"Wallenstein"-Marathon: Einfahrt in den Schiller-Bunker - DER SPIEGEL
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"Wallenstein"-Marathon Einfahrt in den Schiller-Bunker

In seinem neuesten Mammutprojekt erweist sich Peter Stein einmal mehr als demütiger Textarbeiter: Zehn Stunden dauert seine Berliner Inszenierung von Schillers "Wallenstein". Ohne den Wortakrobaten Brandauer hätte das Unternehmen mit einer Bruchlandung geendet.
Von Jenny Hoch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Berlin hat soeben ein neues, ziemlich ungewöhnliches Museum aufgemacht. Es befindet sich darin nur eine einzige Vitrine. Sie hat die Form eines enormen rechteckigen Guckkastens, und man kann dort echte Menschen in historischen Kostümen und Zottelperücken dabei beobachten, wie sie historische Vorfälle nachstellen, die schon zu der Zeit, als ein berühmter Dramatiker sie aufschrieb, ein alter Hut waren: Heerscharen von Schauspielern spielen den Niedergang des berühmten Feldherrn Wallenstein im Dreißigjährigen Krieg nach, dem Friedrich Schiller 1799 mit einem dreiteiligen dramatischen Gedicht ein literarisches Denkmal setzte.

Der Direktor dieses Museums, das manche wohl auch Theater nennen würden, ist Peter Stein, die lebende Ikone des deutschen Regietheaters. Der Mitbegründer der Berliner Schaubühne hat sich nach seinen inzwischen nun auch schon historisch zu nennenden Erfolgen in den sechziger und siebziger Jahren auf eine ganz spezielle Form der Geschichts- und Dramenvermittlung verlegt: Als demütiger Textarbeiter bringt er große Werke der Dramenliteratur beinahe ungestrichen und ohne eigenen interpretatorischen Ansatz auf die Bühne. Vornehmlich handelt es sich um Mammutprojekte, die er feldherrengleich organisiert und finanziert.

Nach seiner 21-Stündigen "Faust"-Inszenierung in Expo-Jahr hatte nun also ein 10-stündiger "Wallenstein" in der gigantischen Kühlhalle einer aufgelassenen Brauerei im Berliner Problembezirk Neukölln Premiere. Schon im Vorfeld hatte sein Hauptdarsteller Klaus Maria Brandauer im SPIEGEL selbstbewusst prophezeit: "Das wird ein Schiller-Woodstock in diesem Sommer in Berlin. Die Leute werden hinpilgern!" Und tatsächlich: Frenetischer Applaus am Ende dieses Theater-Exerzitiums, das Schauspieler und Zuschauer gemeinsam unter nicht unerheblichen körperlichen und psychischen Qualen durchgestanden haben. Eine Schicksalsgemeinschaft feiert sich selbst.

Soldatenfolklore und Musikantenstadl-Kitsch

Schon zu Beginn steckt Walter Schmidinger, der mit effektvollem Tremolo in der Stimme den Prolog vom Blatt liest, das Terrain ab: es geht hier um die ganz alte Schule der Mimenkunst - Modernisierung, Aktualitätsbezug, Entrümpelung unerwünscht.

Was folgt, gibt zu schlimmsten Befürchtungen Anlass: "Wallensteins Lager" sieht aus, als habe man die Karl-May-Festspiele in den Winter verlegt: Durch knöcheltiefen Kunstschnee stapfen pittoresk gekleidete Soldaten (Kostüme: Moidele Bickel). Man zecht unter Tipi-artigen Zeltplanen, und wer etwas zu sagen hat, tritt heraus und nimmt um einen hölzernen Picknick-Tisch Platz. Selbst vor allerliebst sich balgende Kinderscharen ist Stein nicht zurückgeschreckt. Großes Schauspielertheater sieht anders aus, das hier ist Soldatenfolklore und Musikantenstadl-Kitsch auf Weihnachtsmärchen-Niveau.

Dann, nach mehr als zwei Stunden, Auftritt Wallenstein. Auf der inzwischen wohltuend aufgeräumten Bühne von Ferdinand Wögerbauer trifft der Feldherr mit seiner Gattin und seiner Tochter Thekla zusammen, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Brandauer spielt ihn nicht unbedingt als Sympathie-Träger. Herrisch-entschlossen und gewohnt zu befehlen, geht er auch mit seinen Familienmitgliedern wenig zimperlich um. Da gibt es keinen Zweifel: Dieser Mann ist ein Macher, der weiß, was er will und der sich bei seinen kriegerischen Unternehmungen oft genug die Hände hat schmutzig machen müssen. Doch hat dieser Wallenstein auch seine Schwachpunkte.

