Werbung zum Fest Scheußlich schöne Weihnachten
Szene aus dem Weihnachtswerbespot von Marks and Spencer
Foto: Marks and SpencerOtto
Handlung: Eine giraffenhalsige Gschaftlhuberfamilie hetzt vor lauter Arbeit und Freizeitzwang auf verschiedenen Lebensbahnen aneinander vorbei und besinnt sich erst kurz vor knapp auf "das Wertvollste", das sie einander schenken können: Zeit.
Emofaktor: Ja, okay, man ist nach dem Spot pflichtschuldig leicht gerührt. Aber auch tief verunsichert: Wenn Zeit das schönste Geschenk ist - was mache ich jetzt mit Waffeleisen, Nasendusche und dem anderen aus dem Versandhaus rangekarrten Weihnachtstinnef?
Extra-Sternchen: Das untermalende Cyndi-Lauper-Lied "Time after Time" singt der Frauenchor Wiesbaden.
Edeka
Handlung: "Muss noch dies, muss noch das, muss noch jenes und irgendwas", chansonniert den Zuschauer eine erschlaffte Präparationsmama durch ihre vorweihnachtliche Plage. Vor lauter Plätzcheninstagrammerei vergisst sie fast das liebe Kindchen, ist zum Glück aber dann doch zur selben Geistesleistung fähig wie Ottos animierte Langhälsler: "Das schönste Geschenk ist deine Zeit."
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Emofaktor: Mittel. Die Wiederholung macht die nun bereits vernommene Simpel-Botschaft nicht gehaltvoller. Zudem hatte Edeka ihre Schmalzspot-Latte mit dem letztjährig so populären Sterbe-Opa selbst ziemlich hoch gelegt.
Extra-Sternchen: Die ersterbende Jingle-all-the-Way-Klimperei, als dem Vater beim Dachdekorieren die eitle Hinfälligkeit seines tumben Tuns dämmert.
Penny
Handlung: Das ältere Ehepaar Hellmann hat zwar sechs Enkelkinder, ist an Weihnachten aber trotzdem allein: Der Sohn lebt mit seiner Familie in Finnland, die Tochter in Amerika. Zu Weihnachten fliegt der Supermarkt die gesamte Sippe unter dem Motto "Penny macht Weihnachtswunder wahr" überraschend ein, plötzlich stehen alle samt Klavierspieler bei Hellmanns im Garten. Und Mutter Hellmann so: Ach nee!
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Emofaktor: Überschaubar. Wenn der Kauf eines Flugtickets inzwischen schon als Wunder durchgeht, dann leben wir in post-mirakulösen Zeiten.
Extra-Sternchen: Der Nuschelvater, der weite Teile seines Aufsagers verschlumpumpert.
Aldi Süd
Handlung: Diverse unsichtbare Protagonisten ergehen sich in einer Abnudelung altbekannter Weihnachtsstresser: Oh Shit, die Plätzchen! Ich dachte, wir schenken uns dieses Jahr nichts? Mutter ist doch allergisch auf Nüsse! Bis ein weises Kind sein Fenster öffnet und seine Botschaft in die Welt schmunzelt: "Jetzt beruhigt euch doch mal wieder! Es ist doch Weihnachten!" - Oder, wie der Spot schließt: Einfachten.
Emofaktor: Schwach. Altkluge Kinder mag niemand gerne! Andererseits ist der deutsche Spot glücklicherweise weniger verstörend als die internationale Kreativleistung des Discounters : Hier wünscht sich eine Karotte so sehr, den Weihnachtsmann zu treffen, dass sie auf dem Weg zu ihm sogar an einem Massengrab geschmorter Artgenossen vorbeibalanciert.
Extra-Sternchen: Die Litanei der vorgetragenen Weihnachtsnervsätze kann man prima als Bingo-Vorlage für Familienbesuche nutzen.
H&M
Handlung: Der schwedische Modekonzern fährt so protzig auf wie der neureiche Onkel, der mit seinen Gaben alle anderen Geschenke wie ärmlichen, in der Gosse zusammengescharrten Klimbim erscheinen lässt: Wes Anderson führte Regie, Schauspielstar Adrien Brody spielt die Hauptrolle des Schnurri-Schaffners, der den Passagieren eines Grand-Budapest-esken, elfeinhalb Stunden verspäteten Zugs eine Weihnachtsfeier auf Schienen beschert.
Emofaktor: Hoch. Allerdings kreisen die vom Spot aufgestachelten Gefühle weniger um das frohe Weihnachtsfest mit den Lieben, sondern wecken schon mal im Vorhinein den Furor über eigene zu erwartende, deutlich weniger feudale Verspätungspein bei der Zuganreise.
Extra-Sternchen: Adrien Brody. Keine Erklärung nötig.
John Lewis
Handlung: Die britische Kaufhauskette ist bekannt für ihre aufwendigen Festtagsspots und legt auch in diesem Jahr gut nach. Ein Vater baut am Abend vor der Bescherung ächzend das Geschenk für sein hopse-begeistertes Kind im Garten auf: ein Trampolin. In der Nacht nutzen es dann aber erst einmal die Wildtiere aus der Nachbarschaft - Füchse, Hörnchen und Igel bouncen, was das Zeug hält. Bei der echten Bescherung drängelt sich dann Buster, der Familienhund, vor. Der zusammenfassende, jedem von possierlichen Tieranimationen weichgespülten Zuschauer durchaus schlüssige Claim: "Gifts that everyone will love."
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Emofaktor: Hoch. John Lewis macht vieles richtig: Nach einem extrem tränendrüsigen Vorjahresspot entschied man sich in diesem Jahr gegen eine weitere Sadvertising-Variante. Sympathisch und entwaffnend außerdem: Im Gegensatz zu deutschen Zeitverschenkern tut die Konsumkette erst gar nicht so, als sei Weihnachten keine materielle Angelegenheit. In den Läden sind Plüsch-Versionen der auftretenden Tiere zu haben, außerdem der Pyjama, den das Kind im Sport trägt. Und natürlich das Trampolin.
Extra-Sternchen: Die Szene, in der die beiden Füchse auf dem Trampolin einen Plumpdachs zum Fliegen bringen.
Marks and Spencer
Handlung: Oscar-Preisträger Tom Hooper ("The King's Speech) führte in diesem feministischsten aller Werbespots Regie. Mrs. Claus, die Gattin des Weihnachtsmanns, komplimentiert erst ihren Mann in treu-sorgender Mutterchen-Manier zum Bescheren aus dem Haus - "Hier ist dein Käsebrot, und bitte vergiss Australien nicht!" - und nimmt sich dann einer eigenen, geheimen Mission an: Der Junge Jake will seiner Schwester, die er das ganze Jahr gepiesackt hatte, etwas besonders schenken. Mrs. Claus kann seinen Last-Minute-Wunsch erfüllen, weil sie im Gegensatz zu ihrem Old-School-Ehemann über modernstes Bescherungsequipment verfügt: Sie trackt Jake auf einer elektronischen Karte und steigt dann extrem gut gestylt in ihren roten Helikopter R-DOLF, um der Schwester ein paar rote Glitzersneaker unter den Weihnachtsbaum zu legen.
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Emofaktor: Immens. Eine hochsympathische Girlpower-Version des Weihnachtsabends, ganz ohne Instant-Rührduselei.
Extra-Sternchen: Bevor ihr Mann zurückkehrt, täuscht Mrs. Claus vor, die ganze Zeit auf dem Sofa geschlummert zu haben - bei der Lektüre von "50 Shades of Red".