Video-Installation Jubel, Tränen und Geschrei
"Democracies" heißt die Ausstellung des polnischen Künstlers Artur Zmijewski in der Berliner daadgalerie - doch im Ausstellungsraum geht es eher undemokratisch zu: Aus elf großen Monitoren dröhnt gleichzeitig Protestgeschrei, kreischen Frauen in verschiedenen Sprachen, hämmern mit Schlagstöcken auf Trommeln ein und krachen Schüsse.
Und gleichzeitig flimmert es von allen elf Bildschirmen: Demonstrationen, Proteste, Umzüge, Kriegsspiele, Militärparaden, Aufmärsche, eine Fußball- und eine Trauerfeier, eine Beerdigung. In Berlin, in Jerusalem, dem Westjordanland, in Warschau, Belfast, Wien und Klagenfurt.
Alle Filme dokumentieren öffentliche Meinungsäußerungen. "Künstlerische Eingriffe", sagt Zmijewski, habe er vermieden. Keine Inszenierungen, keine Fokussierungen. Dass es sich aber nicht einfach um eine nachrichtenmäßige Berichterstattung handelt, wird klar, wenn man die einzelnen Videos ansieht. Die Kamera will nicht erklären, worum es den protestierenden Menschen geht, und der Künstler will die Anliegen der Protestierer nicht werten. Er zeigt Emotionen: Wut, Jubel, Beifall, Tränen und Geschrei, egal ob aus Empörung, Trauer oder Begeisterung.
Dem allgemeinen und unverständlichen Krach im Raum entgeht man, wenn man sich mit den vorhandenen Kopfhörern vor einen Bildschirm setzt. So läuft auf einem die Dokumentation einer skurrilen Open-Air-Inszenierung: Mit viel Kunstblut und Platzpatronen wird der "Warschauer Aufstand" gegen die deutsche Besatzung 1944 nachgestellt. Ähnlich geschichtsverliebt wie die Teilnehmer dort sind die Teilnehmer der "Loyalisten Parade zum 399. Geburtstag der Schlacht von Boyne", die am 12. Juli 2008 in Belfast stattfand und nun auf einem anderen Monitor läuft. Überraschendes sieht man dort nicht: marschierende Uniformierte, Musikzüge und an der Straße junge Zuschauer, die dem Umzug zujubeln und sich mit ihren Bierflaschen zuprosten. Ein paar Minuten lang filmt Zmijewski sie und die Parade wie ein unbeteiligter Dokumentar, der weder Sympathie noch Abneigung zeigt.
Nebenan zu sehen: eine der 1.-Mai-Demonstrationen in Berlin-Kreuzberg, die jedes Jahr in einer Schlacht mit der Polizei enden. Das Video beginnt mit der Nachmittagsdemonstration, mit den Vorbereitungen der Imbiss- und Bierbudenbesitzer und denen der Polizei. Schnitt. Es ist Nacht, Menschen grölen, Feuer brennen auf der Straße, Pfiffe gegen genervte Polizisten, Bierflaschen rollen klappernd gegen Bordsteinkanten, ein aufgeregtes Hin- und Hergerenne. Ein politisches Anliegen der Protestierer wird nicht klar, wohl aber ihre Gesinnung.
Die zeigt sich auch im Video zur Trauerfeier und Beerdigung Jörg Haiders, einem Aufmarsch der Uniformierten: von der Trachtengruppe über die Feuerwehr bis zum Salut schießenden Militär. Zmijewski hält die Kamera auf Mädchenchor und Trauerrede, streift die Familie genauso flüchtig wie die abmarschierenden anderen Gäste.
Anders sind die Protestbilder aus Jerusalem und Tel Aviv. Die Menschen dort skandieren Parolen zum Trommeltakt und tragen englischsprachige Spruchbänder: "We want peace we need to fight for it". Eine wütende Frau hält einem Uniformierten immer wieder eine Pappe hin: "300 children killed" steht darauf.
In einem anderen Video aus dem Dorf Bil'in nahe Ramallah lässt Zmijewski zuerst Kinder und einen Demonstranten in die Kamera sprechen. Dann beginnt eine Art symbolische Landeroberung durch die Männer, die einfach auf einen Zaun zugehen - und prompt unter Militärbeschuss geraten. Rauch breitet sich aus, die Männer flüchten in Olivenhaine.
Was führt uns die Video-Installation des Künstlers vor? Dass Geschichte sich wiederholt? Dass Gewalt nie endet? Dass Gruppendynamiken eine enorme Kraft haben? Sicher ist, dass die kurzen und prägnanten Dokumentationen menschliche Dramatik jenseits medialer Berichterstattung zeigen: das Bedürfnis, sich mitzuteilen, oft hilf- und hoffnungslos.
Wie in allen seinen Arbeiten sei "der menschliche Körper Ausgangspunkt jeglicher Aktion", sagt Zmijewski, und er erweitere als Künstler "die wissenschaftliche Empirie um Methoden von Traum, Imagination, Verantwortung, Risiko und Wiederholung".
Klingt schwierig, aber so viel komplizierte Worte braucht die Installation gar nicht, um erfahren zu werden - auch wenn sich eine abschließende Erkenntnis sicher nicht einstellen wird. Manche Szenen machen wütend, andere machen ein schlechtes Gewissen, sie ekeln, verletzen und erschrecken. Wieder andere sind lächerlich oder absurd.
Grölende Berliner Fußballfans neben feministischen Demonstrantinnen in Polen, die 1.-Mai-Krawall-Demo neben Protesten in Israel: Alles ist demokratische Realität - und in der gefilmten Zusammenschau Kunst. Weil die Installation niemanden überreden will - und doch höchst subjektiv ist.
Ausstellung Artur Zmijewski. Democracies. Berlin. daadgalerie . Bis 9. Mai 2009.