Verstehen Sie Haas? Klageglied eines Lesers
Die "Bitterfotze" ist in aller Munde. Sorry, so habe ich das nicht gemeint. Ich wollte sagen: Das Buch von Maria Sveland wird vermutlich ein Bestseller. Auch wenn das schlimm ist, kundenberatungs- und einkaufstechnisch gesehen.
Gerade erst komme ich vom Arzt, vorher war ich in der Buchhandlung. "Sie haben sicher eine 'Bitterfotze', nicht wahr?", habe ich die Verkäuferin gefragt. Hat mir ihr Kollege, so ein verkappter Feminist, natürlich gleich eine gezimmert.
Beim Arzt hat mich die Sprechstundenhilfe nur ratlos angeschaut: "Was ist Ihnen den passiert?" "Bitterfotze" habe ich tonlos gesagt und dabei vergessen, dass sich die Frau ja gar nicht im Buchmarkt auskennen muss, um bei einem Zahnarzt zu arbeiten. Zack, bekam ich gleich noch mal eine rein.
Nachdem das Missverständnis geklärt, die Wunde behandelt und das Schmerzmittel verabreicht war, bin ich noch mal zurück in die Buchhandlung. Ich kann solche Sachen einfach nicht auf mir sitzen lassen.
An der Kasse stand ein Teenager mit einem Stephenie-Meyer-Roman ("Biss zum Morgengrauen") in der Hand. Ich habe dem die Ohren zugehalten und laut und deutlich gesagt: "Ich will jetzt noch mal über die Bitterfotze reden!" Der Teenager konnte Karate. Den Rest können Sie sich denken.
Jetzt liege ich im Krankenhaus wie Helen Memel aus den "Feuchtgebieten". Der Roman "Bitterfotze" wird dieses Land ins Chaos stürzen. Wie soll das erst werden, wenn das Buch Schullektüre wird, Unterrichtseinheit "Moderne feministische Literatur der Nuller Jahre"? "So, und jetzt holt mal alle eure 'Bitterfotzen' raus!", sagt die Lehrerin. Den nächsten Elternabend möchte ich sehen.
Geradeheraus wär besser
Während ich hier so vor mich hindöse und auf die Krankenschwester mit dem Kodeinvorrat warte, kommen mir noch weitere interessante Gedanken. Zum Beispiel: Mit dem männlichen Genital wäre das nicht passiert. Das männliche Glied ist unkompliziert, es gehört in Mario-Barth-Scherze und Action-Komödien, und da kann es keinen großen Schaden anrichten.
Der Vulva wird jedoch in der Literatur ungeheure diagnostische Kraft bescheinigt. Das fing mit den "Vagina-Monologen" an und hört mit der "Bitterfotze" noch lange nicht auf. Gerade erst ist das Buch "Vulva. Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" erschienen.
Bei Amazon heißt es, das Buch gewähre "unerwartete Einblicke". Wieder eine Formulierung, die man in Zukunft nicht mehr gefahrlos benutzen kann.
Wenn wir schon bei der Sprache sind: Die Vulva ist eine Parenthese, ein semantischer Einschlussraum, der sich mit Deutungen auffüllen lässt. Das Glied ist ein Ausrufezeichen. Keck und für jedermann gut sichtbar steht es im kulturellen Text als Chiffre für Leistung und Potenz. Simple Tugenden, die jeder nachvollziehen kann. Der Pimmel gilt deshalb als ausgedeutet. Uninteressant. Trivial. Das ist ungerecht.
Ich empfehle daher, um die Ecke zu denken, sich auf die Seite zu legen und ihn mal anders wahrzunehmen - als Gedankenstrich nämlich. Dann hat er auf einmal etwas Reflektiertes, Prognostisches, ja Futuristisches.
So lieg ich also da und träume vor mich hin. Von einer harmonischen Zukunft, in der die Geschlechter, die Autoren und der Buchmarkt befriedet sind.
"Und alles wegen eines Buchs!", flüstern die Krankenschwestern, während sie das Nachbarbett frisch beziehen. "Wie war doch gleich der Titel?", fragt mich die eine. Ich lächle nur milde. Auf den Trick falle ich nicht mehr herein.