Weihnachtsküche: Bis einer glühweint - DER SPIEGEL
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Tageskarte Küche: Mini-Tarte mit Glühweincreme

Foto: Peter Wagner

Weihnachtsküche Bis einer glühweint

Verbrannte Mandeln und vertrocknete Lebkuchen, dazu heißer Billigstfusel mit Zimt und Zuckerberg. Lecker? Glückwunsch - dann sind Sie der geborene Weihnachtsmarktesser. Für Feinschmecker gibt es hier die edle Variante der Adventsschmankerl.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn im Gegensatz zu den ewig nasskalt-regnerischen Vorweihnachtstagen der vergangenen Jahre in weiten Teilen Mitteleuropas endlich mal wieder der Schnee sein weiches Tuch legt auf urbane Brachen, rotnasige Plastikaufblasnikoläuse, dampfende Hundehaufen und was das Leben sonst noch so an optischer Umweltverschmutzung zu bieten hat, haben eingefleischte Besseresser dennoch weniger Grund zur Freude. Denn diesmal gibt es keine "Istjanullweihnachtlich"-Ausrede mehr, um sich vor spätnachmittäglichen Verabredungen auf dem Weihnachtsmarkt zu drücken.

Dummerweise genau die Uhrzeit, zu der Otto Normalbüromensch im angemessenen Zeitabstand zum mittäglichen Kantinenbesuch schon wieder der Feierabendmagen knurrt. Was man sonst - je nach Weltanschauung und Geldbeutel - mit einem kleinen Biss in eine Banane, einer Hummerhälfte, einem Müsliriegel oder einem getrüffelten Perlhuhn-Bagel gleichermaßen ökotrophologisch wie gustatorisch korrekt geregelt bekommt, wird zwischen koreanischen Nussknackerimitationen, winkend "Stille Nacht" singenden Batterieschneemännern und dekorativen Weihnachtsbaumengeln aus umgebastelten ausgedienten Gummibadelatschen ("50 Cent pro Engel gehen an die Behindertenwerkstätten Oersch-Bolkenschwieg") zum Feinschmecker-Waterboarding.

Herrrrreinspaziert zum rasenden Fettrennen!

Wer bei solchen Verabredungen mit Freunden nicht als total bornierte Sozialsau enden möchte, muss mitschnabulieren, stramm von Stand zu Stand. Und einsteigen ins rasende Zwangskarussell: Herrrrreinspaziert zum Fettwettbewerb! Wer kann den nächsten Ölwechsel länger hinauszögern - der Schmalznudelstand, der Polen-Mercedeszweihundert oder der Frittenmann? Wo schlägt kluge Marketender-Auslagestrategie die schiere Spekulatius - beim 3-Stunden-Trockenschwenknacken oder doch bei den herzförmigen Fossilien der Lebkuchenhaustheke? Und wer wird der "Mutigste Mann der Welt" - der mit den dritten Grades verbrannten Mandeln auf den Lippen? Mit den in der Kälte rasch bockelfest werdenden Fettsaucenflecken der Kunstknoblauchchampignonpfanne auf der feschen roten Outdoorjacke? Oder gar der mit der Gurken-Röstzwiebel-Maske, da hinten, am Hot-Dog-Stand?

Angesichts all dieser kulinarischen Totalausfälle geh'n auch noch ein paar Papptassen von jenem aromatisierten, weinhaltigen Heißgetränk rein, das nur mit Hilfe "naturidentischer Aromastoffe" und Unmengen Zuckers halbwegs vom aufgekochten Haushaltsreiniger "Winterzauber" unterscheidbar gemacht wurde, in der Hoffnung, es fallen in dem allgemeinen Christkindltaumel nicht allzu viele Zecher auf den Decknamen "Glühwein" herein.

Dabei hat aromatisierter Rebensaft eine lange, stolze Geschichte. Die Römer trinken seit den Zeiten des Apicius bis heute gern ihren Conditum Paradoxum (ein mit Honig, Datteln, Pfeffer und anderen Gewürzen aromatisierter Rotwein), und auch im Mittelalter verlängerten die Menschen in den Wintermonaten die Haltbarkeit ihrer vergorenen Traubenmoste mit diversen Aromaten. Was für ein Abstieg zu der zuckrigen, aus minderwertigen Weinverschnitten zusammengematschten Weihnachtsmarktplörre, von dem sich die Deutschen jährlich rund 50 Millionen Liter reinschütten.

Kalorienbomben mit Kopfschmerzgarantie

Wärme spendet sie unabhängig von den Brandschmerzen im Rachen ja auch nicht, denn das heiße Ethanol öffnet nur kurz die äußeren Blutgefäße, simuliert eine Aufwärmung, die in Minutenschnelle umschlägt in bitteres Zähneklapperfrieren, gefolgt von ätzenden Magensäure- und pochenden Kopfschmerz-Attacken. Kein Wunder, angesichts der 10-Liter-Pappkanister mit Fertig-"Glühwein", bei den Cash-&-Carry-Einkäufermärkten im Moment für 4,99 Euro zzgl. MwSt. im Angebot.

