Verstehen Sie Haas? Starke Männer unter Strom
Haben Sie schon mal versucht, Ihren Bizeps in den Kartenschlitz eines Bankautomaten zu schieben? Oder die Wade an einen USB-Stick anzuschließen? Es geht nicht. Der Körper, die gute alte Hardware der Biologie, lässt sich für virtuelle Mätzchen nicht missbrauchen. Und er ist vor allem die Ressource, die nur so weit verschwendet werden kann, wie sie es selber zulässt.
Die Banker, die auf den immateriellen Finanzmärkten Milliarden Euro verjazzten, haben sich womöglich selbst nur noch als Schnittstelle zwischen Software und der Welt da draußen wahrgenommen. Ein paar Mausklicks, ein paar Tastatureingaben - die verbrannten Kalorien waren unter der Messbarkeitsgrenze, aber der weltweite Impact ließ sich noch nicht einmal erahnen.
Hätte jede, das monetäre Gefüge der Welt umwälzende Computereingabe das entsprechende körperliche Feedback zur Folge gehabt, die Money Maniacs hätten sich buchstäblich die Finger versengt.
Man stelle sich vor, mit der Auslöschung ganzer Infrastrukturen hätte eine konkrete Erosion der betreffenden Akteure stattgefunden, ein Enthüllungsprozess sozusagen, an dessen Ende ein vom Fleisch gefallenes Gerippe der Spekulationsgier gestanden hätte. Die Nobelbüros der Investmentbanker: bevölkert von Gunther-von-Hagens-Figuren, ausgetrocknet wie die Finanzströme, die sie in maßlos überhitztem Kalkül verdunsten ließen.
Es geht auch anders, eine Alternative verspricht die Popkultur. Sie stellt uns seit geraumer Zeit einen Männertyp vor, der immun ist gegen artifizielle Zerstreuung wie eine gute Firewall gegen Computerviren. Dieser Kerl besinnt sich auf ein Arbeitsmaterial, das ihm bei seiner Anwendung auch immer gleich Risiko- und Abnutzungsstände vermeldet. Er operiert nicht mit Fingerspitzengefühl an den Tasten, sondern mit Nachdruck und geballter Faust.
Die Rede ist vom muskulösen Mann, wie er mit dem Terroristenjäger Jack Bauer ("24"), dem Action-Freak Chev ("Crank") und den Geheimagenten Jason Bourne und James Bond über Leinwände und Bildschirme hetzt.
Stromstöße statt Datenströme
Wo Gefahr ist, ächzt das Rettende auch: Zurzeit kämpft sich Darsteller Jason Statham im Film "Crank 2" durch ein irres Spektakel. Um am Leben zu bleiben, muss er sich selber unter Strom setzen. Kein wahnsinniger, durch Börsenzockereien vermittelter Kick belebt diesen Mann, sondern die ganz konkrete Herzmuskelreizung. Kardiologie als unmittelbare Seinserfahrung.
Im amerikanischen Fernsehen fightet Jack Bauer mal wieder gegen Computerterroristen, seine bereits in sechs Staffeln gemarterte Physis schont er dabei ebenso wenig wie seine Gegner, aus deren leiblichen Tiefen er per Folter wichtige Informationen wühlt.
James Bond ist, seitdem er im Körper von Daniel Craig wohnt, nicht mehr der britische Dandy mit Lizenz zum Töten, sondern ein Fighter, dessen Entscheidungswege, statt über Datenbahnen, über Muskelstränge laufen.
Jason Bourne schließlich, man erinnert sich, war der Agent, der sich an nichts mehr erinnern konnte - und erstaunt feststellen durfte, dass er eine durchtrainierte Kampfmaschine war. Maximaler Körper, minimales Bewusstsein: Das versprach Effektivität und gleichzeitig Vorsicht im Umgang mit sich selbst und anderen.
Die spekulativen Fähigkeiten baute der Held erst im Lauf von drei Filmen aus - was sein Leben übrigens unerträglich komplizierte bei entsprechender Schmälerung von Gewalt- und Tatbereitschaft.
Es ist sicher kein Zufall, dass diese Männer zu den Ikonen der jüngeren Entertainment-Geschichte wurden - in der Popmusik sind ja auch die alten Haudegen (AC/DC, Led Zeppelin) zurückgekehrt. Sie sind ebenfalls, wie die Actionhelden des Kinos, Handarbeiter, die nicht andern per Mausklick in die Tasche, sondern erst einmal gut sichtbar auf der Bühne in Tasten und Saiten greifen.
Zündende Selbstkontrolle
Es kann diese Analyse natürlich nur nutzbringend sein, wenn sie konkret zu Buche schlägt. Betonung auf schlägt. So empfehle ich vor jeder größeren finanziellen Transaktion (ab 10.000 Euro mit nicht selbst erwirtschaftetem Geld) das Urinieren in eine Steckdose. Erscheint das Geschäft danach noch seriös, kann fortgefahren werden.
Allen, die mit Hypotheken handeln, sei vor etwaigen Operationen ein Jack-Bauer-Schnellkurs ans Herz gelegt. Er sieht neben Elektrifizierungen vor allem die Perforation von Körperteilen mit brennenden Zigaretten vor. Spekulationsgeschäfte werden ganz anders eingestuft und auf Nachhaltigkeit überprüft, wenn man von ihnen buchstäblich gezeichnet wird. Das brennende Bedürfnis nach obszönen Renditen lässt sich zur körperlichen Erfahrung mit Tiefgang umgestalten.
Wem, trotz weltweiter Wirtschaftskrise, das Zocken immer noch zu Kopf zu steigen droht, der braucht das Bourne-Modell. Amnesien lassen sich dabei am besten durch die krasse Überdosierung von Rauschdrogen erzeugen. Den gewünschten Zustand eines von Kalkül und Geldraffung bereinigten Bewusstseins erkennt man dann zum Beispiel daran, dass man versucht, seinen Bizeps an den Rechner anzuschließen.
Oder war es die Wade?