Wedemeyer-Ausstellung Falsche Wilde in Berliner Ruinen
Film-Installation: Wilde, die die Welt bedeuten
Wenn irgendwo in Berlin, Nähe Mitte, ein Bauschild aufgestellt wird, ist gähnende Langeweile in Stahl und Glas oder ein Loft oder Townhouse für Besserverdienende zu befürchten. Aber es gibt auch Glücksfälle. Die Nummer neun in der unspektakulären Brunnenstraße ist so ein Glücksfall, nicht nur für die Baulücke mit Investorenruine, die der Neubau jetzt ausfüllt, sondern auch für alle Beteiligten: für Arno Brandlhuber , Architekt, Bauherr und Vermieter in Personalunion, der nicht nur einiges von Architektur und städtebaulicher Planung, sondern auch von Kunst versteht; für die Bewohner der zwei Hinterhofhäuser, für die Brandlhuber sein Gebäude so abgeschrägt hat, dass noch Sonne in den Hof fällt. Und für die ersten Mieter, die drei jungen Galeristen und Neuberliner Alexander Koch, Nikolaus Oberhuber und Jocelyn Wolff, die der Architekt an der Planung ihrer Räume beteiligt hat.
Der Architekt: Bauruine plus wenig Architekten-Eitelkeit gleich guter Enwurf
Dabei, sagt Brandlhuber, war eigentlich gar nicht viel zu entwerfen. Als der Investor 1993/94 seinen Bauplan aufgab, war er gerade bis zur Oberkante des Kellers gekommen. Daraus ergaben sich die ersten Bedingungen für den Brandlhuber-Entwurf: Auf dem Kellerfundament mit dem vorgesehenen Fahrstuhl- und Versorgungskern sollte aufgebaut werden, die Gebäudehöhe musste zulassen, dass Sonne in den hinteren Hof fallen kann. Und weil es schon so viel "Kontext" gab, sagt Brandlhuber, habe er auch noch die Gebäudehöhen und Geschossdecken der Nachbarhäuser aufgenommen, woraus sich nach außen sichtbare Deckenvorsprünge im 15 mal 15 Meter großen Baukörper ergaben. Und weil der vorhandene Keller nur zu zwei Dritteln eine Decke hatte und Brandlhuber die weiterhin ausließ, war es ohne weiteres möglich, für die Galerie zum Beispiel einen siebeneinhalb Meter hohen Raum zu planen.
Die Mieter: Mitsprache bei der räumlichen Flexibilität
Die Gebäudestruktur ergab sich aus den Vorgaben: Aufzug und Versorgung im Haus, Erschließung von außen über Treppen und damit verbundene Terrassen, roher Sichtbeton, in den man aber auch mal einen Dübel bohren kann, viel Glas nach hinten, wenig nach vorn zur lauten Brunnenstraße, stattdessen Polykarbonat-Fassaden und ein fünf Meter hohes Tor zur Straße, das bei Bedarf für die Galerie geöffnet wird, weil die Galeristen "in und mit der Öffentlichkeit arbeiten wollen", nicht "exklusiv von privat zu privat, sondern eher wie eine Kunsthalle, in der man die Arbeiten auch kaufen kann", sagt Alexander Koch.
Die Ausstellung: Von Londons Barbican-Centre in die private Galerie
Am Wochenende gab es Bedarf, das große Tor zu öffnen, denn rund 500 Besucher kamen in die Galerie, um die erste Einzelschau in Berlin von Clemens von Wedemeyer zu sehen. Nach der Eröffnung mit einer dreiteiligen Gruppenschau im vergangenen Jahr unter dem kryptischen Titel "Antirepresentationalism" ist Wedemeyers "The Fourth Wall" die zweite Ausstellung in der Galerie, und sie beweist, dass Koch mit dem Kunsthallen-Vergleich nicht übertrieben hat. Denn die neun Filme des Absolventen der Leipziger Hochschule kommen direkt aus dem Londoner Barbican Centre und sind für die große Galerie sogar noch um einige Fotos und Vitrinen mit Büchern erweitert worden. Wedemeyers Schau läuft zeitgleich zur Berlinale und zum Transmediale-Festival (2.-7.2.).
Der Künstler: Auf der Suche nach der "Illusion des Authentischen"
Das Thema seiner Ausstellung heißt "Illusion des Authentischen", dafür geht Wedemeyer von der Geschichte der Entdeckung von vermeintlichen Ureinwohnern, den "Tasaday", im philippinischen Regenwald aus. 1971 gingen die "Steinzeitmenschen" als Sensation durch die Presse, aber schon in den achtziger Jahren wurden die Berichte als unglaubwürdig bezweifelt.
Was ist an den Fotos und Berichten über die "Wilden" etwa in "National Geographic" authentisch, fragt Wedemeyer. Dazu stellt er die damals veröffentlichen Fotos aus, interviewt den Fotografen und Buchautor John Nance in seinem Video "How to Re-establish the Truth About the Tasaday" und spricht mit dem Trash-Filmregisseur Ruggero Deodato, den 1977 die Berichte über die "Tasaday" zu seinen Film "Mondo Cannibale" 1977 angeregt hatten.
Wedemeyer betrachtet nicht nur die Vergangenheit kritisch, sondern lässt Schauspieler auf der Bühne des Barbican-Center ein von ihm geschriebenes Stück aufführen und filmt anschließend die Begegnung der Akteure mit dem Publikum - Realität und gleichzeitig die Desillusion der Bühnenrealität.
Ausstellung Clemens von Wedemeyer. Berlin. Brunnenstraße 9. Galerie Koch Oberhuber Wolff. Bis 7.3.