Nur mit viel Glück finden sich in den Budenstraßen Alternativen. Lieber einen Euro mehr hinlegen für einen vom Verkäufer selbst angesetzten Glüher aus vollmundigem Südwein, wenig Zucker und viel frischen Gewürzen. Und auch beim Essen gibt es Unterschiede: Heiße Maronen bieten viel Eiweiß und Ballaststoffe bei wenig Fett, frische Früchte im Schokomantel einen Vitaminschub. Burgunderschinken statt Bratwurst, Fruchtpunsch statt Furchtbarwein.

Und mit etwas Glück gibt es da auch ein paar hochwertig kandierte Früchte aus Manufakturherstellung für die Dekoration unseres heutigen Dessertrezeptes. Wir backen uns eine weihnachtliche Variation des Themas "Tarte Tatin" (der Kopfüber-Apfelkuchen) mit einer erstaunlich zuckerarmen Glühweincreme.

So was geht dann noch rein, ein paar Stunden nach dem Besuch im tiefen Tal der Superkalorien.

Rezept für Mini Tarte Tatin mit Mandeln und Glühweincreme (Dessert für 4 Personen)

Vorbereitungszeit: 45 Minuten plus 2 Stunden Kühlzeit

Zubereitungszeit: 60 Minuten

Schwierigkeitsgrad: einfach

Zutaten

Teig nach Michel Roux

250 g Weizenmehl Type 55

100 g zimmerwarme Butter in Würfeln

100 g gesiebter Puderzucker

1 Prise Salz

2 Eier (unbedingt bei Zimmertemperatur arbeiten!)

Füllung

3 Stück kleinere, herzhafte Äpfel (z.B. Cox)

2 El brauner Rohrzucker

30 g Butter, flüssig

4 El Calvados

4 El Mandelsplitter

4 El Haselnusskrokant

100 g Marzipanrohmasse in 12 dünne Scheiben geschnitten

Glühweincreme & Deko

200 ml fruchtiger, aber nicht süßer Rotwein

1 Stück möglichst frische Zimtstange (ca. 6 cm)

1 Stück Bio-Zitrone

1 Stück Bio-Orange

2 El weißer Kardamom im Ganzen

5 Stück Gewürznelken

1 Stück Vanillestange in sehr feine Streifen geschnitten

1 Paket Vanillezucker (mit Bourbon-Vanille, kein Vanillin)

4 cl brauner karibischer Rum

250 g Sahne

mehrere kandierte Früchte vom Weihnachtsmarkt

3 El Puderzucker

Zubereitung

Teig nach Michel Roux

Tarte Tatin wird in Frankreich zumeist mit Blätterteig hergestellt, der wegen seines extrem hohen Fettgehaltes in der Weihnachtszeit im Dessert nach all den gewichtigen Gängen zuvor oft etwas deplatziert erscheint. Eine Alternative wäre der Original französische Mürbeteig, der aber mit 200 Gramm Butter (auf 250 g Mehl, 100 g Puderzucker und 2 Eigelb) ebenfalls ein echter Hüftgoldschmied sein kann - und obendrein wegen seiner Bröseligkeit im Handling schwer zu verarbeiten ist. Nicht minder lecker, aber nicht ganz so heftig, ist der "Süße Knetteig" des französischen Dreisternekoches Michel Roux, der uns eine saftige und zugleich bekömmliche Tarte beschert. Vor dem Mann verbeugten wir uns ja schon in der Orangenkäsekuchentageskarte.

Mehl auf ein Backbrett (besser: Marmorplatte) sieben, aufhäufen, mittig eine Mulde eindrücken. Butter, Puderzucker und Salz in die Mulde geben und mit den Fingerspitzen alles zu Krümeln vermengen. Aufhäufen, erneut Mulde bilden, dort die Eier einschlagen. Mindestens 8 Min. kneten (besser: 20 Min). Teig als Kugel in Küchenfolie straff einpacken und 2 Stunden im Kühlschrank ruhen lassen.

Teig auf bemehlter Arbeitsfläche in 3-4 Durchgängen/Portionen jeweils 3 mm dick ausrollen und mit einem Dessertring (10 cm Durchmesser) insgesamt 12 Scheiben ausstechen. Auf bemehltem Küchentuch bereit halten. Der restliche Teig hält sich ca. 4 Tage im Kühlschrank oder kann eingefroren werden.

