WAZ-Konzern im Umbruch Ein bisschen Frieden?
WAZ-Zentrale in Essen: Ehemals unvorstellbarer Deal
Foto: dapdEs gibt diesen schönen Satz, der Bodo Hombach zugeschrieben wird und der einiges aussagt über das Binnenleben des Verlagsriesen. "Ein Ja ist nur 50 Prozent wert, ein Nein 100", soll der Geschäftsführer des WAZ-Verlages über die Zusammenarbeit mit den Gesellschaftern einmal gespottet haben. Und eigentlich sagte viele Jahrzehnte lang in Essen immer irgendwer Nein.
Der Medienkonzern ist mit seinen 40 Blättern ("WAZ", "Braunschweiger Zeitung") und mehr als 100 Zeitschriften ("Die Aktuelle", "Gong", "Das Goldene Blatt") weit mehr als nur der Ruhrgebiets-Platzhirsch. Zwar bedeutete zwischen Bergwerken und Hochöfen lange Zeit der Satz "Gib ma ne Zeitung" nichts anderes, als dass man ein Produkt aus dem WAZ-Portfolio erwerben wollte, doch inzwischen ist das Unternehmen mit gut einer Milliarde Euro Umsatz längst international aufgestellt.
In den Strukturen allerdings steckt immer noch sehr viel mehr Gelsenkirchen als Globalisierung. Und das liegt wohl vor allem daran, dass die beiden Eigentümersippen, die sozialdemokratische Familie Brost und die konservativen Funkes, sich stets in herzlicher Abneigung verbunden waren. Wichtige Entscheidungen, die im Firmensitz an der Essener Friedrichstraße gemeinsam hätten getroffen werden müssen, fielen daher entweder sehr spät oder gar nicht.
Deckname "Spider"
Doch sehr bald schon könnten sich die Verhältnisse im WAZ-Land vereinfachen - etwas zumindest. Petra Grotkamp, die Tochter des Verlagsmitbegründers Jakob Funke, will in den kommenden Wochen den 50-Prozent-Anteil des Brost-Clans übernehmen. Der 470-Millionen-Euro-Deal steht nun unmittelbar bevor. Zum ersten Mal in seiner Geschichte befände sich der Verlag damit in der Hand einer Partei. Das Projekt mit dem Decknamen "Spider" sei unterschriftsreif, heißt es aus Essen.
Skeptische Zwischenrufe allerdings waren unlängst noch aus Düsseldorf zu vernehmen. Das dortige "Handelsblatt" meldete zuletzt unter Berufung auf einen "Unternehmensinsider", bei der Finanzierung des Geschäfts sei noch nicht vollständig geklärt, ob eine Münchner Bank tatsächlich einen Kredit über etwa 60 Millionen Euro gewähren würde. "Wenn eine Einigung nicht bald klappt, könnte der ganze Deal platzen", unkte der Informant.
Dabei verbindet man im Verlag große Hoffnungen mit der neuen Eigentümerstruktur. Mitarbeiter sprechen von einer "Aufbruchstimmung", die derzeit zu spüren sei, was einiges heißt in einem Haus, "in dem Stillstand lange ein Wert zu sein schien", wie die "Süddeutsche Zeitung" schrieb. Pläne, wie der WAZ-Konzern zu einem modernen Medienunternehmen werden könnte, wurden jedenfalls schon erstellt, heißt es.
Möglich geworden ist der Deal, der ehedem unvorstellbar war, weil sich die drei noch sehr jungen Brost-Enkel der Tradition des Hauses wohl nicht mehr in dem Maße verpflichtet fühlen, als dass sie sich dafür die ewigen Auseinandersetzungen antun wollten. Ihr Vater Martin, der einen Biobauernhof in Bayern betreibt und Hausverbot in Essen hatte, war Ende der Siebziger nach einem Streit ausbezahlt worden. In den aktuellen Verhandlungen mischte er dennoch kräftig mit.
Vielleicht fehlt den Jungen auch der Glaube an die Zukunft des Zeitungsgeschäfts, sind die Auflagen der Blätter doch stark eingebrochen: Allein die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und ihre Ableger verkaufen am Kiosk fast 40 Prozent weniger Exemplare als noch vor fünf Jahren. "Die Motivation ist in vielen Redaktionen auf dem Nullpunkt", sagte Sergej Lochthofen, Ex-Chefredakteur der WAZ-Zeitung "Thüringer Allgemeine", im SPIEGEL. Die Renditen sind gut, doch dafür wurde hart gespart, 300 von 900 Journalisten mussten gehen.
Wird das Neue im Westen der Frieden von der Friedrichstraße sein?
Nach dem Kauf werden Petra Grotkamp, deren Mann Günther viele Jahre lang als WAZ-Geschäftsführer der ebenso gefürchtete wie geachtete Medienmacher des Ruhrgebiets war, genau 66,67 Prozent der Anteile gehören. Die beiden übrigen Drittel im Funke-Stamm halten Renate Schubries und der Essener Rechtsanwalt Stephan Holthoff-Pförtner, als Beistand Helmut Kohls in der CDU-Spendenaffäre landesweit bekannt geworden.
Ob das Neue im Westen jedoch der Frieden von der Friedrichstraße sein wird, erscheint dennoch fraglich. Auch die Funke-Erben treffen sich mittlerweile wohl häufiger in Gerichtssälen als auf Familienfesten. Und um den neuen Kapitalbesitz der Grotkamps in wirkliche Macht umzusetzen, muss die Stimmrechtsverteilung im Haus angepasst werden - Konfliktpotential ist also weiterhin vorhanden.
Einen indes wird das alles nicht mehr betreffen. WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach, seines Zeichens ehemaliger Kanzleramtsminister und Statthalter der sozialdemokratischen Brosts in der Verlagsleitung, wird bald abdanken - obwohl sein Vertrag eigentlich noch bis 2015 läuft. Der 59-Jährige hat auch schon neue Pläne. Er wird ehrenamtlicher Präsident der privat finanzierten Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.
"Ich will Fragen hören, auf die ich noch keine Antwort weiß", so Hombach über seine neue Aufgabe. Vor allem aber will er wohl keine Neins mehr hören.