Tageskarte Küche: Schwarzwurzel-Variationen
Vielseitiges Gemüse Schwarzwurzelbehandlung
Die meisten jüngeren Hobbykocher kennen sie aus Dose oder Glas, irgendwann einmal mit Spargel verwechselt, seitdem hinten im Vorratsregal dösend, an einem hungrigen Sonntagabend rausgekramt, als schnelle Gemüsebeilage warm gemacht und gewundert, warum Menschen für so ein lasches Gemüse mit so wenig Eigengeschmack überhaupt Geld ausgeben. Höchste Zeit also, auch diese, wenn das so weiter geht, bald "vergessene Sorte" wiederzuentdecken.
Denn die schwarzen, außen eher krumpelig aussehenden Wurzeln gehören nicht nur zu den Gemüsen mit dem höchsten Gesamtnährwert - immer mehr Spitzenköche entdecken ihren einzigartigen Geschmack zwischen (je nach Zubereitungsart) nussig, sellerieartig mit Noten von Mandel und Artischocke, kombiniert mit einer leicht fleischigen Textur und einem angenehm cremigen Mundgefühl nach dem Kauen als perfekte, nicht allzu dominante Komponente im Rahmen von Kompositionen mit ebenfalls fein gesponnenen Aromen von zum Beispiel Wildgarnelen, Kaninchen oder (siehe unser heutiges Rezept) Saibling.
Doch vor dem Genuss steht der Verdruss, denn die Schwarzwurzel tut alles in ihrer Macht stehende, für uns Gemüsefreunde so unattraktiv wie möglich zu erscheinen. Das beginnt schon mit dem Aussehen. Grauschwarz, meistens hängt noch eine Menge Sand an den zwei bis drei Zentimeter dicken und bei einer Maximallänge von 40-50 Zentimetern leicht spitz zulaufenden Wurzeln. Damit soll im Supermarkt im Gegensatz zu den ungewaschenen Möhren ("Moor"-Rüben) nicht die "Bio!"-Assoziation geweckt werden, hier geht es einzig um die Haltbarkeit: Steckrüben sind winterhart, können bei den ersten Kältewellen im Boden belassen und nach Belieben in milderen Wochen bis in den März hinein geerntet werden. Einmal aus dem Boden gezogen, halten sie sich aber am besten umgeben von ihrer dünnen Sandschicht im Null-Grad-Gemüsefach des Kühlschrankes bei 95 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit. Brauchbare Wurzeln erkennt man an der Dicke (nicht zu dünne Stengel), der Unversehrtheit und möglichst wenigen Austrieben/Verästelungen.
Klebrig-schmierige braune Flecken auf den Händen
Unter der Sandkruste steckt eine korkartige Rinde, die von Milchkanälen durchzogen ist; beim Brechen oder Anschneiden der Haut tritt ein - ebenfalls in der eigentlichen Wurzel enthaltener - klebriger Saft aus. Dieser weißliche Milchsaft enthält Kautschuk, oxidiert mit dem Sauerstoff der Luft innerhalb weniger Sekunden und färbt dabei die Haut des Schälenden und Schnippelnden braun. Von den Händen muss man sich diese Flecken mühsam abschrubben, Spritzer auf der Kleidung gehen beim Waschen kaum raus.
Deshalb bei der Verarbeitung frischer Schwarzwurzeln stets Silikonhandschuhe und Schürze tragen, immer nur die jeweils nächste Wurzel an den Enden beschneiden, komplett unter fließend kaltem Wasser schälen und sofort in einer die Oxidation stoppenden Spezialflüssigkeit (siehe Rezept) zwischenlagern.
