man pappt dem Chef ein Post-it mit "Lümmel!" auf den Rechner und landet in einem Kellerbüro. Ist aber ganz lauschig hier, außerdem Funkloch, was für eine Erleichterung.
Überall Sprachstörung
Reden will ich sowieso nicht mehr, ich warte, bis wir soweit sind wie die Leute im Science-Fiction-Film. Der Vulkanier Mr. Spock kann zum Beispiel per Kontakttelepathie seinen Geist mit dem eines anderen Wesens verschmelzen. Man geht einfach zum Boss, fasst ihm ans Ohr und bekommt, wenn's gut läuft, eine Gehaltserhöhung. Oder man macht es wie die Borg, eine Mutantenrasse, auch aus "Star Trek". Die sind alle durch ein kollektives Bewusstsein miteinander verbunden und teilen Wissen und Erfahrung. Man denkt "Cappuccino", und schon kriegt man einen serviert.
Sehr gut finde ich auch das System in "Dune - Der Wüstenplanet". Da gibt's eine Priesterkaste, die mit ihren Vorläufern im Kopf kommunizieren kann, sozusagen ein Dauerschwatz mit der Vergangenheit. Ich finde die meisten Zeitgenossen eh langweilig, so könnte ich ersatzweise mit meiner Oma aus Brackwede chatten, Gott hab sie selig. Oder mit Dr. Würmer (mein Hausarzt bis '94, guter Mann, leider Yoga-Unfall/Koma seit 2000).
Am besten aber machen es die blauen Reiter aus "Avatar". Na'vi heißen die, vermutlich sollte es Navi heißen, Navi wie Navigationsgerät. Im Sinne von: in der richtigen, politisch-ökologisch korrekten Richtung unterwegs. Aber irgendein Praktikant hat beim Versenden des Pressematerials vermutlich fälschlicherweise einen Apostroph reingetippt. Ich sag ja: die Sprache!
Indirekte Rede
Die Na'vi selbst brauchen die lästige Sprache eigentlich gar nicht mehr. Sie haben alle einen Haarzopf, der in einer Art seidiger Tentakeln mündet. Ich nenne das den Infopuschel. Einen Infopuschel haben fast alle auf dem Na'vi-Planeten Pandora: die Pferde, die Flugdrachen, sogar die Pflanzen und Bäume.
Der Infopuschel ist sozusagen ein biologischer USB-Stick, das Betriebssystem ist die Natur selbst. Das eröffnet eine ganz andere Art der Kommunikation und Weltvernetzung. Wenn ich zum Beispiel wieder gestresst bin von meinem Arbeitgeber ("Wo bleibt die Kolumne, Haas?!"), dann verpuschel ich mich mit der Zwiebelblume, die die Putzfrau hier unten bei mir abgestellt hat. "Hey, Zwiebelblume, I feel you!", geht es dann durch mein Bewusstsein. "Echt, du bist so geil relaxed, wie machst du das, Zwiebelblume?" Und die Zwiebelblume würde mir durch ihre Infopuscheltentakeln eine total flauschige Stimmung rüberbeamen.
Und zu Hause würde ich dann meinen Bullterrier, den Ingo, puschelmäßig anzapfen. Krass konkrete Energy bekäme ich dann, für die Party am Abend oder einfach nur so. Und der Ingo bekäme retour ein bisschen Entspannung, von wegen nicht die Nachbarskinder anknabbern, auch wenn die lecker aussehen und sowieso kaum eine Zukunft haben. Kein Wunder, bei den Eltern! Immer streiten, echt asozial. Nicht zum Aushalten!
Also, ich ruf jetzt die Bullen an. Oder schreibe eine Mail an den Vermieter. Aber vorher eine SMS an die Nachbarn: "Seid ihr auch so genervt? Ich komm gleich mal rüber."