Wallenstein in der Sackgasse

Obwohl durch und durch Stratege, vertraut er auf die Astrologie und glaubt an das Schicksal - ein Umstand, der ihm später zum Verhängnis werden wird. Auch bringt ein zartes Geschöpf wie seine Tochter oder die Attraktivität seiner Schwägerin, der Gräfin Terzky, die Elisabeth Rath grandios als berechnende, sich ihrer Ausstrahlung bewusste Strippenzieherin darstellt, durchaus eine weichere Saite in ihm zum Klingen. Diese schwer zu fassende Ambivalenz der Figur weiß Brandauer überzeugend darzustellen. Sein Spiel ist facettenreich und trotzdem nicht beliebig, auch wenn ihm der "Wallenstein" als Material offenbar nicht ausreichte. Er mischt seiner Figur zusätzlich noch eine Prise hamletsches Zögern und ein Schuss faustsches Streben bei.

Tatsächlich erweist sich der österreichische Großschauspieler, der sich zuletzt eher wenig inspirierend als Regisseur versuchte, als hervorragende Besetzung für die Mammut-Rolle. Wenn er auftritt, nimmt er die riesige Bühne voll und ganz in Beschlag. Seine Präsenz, besonders in den intensiven Szenen, in denen Wallenstein sich mehr und mehr in eine Sackgasse manövriert, ist enorm. Ebenso wie seine Fähigkeit, mit seiner Stimme zu spielen, die Schillerschen Verse zu modulieren und deren Bedeutung zu transportieren, anstatt die Worte nur vor sich herzutragen, wie es an diesem Abend leider allzu oft zu beobachten ist.

Reanimation statt Innovation

Mit jungen Menschen etwa, kann Peter Stein erkennbar wenig anfangen. So geraten die Liebesszenen zwischen Max Piccolomini und Thekla zum Gefühlsdebakel. Friederike Becht darf als Wallensteins Tochter zwar anfangs kokett sein und mit klarer Stimme ein schönes Lied singen, doch später ist sie nur noch hold und harmlos. Alexander Fehling verschwindet als der junge Piccolomini förmlich unter seiner frisch ondulierten Lockenperücke und findet zu keiner erkennbaren Haltung. Zu dieser uninspirierten Regie passt, was Stein vorab in einem Interview kundgetan hatte: Junge Leute seien zwar nicht interessanter, dafür sähen sie "einfach besser aus als Alte".

Bleiben die Leutnants, Generäle, Oberste und Feldmarschalls. Peter Fitz als Octavio Piccolomini, Daniel Friedrich als Graf Terzky, Rainer Philippi als Illo, Uli Pleßmann als Isolani und Jürgen Holtz als Buttler halten sich wacker in der sich erbarmungslos in Richtung Untergang abspulenden Dramaturgie Schillers. Stein versteht es, seine Einfahrt in den Schiller-Bunker dicht und zwingend zu choreografieren und den Bühnenraum intelligent zu nutzen. Doch das sollte eigentlich zum Handwerk eines jeden guten Regisseurs gehören. Schauspieler lobt man ja auch nicht dafür, dass sie sich so viel Text merken können, sondern dafür, dass sie es schaffen, der Figur etwas Eigenes mitzugeben.

Wenn am Broadway in New York eine Neuinszenierung eines alten Stückes herauskommt, spricht man von einem "Revival", einer Wiederbelebung. Es geht also von vorne herein gar nicht darum, etwas Neues, künstlerisch Eigenständiges zu erschaffen. Nichts anderes als so eine Reanimation ist letztlich auch dieser "Wallenstein". Dem Publikum scheint das zu gefallen, denn es wird nicht überrumpelt oder mit unangenehmen Analogien zur heutigen Zeit oder zum eigenen Leben konfrontiert. Alles ist erwartbar und hübsch geordnet.

Doch im Jahr 2007 darfs schon etwas mehr sein, denn bereits Schiller wusste: "Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit".