"Was bin ich?" Schweinderl, Schimpf und neue Ratefüchse
Wer seine Fernseh-Sozialisierung spätestens in den frühen achtziger Jahren erfahren hat, kennt noch die wahren Mythen des Fernsehens: Sendungen, die wirklich fast alle gesehen haben und über die am Morgen danach in der Schule diskutiert werden konnte. Ob alle zugeschaut haben, weil die Sendungen so toll waren, oder weil es so wenige Sender gab - das ist in den Erinnerungen verschwommen.
In höheren Klassen jedenfalls waren es "Dracula"-Filme im Spätprogramm oder auch "Formel Eins" mit Ingolf Lück, dessen unerklärlicher Ruhm noch von damals rührt. Kleinere Kinder hatten liebe Familiensendungen gesehen: "Dalli Dalli" oder "Was bin ich?". Shows, die Marktanteile von bis zu 75 Prozent erreicht haben und deren Namen und Rituale sich Millionen Zuschauern eingebrannt haben. Die Besitzer der Titelrechte wären ja blöd, wenn sie jetzt, da die Kinder von einst Konsumenten sind (und in das Alter kommen, in dem man denkt, dass früher alles besser gewesen sei) nicht ab und zu eine solche "Marke" wieder beleben wollten. Nun also ist "Was bin ich?" wieder da: die älteste Show des deutschen Fernsehens, von Robert Lembke in 34 Jahren 337-mal moderiert, von der ARD nach Lembkes Tod vor elf Jahren eingestellt. Das "heitere Beruferaten", das die deutsche Sprache um "Schweinderln" und die rhetorische Konstruktion vom "Recht in der Annahme gehen" bereichert hat.
Gestern drang Björn Hergen Schimpf ("Wenn sie mitraten wollen: Kopf unter den Tisch") so routiniert aus dem in Siebziger-Jahre-Retro-Orange gestaltetem Bühnenbild hervor, als hätte er seine letzte Show dort erst vor der Mittagspause aufgezeichnet. Das Saalpublikum in Hürth bei Köln klatschte und johlte, als sei Schimpf Stefan Raab. Und es klatschte besinnungslos fort. Selbst als lediglich eine Szene aus einer US-Seifenoper in Originalfassung eingespielt wurde, an der anschließend jene Synchronsprecherin, deren Beruf als erste erraten werden musste, ihre bescheidenen Künste vorführen durfte.
Das neue Rateteam haben Marktforscher mit viel Gespür zusammengecastet. Es besteht aus zwei Männern, die Sympathieträger sind, weil sie Mitleiderreger sind: Herbert Feuerstein, der den vielleicht schärfsten und analytischsten Verstand im deutschen Entertainment besitzt und dennoch über die dümmsten Promis-besuchen-Promis-Panels tingeln muss - und Norbert Blüm ("Wir Kleinen müssen zusammen halten"). Dazu die etwas dominanteren weiblichen Stimmungskanonen Vera Int-Veen ("Was zu essen, das kein Gericht ist, gibt es nicht") und Tanja Schumann ("Ich synchronisiere auch").
Das Quartett hat natürlich alles erraten und das Publikum hat kurze Einblicke in Berufswelten gewonnen, etwa erfahren, dass Synchronsprecher ihrer Arbeit ohne Gerätschaften und ohne Verstand nachgehen (wirklich!), und gesehen, wie man Champagner-Pralinen herstellt. Ferner haben die Rater erraten, dass ein Prominenter namens Kalle Pohl einmal Polizist war, und den prominenten Prominenten besonders rasch enttarnt: Heinz Sielmann erzählte anschließend gerührt so lange von der Heinz-Sielmann-Stiftung, bis ihn das Klatschen des Saalpublikum stoppte.
Robert Lembke hätte Schimpf gemocht. Und die Produzenten vom Kirch-Sender Kabel 1 und dem Lizenzgeber Pearson-Group (Teilhaber der Bertelsmann-Fernsehfamilie) haben für viele Déjà-vus gesorgt: die schwungvollen Filzstift-Unterschriften auf der Tafel, den Gong, die sehenswerten Augenmasken.
Und doch war es nicht wie früher, sondern nur eine langweilige Quizshow mehr. Vielleicht lag es daran, dass alle Rate-Schweinderl, nein, Füchse hieß es ja, ständig disziplinlos durcheinander geredet haben. Wahrscheinlich lag es daran, dass die Menschen früher solche Sendungen doch nur angeschaut haben, weil es bloß drei Sender gab.