Verstehen Sie Haas?: Thomas Mann als Crossdresser - DER SPIEGEL
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Verstehen Sie Haas? Thomas Mann als Crossdresser

Entscheidend ist nicht, was im Buch drin-, sondern was draufsteht. Wie aber kommt man als Kritiker mit einem Zitat aufs Cover? Auf jeden Fall nicht mit Zimperlichkeiten. Eine Hilfestellung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Literaturkritiker haben's schwer; ihre Arbeit ist langwierig, zäh, anstrengend. Anders als der Filmkritiker, der den Blockbuster nach maximal 2 Stunden hinter sich hat, oder der Poprezensent, der höchstens eine Stunde zuhören muss (das Doppelalbum ist dankenswerterweise weitgehend ausgestorben), ist der Bücherfachmann dazu verdonnert, ganze Tage zu investieren. Dann erscheint sein Text irgendwo hinten im Feuilletonteil des betreffenden Blattes, und die Sache geht wieder von vorne los.



Nur eine kleine Genugtuung gibt es für den Literaturbesprecher: das Cover beziehungsweise der Buchrücken. Dort wird sein Kommentar, kondensiert auf ein griffiges Zitat, verewigt. Zwar gibt es auch das Kritikerwort auf CDs und Filmplakaten, aber wie flüchtig ist doch diese Auszeichnung im Vergleich zum Buch, das Monate, ja Jahre überdauern kann. Im Falle eines Verkaufserfolgs wie Charlotte Roches "Feuchtgebiete" wird man womöglich hunderttausendfach gelesen, man ist selber quasi ein Besteller, wenn auch nur für die Länge einer Zeile.

Wie schafft man es nun auf einen Buchrücken oder aufs Cover oder wenigstens in die von den Verlagen versandten Vorschauen? Wie ergattert man diese Form der Wertschätzung ohne die - machen wir uns nichts vor - das Buchrezensenten-Dasein ein verkanntes, unterschätztes, fast verheimlichtes ist?

Beim Sichten der Programme für die Büchersaison Herbst Winter 2008/2009 wird klar: Der Kritiker muss zupackend sein, er muss den Sinn fürs Einfache kultivieren und zugleich Mut haben zur großen Geste. Auch das Simple und Simpelste darf er nicht scheuen. Mit dem Schwachsinn muss er es halten und natürlich mit dem Gefühl.

Ideal ist der Kommentar zwischen Drohung und Panikmache: Dieser Autor "jagt Schockwellen durch die Leser", zitiert der Verlag Page & Turner anlässlich eines neuen Romans. "Jeder Satz ist ein Schlag in die Magengrube", bewirbt der Liebeskind-Verlag eine Neuerscheinung. Wer sich jetzt auf dem Sofa zusammengekrümmte Leser vorstellt, die mit schmerzverzerrtem Gesicht durch die Seiten eilen, ist auf dem richtigen Weg.

Neue Seiten aufziehen

Das Verfahren lässt sich allerdings steigern: "Dieses Buch ist das Äquivalent zu Waterboarding", könnte es heißen. Oder: "Stecken Sie sich eine Chilischote ins rechte Auge, dann wissen Sie, was Sie erwartet." Bei Genre-Texten wie Krimis oder Horrorromanen empfehle ich: "Als hätte man in eine Steckdose uriniert!"

Dann die große Geste: Sie umfasst alle Seinsbereiche und weist den Kritiker als Kenner der zentralen Fragen des Denkens und Handelns aus. "Großartig schreibt sie von Liebe und Natur, vom Reisen und vom Vergehen der Zeit", heißt es von einem aktuellen Roman beim Zsolnay-Verlag. "Unterhaltsam und widerspenstig, zart und schockierend, verlogen und aufrichtig" gibt man beim Blumenbar-Verlag Rezensentenlob wieder.

Liebe, Natur, Reisen und Zeit. Junge, Junge, vermutlich kann man mit diesem Buch auch die Weltformel knacken oder Kennedys Ermordung aufklären! Und "zart und schockierend, verlogen und aufrichtig" - das klingt nach multipler Persönlichkeitsstörung, wenn Sie mich fragen. Aber so geht das eben.

Mein Tipp für eine garantierte Erwähnung auf dem Buchcover: "Sie werden lachen vor Weinen und umgekehrt. Und wieder zurück. Bis sie glucksen vor Trauer. Ehrlich". Oder: "Exzellent schildert sie Denken und Handeln, Mensch und Tier, Sexualität und Kultur, Einsamkeit und Nähe und den ganzen Rest, aber hallo. "

In Verweisgewittern

Immer für eine Buchplazierung gut: das Verweisgewitter. Im Verweisgewitter lässt man es Autorennamen regnen, die einen selber und das besprochene Buch aufwerten. "Hier ist ein Geist am Werk, der wie aus dem jungen Jean Paul, dem Walter Benjamin der hintersinnig-skurrilsten Stunden und dem Arno Schmidt seiner kauzigsten Minuten gekreuzt erscheint." So zu lesen beim Amman-Verlag, der mit diesem Kritikerzitat ein neues Buch anpreist.

Nicht schlecht für den Anfang, aber da geht noch was. Wie wäre es mit: "Als hätte der junge Hemingway mit Adorno geliebäugelt, ihn aber nicht wirklich rangelassen, und stattdessen mit Proust und Goethe einen Ausfallschritt im Richtung Kafka riskiert." Oder: "So hätte Thomas Mann als Crossdresser geschrieben, dies aber in der Perspektive Maxim Billers, verkleidet als Dieter Bohlen, natürlich avant la lettre."

Klingt zu kompliziert? Dann empfiehlt sich das schlichte direkte Wort. "Ein Roman, für Menschen, die noch ein Herz haben", zitiert der Luchterhand-Verlag einen Kritiker. Ich fände als Ergänzung: "Sadisten, Charakterschweine, Folterknechte - Finger weg! Lesen Sie was anderes", ganz passend.

Bei Ullstein geht man die Sache noch direkter an: "Dies ist ein Buch, das für Leser geschrieben wurde, für Leute, die leidenschaftlich gern lesen." Warum nicht gleich: "Sie können dieses Buch als Türstopper verwenden oder als Wurfobjekt, aber Sie können - und das ist jetzt kein Spaß, wirklich - Sie können es auch: lesen. Ja richtig: l-e-s-en!"

Bombige Werbung

Derselbe Verlag bewirbt ein Buch des großartigen Kulturkritikers Terry Eagleton mit der feinsinnigen Sentenz: "Populäre Philosophie, von einem Mann, der das Thema wirklich liebt." Ach! Wie wäre es in Zukunft mit: "Dieser Autor schreibt eigentlich nur für Geld. Nutten, Koks, Sie wissen schon. Aber dieser Riemen: Der war ihm echt mal wichtig!"

Am besten jedoch ist das Kritikerwort, das sich gegen sich selber richtet. "Warum John Grisham so viel besser ist als die anderen, bleibt sein Geheimnis", ist bei Heyne zu lesen. Ist das Demut vor dem literarischen Talent oder schon eine Bankrotterklärung des analytischen Sachverstands? Konsequenter fände ich in dieser Hinsicht: "Dieser Autor ist geil. Muss an den Wörtern liegen. Und den Sätzen. Oder so". Noch knapper: "Super. Wieso? Tja."

Die besten Kommentare zu Büchern findet man übrigens immer noch bei den Autoren selber. Der amerikanische Schriftsteller Don De Lillo lässt eine seiner Figuren einmal sagen: "Ich möchte ein Buch schreiben, das in den Eingeweiden des Landes explodiert wie eine bakterielle Bombe."

Das knallt!

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