Füllung

Äpfel schälen und entkernen. In 3 mm dünne Scheiben hobeln, Scheiben vierteln. 4 Edelstahl-Dessertringe (10 cm Durchmesser, mind. 7 cm hoch) innen anfetten (ideal: Trennspray aus dem Profi-Konditorbereich) und mittig in große, beschichtete Pfanne (am besten feuerbeständig ohne Plastikgriff wie z.B. eine "Greenpan 28") setzen. Zucker gleichmäßig in die Ringe verteilen, bei mittlerer Temperatur langsam karamellisieren. Sobald der Zucker schmilzt, in jeden Ring 8 Apfelscheibenviertel einlegen. Calvados kurz aufkochen, über Äpfel gießen und (vorsichtig - mit Stabfeuerzeug) anzünden. Nach dem Flambieren Pfanne sofort vom Herd nehmen, Butter in die Ringe verteilen. Äpfel mit den Mandelsplittern bedecken. Je 1 Teigscheibe in die Ringe fest eindrücken, Haselnusskrokant verteilen, zweite Teigscheibe eindrücken, mit Marzipan belegen und mit dritter Teigscheibe fest andrücken. (Eine ausführliche Anleitung dieses Rezeptes mit 19 Stepp-Fotos finden Sie auch auf Peter Wagners Männerkochseite .

Pfanne in den auf 180 Grad vorgeheizten Ofen stellen und 35 Min. backen. Falls keine feuerfeste Pfanne vorhanden: Ringe mit Palette vorsichtig auf Backblech heben.

Nach der Backzeit Pfanne oder Backblech entnehmen, Ringe mit Palette auf Arbeitsbrett umheben und mit Hilfe von Topflappen die Ringe von den Kuchen abziehen (notfalls mit Trinkglas-Boden von der Größe der Ringe etwas nachhelfen. Tartes mit Hilfe der Palette behutsam auf Gitter stürzen (Apfelseite nach oben) und vor dem Servieren leicht abkühlen lassen - sie sollten aber noch warm serviert werden.

Glühweincreme & Deko

Zimtstange mit Hammer im Küchentuch zertrümmern. Orange und Zitrone gut abwaschen, trocknen. Von der ganzen Zitrone und der halben Orange mit einem Zestenreißer dünne Zesten schaben, eine halbe Orange auspressen, Saft durch ein Sieb in kleinere Kasserolle oder Sauteuse passieren. Restliche Zutaten bis auf die Sahne zugeben, alles kurz (max. 20 Sek.) aufkochen, vom Herd nehmen und 1 Stunde ziehen lassen.

Durch Sieb schütten und die eiskalte Sahne in die Flüssigkeit einmixen. Evtl. mit etwas Puderzucker und einem Spritzer Zitronensaft abschmecken. Flüssigkeit in einen Sahnesiphon füllen, nacheinander 2 Gaskapseln einschrauben, gut schütteln.

Anrichten

Teller (sehr dekorativ hier: große, rechteckige Glasteller) mit Puderzucker (durch feines Haarsieb gezogen) bestäuben. Mittig einen dicken Streifen Glühweinespuma (Creme) aufspritzen. Vorsicht: der Espuma kommt mit hohem Druck heraus. Tartes in die Tellermitte auf die Creme setzen, mit den kandierten Früchten ausdekorieren (die Früchte auf dem Foto stammen aus dem französischen Carcassonne) und sofort mit kleinem Löffel und Kuchengabel servieren. Statt der kandierten Früchte passen auch sehr hochwertige Halbtrocken-Früchte wie Datteln, Feigen und Aprikosen ins Konzept.

Küchen-Klang

Wer jetzt noch nicht genug christliche Festtagslieder gehört hat, kann sich mit den als Mischung aus Jeanne d'Arc und Mutter Teresa anmutenden Weihnachtskantaten der Ex-Eurythmics-Sängerin Annie Lennox auf "A Christmas Cornucopia" (Universal) besinnen lassen. Lieber mystischer, keltischer? Dann ist die nicht minder winterliche CD "The Wind That Shakes The Barley" des kanadischen Weltklangsuperstars Loreena McKennitt erste Wahl, die nach interessanten Orient-Ausflügen auf ihrem vergangenen Album nun wieder voller Inbrunst im schottisch-irischen Waldschratfolk schwelgt.

Getränketipp

Nein, kein Glühwein, der ist schon in der Creme. Da feinsinnige Rote angesichts der Frucht- und Gewürz-Attacke bei diesem Dessert einknicken oder in falsche Geschmackskurven abbiegen würden, hier ein unerwarteter Tipp für einen echten Muskelwein: Der 2005er Miolo Lote 43* aus dem brasilianischen Vale dos Vinhedos/Bento Gonçalves ist eine im Barrique gereifte Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot mit einem starken Bukett (Cassis, Vanille, Tabak, Schokolade, Pfeffer, Eukalyptus, Leder, Wald & Wiese). Am Gaumen ein echtes "Maul voll Wein", hochkonzentriert, komplexe Frucht, samtiges Mundgefühl mit sehr langem Nachhall. Kein Wunder, dass Ex-Präsident Luiz Inacio Lula da Silva jahrelang diesen Tropfen bei seinen Staatsempfängen ausschenken ließ.


*Bezugsquellen: 2005er Miolo Lote 43 z.B. bei Vicios-Brasileiros .