Dieser unumgängliche Aufwand hat dazu geführt, dass diese Wurzel mehr und mehr vom Alltagsspeiseplan verschwand. Die Pflanze gehört zur großen Familie der Korbblütler, ihre näheren Verwandten sind Topinambur, Chicorée und Artischocke. Kein Wunder also, dass auch die Schwarzwurzel in armen Zeiten zu Muckefuck-Ersatzkaffee verarbeitet wurde. Überhaupt lastet ihr bis heute dieses Billigheimer-Image an. Neben dem eher der Farbe geschuldeten "Ruhrpott-Spargel" und dem jahreszeitlich verständlichen "Winterspargel" wird die schwarze Wurzel auch gern "Arme-Leute-Spargel" genannt - obwohl sie teurer als Karotten und mindestens gleichpreisig mit Pastinaken oder (auch so eine "vergessene" Pflanze) Petersilienwurzel ist und beim besten Willen trotz kleiner Anteile von Asparagin weder nach Spargel schmeckt noch dessen typische Längsfaserstruktur aufweist.
Punktgegart, püriert oder als krosse Chips
Anders als Spargel verlieren Schwarzwurzeln ihren ohnehin nicht sehr ausgeprägten Geschmack beim Eindosen und Tiefkühlen fast völlig, ebenso wie viele sogar medizinisch relevante Inhaltstoffe: Diabetiker schätzen den hohen Inulingehalt (ein Glukose-armer Zucker) der Wurzel, die aber auch jede Menge Magnesium, Kalium, Phosphor, Natrium und Eisen mitbringt.
Ambitionierte Kochschaffende schätzen dagegen vor allem die Variabilität dieser Wurzel. Deshalb bringen wir sie heute gleich in drei Aggregatszuständen auf den Teller: Als "sous vide" punktgegartes Stangengemüse, als schmackiges Püree und als krosse Chips. Die Säure der dazu gereichten Orangen-Estragon-Beurre spielt dabei mit der zarten Wurzelsüße ein elegantes Spiel.
Versuchen Sie das nicht mit Dosenschwarzwurzeln - Sie werden sich schwarz ärgern!
Rezept für Dreierlei von der Schwarzwurzel mit confiertem Saibling und Estragon-Orangen-Beurre (Hauptgericht für 2 Personen)
Vorbereitungszeit: 45 Minuten
Zubereitungszeit: 60 Minuten
Schwierigkeitsgrad: sehr schwer
Zutaten
Schwarzwurzeln
500 g Schwarzwurzeln
1 Stück Zitrone
1 El Mehl
10 g Butter
1 Prise weißer Pfeffer aus der Mühle
1 Prise Salz
25 g Butter
50 ml trockener Weißwein
80 ml Geflügelfond
150 g Kochsahne (15 Prozent Fett)
1 Prise weißer Pfeffer aus der Mühle
1 Prise Salz
1 Prise Muskatnuss, frisch gerieben
1 Tl feines Meersalz
Saibling
1 Stück Bio-Saibling (ca. 1,2 kg; Alternative: Bio-Regenbogenforelle) im Ganzen oder sauber filetiert. Nur absolut frischen Fisch kaufen (den Händler fragen, ob man die Filets auch roh essen kann)
200 ml Orangenöl (siehe "Zubereitung")
1 Tl fein gemörserter Mohrenpfeffer (im gut sortierten Gewürzhandel)
1 Tl Orangen-Chili Salz*
Sauce & Dekoration
3 El Schalottenwürfelchen
2 Tl weißer Zucker
2 El fein gehackter frischer Estragon
20 g Butter
1 Prise weißer Pfeffer aus der Mühle
1 Prise Salz
100 ml trockener Weißwein
150 ml Geflügelfond
150 ml frisch gepresster Orangensaft
1 Tl eiskalte Butter (aus dem TK-Fach)
2 Scheiben frische Orange, ca. 3 mm dick, aus der Mitte geschnitten
1 Tl feines Meersalz
2 Tl weißer Zucker
Zubereitung
Schwarzwurzeln
Zitrone auspressen, Saft zusammen mit dem Mehl in 2 Liter kaltem Wasser in länglicher Schüssel (sie muss die Schwarzwurzeln aufnehmen können) anrühren, Schüssel neben die Spüle stellen. Beide Hände mit Silikonhandschuhen vor dem Saft der Wurzeln schützen, Schürze tragen.
