Verstehen Sie Haas?: Knut macht Mut - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Verstehen Sie Haas? Knut macht Mut

Berlin geht vor die Hunde. Zum Glück haben wir einen Bären. Er ist klein, niedlich und tapfer. Ein Vorbild – auch für die Porno- und Gangsta-Rap-Jugend von heute.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Gewalt in Berlin ist unerträglich. Wer das leugnet, kriegt was aufs Maul. So, das vorab. Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich war ein friedfertiger Mensch, bis ich in die Hauptstadt gezogen bin. Habe morgens Latte Macchiato getrunken und über Themen wie "Die Rückkehr des Poststrukturalismus in der Philosophie" oder "Die Sonate im Wandel der Zeiten" nachgedacht. Jetzt gebe ich mir gleich zum Frühstück ein Red Bull, damit ich in der U-Bahn auf Zack bin, wenn die Action losgeht. Und ärgere ich mich, dass es Pfefferspray-Dosen nur bis 50 ml gibt. Damit komme ich noch nicht mal durch die Berlinale.



Zum Glück muss ich nicht mehr in die Schule, sondern nur ins Büro. An den Berliner Schulen ist die Gewalt von 2005 auf 2006 um 75 Prozent gestiegen. Was verbirgt sich hinter dieser Zahl? Ich stelle mir das so vor: Früher bekam man als durchschnittlicher Brillenträger, Rilke-Zitierer und Nichtschwimmer, wie ich einer war, durchschnittlich einmal pro Woche eine rein. Heute kann man froh sein, wenn man es unverletzt zur Mittagspause schafft.

Vielleicht liegt es an der Sprachbarriere: Viele Einwandererkinder sind in ihrer schulischen Entwicklung behindert, weil zu Hause kein Deutsch gesprochen wird. Dadurch sind sie stärker von sozialer Ausgrenzung bedroht als deutsche Jugendliche. Und sie verstehen einen Satz wie "Du, ich glaube, du hast mir gerade die Nase gebrochen" womöglich nicht. Der Französischunterricht für Dreijährige wie ihn die ehrgeizige Mittelschicht von Eimsbüttel bis Zehlendorf zurzeit pädagogisch salonfähig macht, ist so gesehen eine Fehlinvestition.

Den messerstechenden, Gangsta Rap hörenden, Porno-Video schauenden Jugendlichen in Neukölln, Wedding und Marzahn möchte ich an dieser Stelle zurufen: Reißt euch mal zusammen und nehmt euch ein Beispiel an Knut! Ja, genau, Knut, das Eisbärbaby. Knut hatte es auch krass schwer. Die Mutter eine Zirkusschlampe (Engagement als Kugelläuferin beim "Berliner Circus Union"), die sich sofort, als sie arbeitslos wurde, einem Macker an den Hals schmiss.

Der Vater (besagter Macker), ein Prolet, der Körpergröße (2,50 Meter) und Gewicht (500 kg) zur Einschüchterung von Zoo-Besuchern einsetzte. Einem Hauptstädter, der zu ihm ins Gehege kletterte ("Ich wollte dem Bär Gesellschaft leisten. Er tat mir so leid"), biss er in den Kopf und drückte ihn unter Wasser. So fühlen sich vermutlich Arztsöhne, wenn sie heute auf den Pausenhof treten, ein lateinisches Zitat zur Erbauung migrantischer Mitschüler auf den Lippen. Oder eine Reminiszenz von der letzten Florenz-Reise mit Mama, Papa und Schwesterchen Sophie.

Ihr Killerspielspieler und Schlagringschwinger, Knut hatte auch einen schweren Start: Kaum war er geboren, lag er auf dem kalten Boden und drohte zu erfrieren wie ein besoffener Techno-Jünger im zu dünnen Picaldi-Jäckchen. Die Mutter, selber schwer traumatisiert (Eltern von Jägern erschossen), hatte keine Lust auf Fürsorge, guckte RTL II oder war sonst wie abgelenkt.

Und was macht Knut? Geht er los, und stachelt die Meerschweinchen auf (eine bei Lokalpresse wie Berliner Kindern beliebte Dreier-Clique, die seit neuestem den Kinderbauernhof Pinke Panke in Pankow unsicher macht)? Provoziert er Karsten, das am 25. Januar im Berliner Zoo geborene Trampeltier ("Karsten, du Opfer!")? Verputzt er seinen Pfleger wie Klaus Wowereit Häppchen auf Szene-Partys?

Nein, macht er nicht. Er wächst, er gedeiht. Der "süße Knut" ("Bild"), "der so knuffig aussieht" ("B.Z.") versucht, auf acht Kilo Körpergewicht zu kommen, um präsentabel zu sein für die Zoobesucher, die ihn brauchen, auch als Kulturträger.

Biermann-Ehrenbürgerschaft? Peinliche Schlappe. Opernhausmisere? Verdrängt und vertagt. Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz? Wowereit keine Stellungnahme wert. Wenn alles vor die Hunde geht, wird Knut für uns da sein. Ein starker deutscher Bär, der weiß, wie man sich benimmt. Darauf ein Red Bull.

Mehr lesen über