"Wetten dass,...?": Erst durchatmen, dann durchdrehen - DER SPIEGEL
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"Wetten dass,...?" Erst durchatmen, dann durchdrehen

Karaoke zum Mitgrölen, Ringelpietz mit Anfassen, Cuba Libre bis der Arzt kommt: Thomas Gottschalk verwandelte seine aus Mallorca übertragene Sendung "Wetten dass,...?" in eine echte deutsche Balearen-Party.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"ZDF! ZDF! ZDF!" Am Ende grölte Thomas Gottschalk den Namen seines Arbeitgebers in den Himmel über Mallorca wie ein deutscher Urlauber den seines Lieblingsfußballvereins morgens um halb drei in der Schinkenstraße. "Wetten dass,...?" ist und bleibt eben einfach das effizienteste Programm zum gezielten Hemmungsabbau, das im ansonsten eher zugeknöpften öffentlich-rechtlichen Fernsehen existiert.

Diesmal musste der Moderator nicht mal besonders lange die Sendezeit überziehen, um zum feucht-fröhlichen Höhepunkt zu kommen: Keine zweieinhalb Stunden brauchte er, um die Sangria-Meute auf den hinteren Plätzen zum Kochen zu bringen – und die eingeflogenen ZDF-Granden um Programmdirektor Doktor Thomas Bellut in den ersten Reihen dazu, verwegen ihre Sommer-Sakkos hochzukrempeln. So kurz dürfte "Wetten dass,...?" das letzte Mal irgendwann in den Achtzigern gewesen sein.

Dabei sah es zwischenzeitlich nicht gut aus: Keiner auf der Couch wollte Alkohol trinken, egal wie spanisch ihnen Gottschalk auch die Getränkeliste von Sangria bis Pina Colada runterlispelte. Kein Alkohol auf Deutschlands größter Balearen-Party? Für den Gastgeber ein echter Affront.

Aber es war da erstmal wirklich nichts zu machen: Boxerin Regina Halmich schob’s auf den Sport, der "Deutschland sucht den Superstar"-Sieger Mark Medlock gab sich professionell und erklärte: "Nicht während der Arbeit." Dabei hatte er zuvor mit seinem Mentor Dieter Bohlen einen Song dargeboten, der in seiner Süffigkeit als musikalisches Pendant zu einem Eimer Sangria durchging. Euro-Trash vom Feinsten.

Doch mit der Nüchternheit nahm es spätestens ein Ende, als Roberto Blanco auf die Bühne der Stierkampfarena Coliseo Balear stürmte. Da flossen Cuba Libre, Schweiß und Entertainment-Weisheiten in Strömen. Seiner Kollegin Barbara Schöneberger, die ebenfalls auf der Couch saß und demnächst auch als Sängerin auf Konzertreise gehen will, raunte der 70-Jährige eine Art Geheimformel deutscher Fernsehunterhaltung zu: "Die Leute müssen mitsingen können."

Ach so. Und wenn das mit dem Mitsingen doch nicht klappt, gibt es ja noch den Karaoke-Teleprompter – der dann auch von der britischen Schauspielerin Liz Hurley in Anspruch genommen wurde, als sie nach einer verlorenen Wette Blancos Evergreen "Ein bisschen Spaß muß sein" anzustimmen hatte. Der Sänger legte ihr den Arm um die Schulter und unterstützte sie auch gesanglich, später stürmte er ohne Ankündigung in die ersten Reihen und schmatzte die Frauen dort ab.

Reingehen und Anfassen – Blanco verfolgt dieses Prinzp noch ungezügelter als Gottschalk. Tatsächlich hielt sich der inzwischen international als Grabbler verschriene Gastgeber gestern zurück. Ein bisschen tätschelte er die Knie vom Nachwuchsstar Medlock, die langen Beine der ebenfalls geladenen Gewinnerin der Pro-Sieben-"Topmodel"-Show verschonte er indes weitgehend. Überhaupt gab sich der alte Stenz über Strecken versonnen; in einem poetischen Anflug flüsterte er gar den Mond über Mallorca mit "media luna" an.

Wer sich ein Dutzend Rampensäue einlädt, kann eben auch mal den Dichter rauslassen. Gleich am Anfang war ja bereits ein von dem nur mäßig synchronen Playbackgesang unbeeindruckter Enrique Iglesias in die oberen Ränge der Arena hochgeturnt, also dorthin, wo das echte deutsche Publikum mit roter Haut und bunten Shorts saß – von dem sich der schöne Spanier dann willig befingern ließ. Und sogar der sonst so reservierte Ex-Boxer Henry Maske machte nach einer verlorenen Wette im Touri-Kostüm den Clown und prostete mit einem stets gut nachgefüllten Bierglas dem Publikum zu.

Ach ja, die Wetten. Die waren eigentlich wie immer: als hätten sie sich gelangweilte Pauschaltouristen unter fortgeschrittenem Sangriakonsum ausgedacht. Ein Teilnehmer aus China balancierte 16 zusammengesteckte Holzbänke mit seinen Zähnen, ein anderer stellte fünf Ventilatoren aus, indem er seine Zunge in die Rotorenblätter steckte, ein weiterer schwamm 50 Meter mit eine Kaffeetasse auf der Ferse durch einen Swimmingpool.

Aber die Wetten sind ja inzwischen eher so was wie Pausen innerhalb des Hauptprogramms: Sie dienen dem urlaubszeitgerechten Durchatmen vor dem Durchdrehen. Und das mit dem Durchdrehen klappte am Samstagabend eben wie am Schnürchen. Ganz zum Schluss spielten dann Kool & The Gang noch ein Potpourri alter Hits. Alle flippten ablaufgemäß aus, und der über Strecken so zurückhaltende Gottschalk forderte grölend eine Zugabe ein. Wer nun immer noch nicht genug hatte, der wurde von ihm auf die nächste öffentlich-rechtliche Balearenparty verwiesen: Nächsten Donnerstag sendet das ZDF schon wieder aus der spanischen Stierkampfarena unter dem Titel "Viva Mallorca!"

Der Pauschaltourist lässt grüßen: Im Doppelpack, man will ja keine Gebührengelder verjubeln, ist’s wahrscheinlich einfach billiger.

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