Schwarzwurzeln nacheinander erst an den Enden knapp beschneiden und dann unter fließend kaltem Wasser mit Sparschäler sorgfältig schälen. Geschälte Stangen sofort in das Mehlwasser legen.
Aus den Wurzeln werden drei Komponenten zubereitet: Stangengemüse, ein Püree und krosse Chips.
Hierfür die Wurzeln aufteilen. Die Schwarzwurzel mit den meisten dunklen Stellen für die Chips auswählen. 4 möglichst gleich dicke, gerade gewachsene Stangen für das Gemüse auswählen. Den Rest in kleine Scheiben schneiden.
Die geraden Stangen sorgfältig mit großem Messer längs mittig teilen. Pfeffern, salzen und nebeneinander in Einschweißbeutel legen. Butter hauchdünn abschneiden und über die Stangen verteilen. Unter komplettem Luftabschluss verschweißen (vakuumieren). Bei ca. 80 Grad im Wasserbad oder im Backofen 35 Min. garen.
Die klein geschnittenen Stücke mit Salz, Pfeffer und Muskat kurz in Sauteuse in der Butter anziehen, Weißwein zugeben, komplett reduzieren. Fond zugeben, auf die Hälfte reduzieren. Sahne zugeben und bei niedriger Temperatur 20 Min. köcheln. Schwarzwurzeln in ein Sieb geben, Flüssigkeit auffangen und bereit halten. Wurzeln mit 2 El der Flüssigkeit mit Schneidstab oder im Mixer sehr fein pürieren. Nach und nach weitere Flüssigkeit einmixen, bis eine cremige, aber nicht zu flüssige Konsistenz erreicht ist. In Schüssel füllen, mit Klarsichtfolie auf dem Püreespiegel bündig abdichten und warm stellen.
Für die Chips eine Wurzelstange längs möglichst gleichmäßig mit Sparschäler in hauchdünne Streifen schneiden. Backrost einfetten, Streifen nebeneinander auflegen und mit dem Meersalz bestreuen. Bei 85 Grad Umluft im Backofen ca. 30 Min. kross trocknen.
Saibling
Fisch komplett filetieren, Parüren evtl. zur Herstellung eines Fischfond benutzen. Die beiden Filets auf allen Seiten so beschneiden, dass die dickste, mittige Stelle als längliches Rechteck von ca. 12 x 4 cm übrig bleibt (eine ausführliche Darstellung dieses Rezepts mit 25 Stepp-Fotos finden Sie auch auf
Peter Wagners Männerkochseite ). Restliche Fischabschnitte anderweitig verwenden (z.B. für ein Tatar, eine Farce oder Creme) oder einfrieren.
Filet-Quader mit etwas Orangenöl bestreichen (das kann gut vorbereitet und gelagert werden: Eine Bio-Orange waschen, trocknen und die Schale mit einem Zestenreißer abziehen. Zesten in 500 ml kalt gepresstem Traubenkernöl auf 40 Grad erhitzen, in Flasche oder verschließbares Glas füllen und an dunklem Ort zwei Wochen ziehen lassen). Fisch salzen und pfeffern (hier passen tatsächlich das spitze Mallorquiner Chilisalz und der milde, leicht lakritzige Mohrenpfeffer am besten), Filets nebeneinander in Vakuumiertüte legen, 200 ml Öl (mit ein paar Zesten) einfüllen, gut verschweißen.
Fisch in 60 Grad warmem Wasserbad 45 Min. pochieren. Für ein noch exakteres Ergebnis muss ein Thermaliser eingesetzt werden (Thermostatgesteuertes Wasserbad) - hier sorgt exakte Temperaturkontrolle (Schwankung unter 0,5 Grad) für eine einheitliche Filettemperatur von 56 Grad, was zu einem noch saftigeren und farblich kräftigerem Ergebnis ohne Spuren von Eiweißgerinnung führt. Auf jeden Fall aber sollten die 60 Grad Wassertemperatur nicht überschritten werden; wenn geronnenes Eiweiß austritt, kann es vor dem Servieren weggetupft werden.
