Werthebach-Debatte: Schöner deutsch per Gesetz! - DER SPIEGEL
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Werthebach-Debatte Schöner deutsch per Gesetz!

Der Berliner Innensenator Eckart Werthebach fordert ein Gesetz zum Schutz der deutschen Sprache und löst damit eine groteske Kontroverse aus..
Von Jürgen Laarmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf die Frage "ob wir in Berlin nicht wichtigere Probleme hätten", antwortet der Berliner Innensenator Eckart Werthebach geduldig, "dass möglicherweise nicht jedermann bekannt ist, dass es in den Aufgabenbereich des Innensenats fällt, sich um die Richtigkeit der Amtsprache, also auch der Formulierungen von Gesetzestexten zu kümmern."

Doch es ist nicht nur pure Pflichterfüllung noch die Sorge allein um die Amtssprache, die Werthebach treibt. In den Berliner Medien und im Feuilleton geistert eine Diskussion über seine Forderung, dass Deutschland ein Gesetz zum Schutz der deutschen Sprache braucht, die inzwischen groteske Züge angenommen hat.

Der Berliner Innensenator hatte sich bereits im Rahmen der Einwanderungsdebatte damit profiliert, als zentrale Grundvoraussetzung für den Verbleib das Erlernen der deutschen Sprache zu fordern. Und ebenjene sieht er seit Beginn der neunziger Jahre "zernagt" durch die "Flut englischer Worte", was es folgerichtig schwer mache, "einem Ausländer die Notwendigkeit zum Erlernen der deutschen Sprache zu vermitteln, wenn die Deutschen selbst die eigene Sprache verwahrlosen lassen".

Seither publizierte Werthebach für unterschiedliche Zielgruppen zahlreiche Aufsätze zum Thema von "Schluss mit dem Engleutsch" ("Bild") bis zum Schlachtruf "Die deutsche Sprache muss Träger von Kultur und Modernität bleiben" ("Direkt"). Insbesondere fordert er die Eindeutschung der Internet-Sprache, seiner Meinung nach ein dringend notwendiger Weg, um die neuen Technologien auch bildungsärmeren Schichten zugänglich zu machen und die Spaltung der Gesellschaft zu verhindern.

Geldstrafen für Radiomoderatoren?

Größere Wirkung löste der Innensenator indes erst zum Jahresbeginn mit der Forderung nach einem Gesetz zum Schutz der deutschen Sprache aus. Vorbild sind ihm entsprechende Sprachschutzgesetze in Frankreich und Polen. Werthebach denkt in der Praxis an die Erarbeitung eines "ausgewogenes Anreiz- und Sanktionssytems", was zum Beispiel Geldstrafen für Radiomoderatoren oder -sender, die zu viele englische Wörter benutzen oder die Verpflichtung, ausländische Werbeslogans auf Plakaten in gleicher Größe ins Deutsche zu übersetzen, bedeuten könnte.

Die Debatte hat inzwischen die Stammtische erreicht, gewissermaßen als frisches Sahnehäubchen auf dem Leitkulturkuchen. Die Fronten formieren sich.

Werthebach findet Anhänger beim Verein deutsche Sprache, bei Senioren und Deutschnationalen, die das Forum der Debatte dankbar nutzen. In der SFB-Talkshow "Berliner Platz" applaudierte ihm zum Beispiel ein Zuschauer, der die Situation der deutschen Sprache heute mit der von 1870/71 verglich und davon schwärmte, wie es seinerzeit gelungen sei, mittels eines großen Befreiungsschlags die deutsche Sprache per Gesetz von zu vielen französischen und lateinischen Elementen zu säubern.

Elektropost statt E-Mail?

"Bürgersteig statt Trottoir" hieß damals die Devise, heute soll es wohl - nach dem Willen der Sprachschützer - "Elektropost statt E-Mail" heißen. Dass nicht jeder Begriff derart einfach ins Deutsche zu übertragen ist, wird man schnell bemerken. Wie sollen beispielsweise komplizierte Abkürzungen wie Wap übersetzt werden? Mit KZZTDI (kabelloser Zugang zu Teilbereichen des Internets) etwa? - eine Kommission vergleichbar mit der Académie Francaise soll dies klären, sollten sich Werthebach und Konsorten durchsetzen.

Dass eine neue, noch zu entwickelnde Kunstsprache gegenüber einer bestehenden, weltweit genutzten Gebrauchs-Spezialsprache im Alltag kaum durchsetzbar wäre, fand keine Erwähnung, ganz abgesehen davon, dass es in einer weltweit vernetzten und ohnehin genügend komplizierten Welt reichlich unattraktiv wäre, Kunstsprache zu erfinden, die nur im eigenen Land und garantiert nirgendwo anders verstanden wird.

Man denke in dem Zusammenhang nur an die so dringend benötigten ausländischen IT- und Computerspezialisten und daran, wie sich deren ohnehin geringere Begeisterung nach Deutschland zu kommen, weiter abschwächen würde, wenn sie nun auch noch die internationale Computersprache erst mal im ohnehin schwer zu lernenden Deutsch studieren müssten.

Die fremde Welt des Internet

Werthebach selbst outete sich in besagter Talkshow als wenig vertraut mit der neuen Welt des Internet. Jovial berichtete er, wie er einen Mitarbeiter zurechtgestutzt habe, als dieser ihm erzählte, er habe eine Datei downgeloadet. "Wie bitte?", habe er ihn gefragt, "na runtergeladen..." habe der Mitarbeiter gesagt, was ihm aber auch nicht ausgereicht habe. Und dann habe er sich erklären lassen, dass dabei elektronische Daten auf eine Festplatte geladen werden. "Warum bitte sagt man das nicht gleich so?" war Werthebachs Schlusskommentar zu dem Vorgang.

New Economy und Werbewirtschaft in der zur Medienmetropole ausgerufenen Hauptstadt schütteln den Kopf über ihren Regierungsvertreter, der, um dem Vorwurf der Deutschtümelei und des Sprachchauvinismus zu entgehen, stets betont, wie sehr er für eine mehrsprachliche Ausbildung eintritt. Der Vorwurf der Regulierungswut und einer beachtlichen Realitätsferne in Sachen New Economy bleibt indes an Werthebach haften.

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