Verstehen Sie Haas? Gib mir eine Chance, "Emma"!
Schon die neue "Emma" gesehen? Das Jubiläumsheft? Was die wohl feiern? Ist ja klar: 30 Jahre Latzhosen-Journalismus. Oder muss es heißen Latzhosinnen? Egal. Ich wittere jedenfalls meine Chance.
Denn "Emma" sucht zwei Redakteurinnen für Politik/Wirtschaft bzw. Kultur/Soziales, "in verantwortlicher Position". Gefragt sind "Berufserfahrung, Bewusstsein als Frau und Leidenschaft fürs Blattmachen".
Berufserfahrung im Magazinbereich habe ich keine, aber ich bin in meinem Kollegenkreis bekannt für gute Ideen. Ob "Cicero" seine nächste Ausgabe komplett auf Hirschleder drucken wird, wie von mir vorgeschlagen? Die Schützengrabenanmutung mit Stacheldraht-Haptik für die Geburtstagsnummer jedenfalls fand großen Anklang bei den zuständigen Werbefachleuten.
Blattmachen: ebenfalls noch Neuland für mich. Aber ich bin lernfähig und habe Mut zur Innovation. Für den "Feinschmecker" habe ich ein Heidegger-Special konzipiert ("Schwein und Zeit") und für "Schöner Wohnen" ein Dieter-Bohlen-Supplement ("Die zehn schönsten Fluchtwege für Villen über 300 Quadratmeter").
Was mich wirklich qualifiziert, ist mein Bewusstsein als Frau. Ich habe so viele Soft Skills, dass ich vor Mitgefühl noch nicht mal mehr einen Praktikanten ungerecht behandeln kann. Für meine letzte Mobbing-Mail habe ich einen halben Tag gebraucht, nur um am Ende über dem eigentlich harmlosen Satz "Seine Inkompetenz schreit zum Himmel" in Tränen auszubrechen. Meine emotionale Intelligenz nimmt karitative Züge an: Der Reflex, einen Kollegen mit Liebeskummer bei der diesjährigen Weihnachtsfeier mit einem Sketch bloßzustellen blieb ebenso aus wie der Wunsch, bei der Gehaltsverhandlung mit Kündigung zu drohen.
"Das Redigieren sollte Ihnen ebenso liegen wie das Schreiben, die Arbeit im Frauenteam sowie die Übernahme von Verantwortung." Wie für mich entworfen: Meine Diktion ist so feminin wie ein Coco-Chanel-Parfum, ohne kraftlos zu sein ("Den nehmen wir jetzt mal richtig in die Wimpernzange"), ich bin sicher im Umgang mit Fremdwörtern ("Collagen, Mäuschen, nicht Kollagen!") und ein Frauenteam finde ich super, nicht zuletzt, weil die Toiletten angeblich sauberer sind.
"Wenn Sie die 'Emma' von heute zu schätzen wissen, aber die 'Emma' von morgen noch besser machen wollen": Meine Agenda! Das Blatt lese ich seit jeher, weil man mit einem guten Judith-Butler-Zitat bei Flirts in Akademikerkreisen immer noch punkten kann. Und die "Emma" von morgen braucht mich schon allein deshalb, weil mein Merchandise-Konzept für eine neofeministische Dessous-Kollektion unschlagbar ist.
Gerade sagt mir eine Kollegin, dass ich da was falsch verstehe. "Emma" sei ein einmalig vielseitiges Forum für einen kritischen Feminismus. Eine unverzichtbare Institution mit einer charismatischen Intellektuellen an der Spitze, der Deutschland viele wichtige Debatten verdankt. Beim nochmaligen Durchblättern der letzten Ausgaben muss ich zugeben: Sie hat recht. Und damit will ich nichts zu tun haben.
Deshalb nehme ich meine Bewerbung zurück und geh zu "Wild und Hund". Dort mache ich meinen eigenen Feminismus, debütiere mit einer Enthüllungsstory ("Luden in Loden") und blase zur Jagd auf den Macho. Oder was von ihm übrig ist.