Sauce & Dekoration
Für die Dekoration Orangenscheiben beidseitig salzen, ausschwitzen lassen, trocken tupfen und halbieren. Zucker auf eine Seite streuen, sofort mit Flambierbrenner karamellisieren. Dies auf allen Seiten einzeln wiederholen. Auf Gitter bereit halten.
Für die Sauce die Schalotten mit dem Zucker in Sauteuse hell karamellisieren, mit Estragon, Butter und Pfeffer & Salz leicht anziehen, mit dem Wein aufgießen, komplett reduzieren. Fond zugeben, auf ein Drittel reduzieren. Die Hälfte des Orangensaftes zugeben und bei sehr niedriger Hitze 20 Min. köcheln lassen. Fein pürieren und durch Haarsieb passieren. Flüssigkeit langsam auf zähe, honigartige Konsistenz reduzieren. 5 Min. vor dem Servieren mit restlichem Orangensaft verdünnen, mit der Butter aufglänzen und evtl. noch mit Salz, Zucker und Pfeffer abschmecken.
Anrichten
Schwarzwurzelpüree mit Hilfe von rechteckigen Servierringen in der Mitte sehr großer und gut vorgeheizter Teller anrichten. Wurzelstangen aus dem Beutel nehmen, mit Krepp abwischen und längs nebeneinander auf das Püree legen. Fischfilets mit länglicher Palette vorsichtig (brechen leicht) aus dem Beutel nehmen und auf die Wurzelstangen legen. Je eine Orangenscheibenhälfte auf beide Seiten des Fisches stecken. Sauce ringsherum angießen, mit den Wurzelchips ausdekorieren und sofort servieren.
Küchen-Klang
Das Crossover aus Klassik & Moderne in dem Schwarzwurzelrezept wird stilgerecht beschallt mit dieser Begegnung von E- und U-Musik: Der ungarische Star-Tenor Béla Mavrák nahm zusammen mit einigen Kubanern aus dem Buena-Vista-Umfeld für seine CD "Un Soplo En El Aire (A Breeze In The Wind)" (Connector/in-akustik) allerlei globalisiertes Liedgut auf - von "Besame Mucho" bis, ja wirklich, "Lili Marleen". Zu abgehangen? Dann helfen die relaxten Lounge-Grooves der aktuellen, immerhin schon zwölften, Folge der "DPI-Collection" (Peacelounge/Alive) weiter, die diesmal vom Kölner DJ Ralph Rosenbaum kompiliert wurden.
Getränketipp
Auf der globalen Weinkarte ist Slowenien noch ein weißer Fleck, doch junge, ambitionierte Winzer wie die Familie Puklavec erzeugen im Nordosten des Landes nahe der Grenze zu Österreich exorbitante und interessante Tropfen. Perfekt zu den jodigen Fischaromen und den cremigen Wurzeltexturen unseres Gerichtes passt der 2009 Sauvignon Blanc von puklavec & friends* mit seiner blumigen Frische. Wer ein noch lebendigeres Säureschwänzchen im Mund zappeln lassen will, nimmt das Cuvée aus Sauvignon Blanc und Furmint, einer autochtonen Balkanrebe, aus der die Ungarn zusammen mit anderen Sorten ihren Tokajer keltern, die Slowenen aber das exakte Gegenteil von schwer & süß herauskitzeln.
*Bezugsquellen:
Orangen-Chili Salz von Gusto Mundial Balearides aus Mallorca z.B. bei Miogusto ;
2009 Sauvignon Blanc von puklavec & friends Info beim Weingut ;
Bestellung per Mail direkt bei der Familie Puklavec info@puklavecandfriends.com möglich.