Verstehen Sie Haas? Ich war's, nein, ehrlich!
Ganz unter uns: Neulich habe ich wieder die Bürotoilette eingesaut. Deckel unten, ich von oben, Kippe in der einen Hand, Zeitung in der andern, Sie kennen das. Kam hinterher eine aufgebrachte Kollegin (war nämlich die Damentoilette, die andere wird repariert) ins Zimmer gestürzt und schrie: "Wisst ihr wie das da drinnen aussieht? Wie ein Urin-Massaker von O.J. Simpson!"
Das war natürlich das Stichwort, um gut aus der Sache rauszukommen. Meine Beste, sagte ich mit süffisantem Lächeln, wenn (bei der Aussprache des w gab ich mir ganz besondere Mühe und schob die Unterlippe tief hinter die Schneidezähne), wenn ich die Toilette urinmäßig zur Sau gemacht hätte, dann wäre das folgendermaßen abgelaufen
Ich ließ das Referat eines hygienischen Hiroshima folgen, das dem Begriff Klospülung zu neuer Bedeutung verhalf. Den Höhepunkt meiner fiktiven Beichte (ein gezielter Harntorpedo auf die einzig verbleibende Klopapierrolle) veredelte mein Bond-mäßigstes Macho-Grinsen und jenes Wörtchen, das den großen Unterschied zwischen Schuld und Unschuld ausmacht: wenn.
Wenn das Wörtchen wenn nicht wär - dann hätte es Simpson nicht noch einmal in alle Zeitungen und auf alle Bildschirme gebracht. Dann hätte er nicht ein Buch mit dem Titel "If I Did It" (Wenn ich es getan hätte) schreiben können, in dem er jene Morde ausmalt, von denen eh alle glauben, dass er sie begangen hat, für die er aber nie verurteilt wurde. Ohne das magische Wenn hätte er nur sagen können: Hand aufs Herz, Leute, ich hab die umgelegt, und es war ziemlich krass. Die Weltöffentlichkeit hätte mit einem halb enthusiastischen "Sach bloß" reagiert, und fünf Jahre später wäre vielleicht der erste O.J.-Simpson-Knastratgeber erschienen: "Handicap Handschelle oder Gefängnisgolf für Anfänger".
Dieses Wenn aber ist der Schlüssel zu einer neuen Form der Schuldentsorgung inklusive Aufmerksamkeitsgarantie und Rechtsschutz. Ich verstehe gar nicht, warum es Prominente, Diktatoren und andere Wichtigtuer nicht viel öfter nutzen. Saddam Hussein zum Beispiel: Wenn ich wirklich Nuklearwaffen hätte produzieren wollen. Oder Ahmadinedschad: Wenn ich Israel wirklich in die Steinzeit bomben wollte.
Phantastische Möglichkeiten auch für Entertainment- und Politgrößen: Wenn ich meine Brüste wirklich hätte vergrößern lassen (Pop-Dekolleté-Beauftragte Britney Spears). Wenn ich wirklich hätte abnehmen wollen (Grünen-Laufschuhexperte Joschka Fischer). Wenn ich wirklich ein Aggressionsproblem hätte (Papparazzi-Prügler Russell Crowe). Wenn ich wirklich eine total neurotische Zicke - hey, das Evian ist nicht kühl genug! - also, wenn ich diese Zicke wirklich wäre (Jennifer Lopez).
Und erst im Kulturbereich. Habermas' NS-Zeit-Problem - klassischer Wenn-Fall: Wenn ich tatsächlich den Magen hätte, um irgendwelche Papiere aufzuessen, die meine HJ-Mitgliedschaft beweisen, dann hätte ich ganz andere Sachen weggemampft, den ganzen lästigen Postmoderne-Kram von Derrida zum Beispiel. Den hatte ich von Anfang an gefressen. Oder Grass: Wenn ich wirklich der Verdrängungskünstler wäre, für den mich alle halten, dann hätte ich - hier müsste dann eine vollmundige Enthüllung im Stil von "Ich lese Idilkó von Kürthy" oder "Habe bei Ernst Jünger abgeschrieben" folgen.
Ich bin übrigens sauer: Irgendwer hat mein Handy mit Nagellack verziert. "Wenn ich einem Toilettenverhunzer und peinlichen Bond-Imitierer wirklich eins heimzahlen wollte", sagte die Kollegin und grinste.