Wickerts Bücher-Finale: Lallen über Liebe - DER SPIEGEL
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Wickerts Bücher-Finale Lallen über Liebe

Es gab Rotwein bei Ulrich Wickerts letzter Büchersendung. Und auch sonst schenkte der Moderator allen einen ein: Seine Gäste zermürbte er mit drögen Referaten, den Zuschauer mit Pseudo-Know-how.
Von Andreas Merkel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben an Ihrem alkoholfreien Sonntagabend auf der ARD bis halb zwölf durchgehalten. Sie haben also einen plotfreien Provinzkrimi überstanden, sind bei einer diskussionsfreien Talkrunde zwischendurch weggeschlummert und waren während einer anspruchsfreien Kultursendung vielleicht kurz pinkeln. Also können Sie sich jetzt genausogut auch noch die literaturfreie Literatursendung reinziehen.

Denn die hieß gestern Abend wieder "Wickerts Bücher" und wurde auf immer wieder geändertem Programmtermin nun zum achten und letzten Mal ausgestrahlt. Was als ambitionierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Uli Wickert nach dessen Abdankung als "beliebtester deutscher Nachrichtenmoderator" (eigener Klappentext) bei den "Tagesthemen" angedacht war, endete jetzt mit einem kommentarlosen Augenzwinkern der eher unironischen Sorte.

Wickert muss den Programmplatz an das "Dickerchen von der Rolltreppe" (Heidenreich) abgeben, Kollege Denis Scheck wird mit seinem profilierteren Format "Druckfrisch" - vorerst - ganz die stiefmütterlich behandelte Literaturkritik im Ersten übernehmen.

Und mit dem absurden Theater seiner letzten Sendung bewies Moralexperte Wickert ("Der Ehrliche ist der Dumme") auch, warum das gut so ist. Zum Finale von "Wickerts Büchern" hatte sich der Moderator diesmal die Autorengäste Dorris Dörrie, Maxim Biller und Dieter Wellershoff eingeladen. Thema im "Wonnemonat Mai": "Liebe - was auch immer das ist". Laut Wickert ein "Urthema von Leben und Literatur", aber warum dann nicht gleich "Die Welt - an und für sich".

Der Gast als Prüfling

Die Show funktionierte auch dieses Mal wieder nach dem verstörenden Grundprinzip einer schlecht geträumten Abi-Prüfung, also gar nicht. Wickert ist dabei stets der harmlose, leicht vertrottelte Französisch-Studienrat geblieben, der jetzt plötzlich auch in Deutsch prüfen darf: Bei den Damen im Schulsekretariat erfreut er sich nach wie vor großer Beliebtheit. Es gibt sogar Rotwein, und er hat noch nie jemanden durchfallen lassen, nicht mal die Gedächtnis-Niete Günter Grass im letzten August.

Und trotzdem konnten seine aus der Zusammenhangslosigkeit eines tiefen Desinteresses kommenden Fragen der Alptraum jedes Prüfungskandidatens, will sagen: Gesprächspartners sein (im Trailer zu "Wickerts Bücher" sieht man ihn gelangweilt ein Buch durchblättern).

So fragte er gestern plötzlich seinen Sitznachbarn, den frechen Streber Maxim Biller (der es gut vorbereitet schaffte, in drei Sätzen Selbstvergleiche mit Bob Dylan, Judith Hermann und Hemingway anzustellen), nach dessen Tochter.

Oder gefiel sich in inhaltsfixierten Zusammenfassungen der aktuellen Werke von Dörrie – "das Buch spielt in Hollywood, aber die Figuren sind alle Deutsche", unter ihnen auch "ein paar hochgradig frustrierte Tussen" – und Wellershoff: "Also, in dem Roman nimmt der Freund Paul seinem Freund Leonhard zuerst die eine Frau weg und später auch noch die andere; zum Schluss bleiben alle allein, das heißt eine Figur springt sogar aus dem Fenster … und man hat so den Eindruck, es ist ihre Antwort auf Goethes 'Wahlverwandtschaften'?"

Leere statt Lehre

Die meiste Zeit über verfolgte Wickert jedoch nur entrückt lächelnd, wie sich seine Gäste um Kopf und Kragen theoretisierten über die "leidenschaftliche Liebe als gesellschaftliche Herausforderung" (Wellershoff). Einer schwärzte den anderen an (Biller: "Wir verlieren gerade unsere Leserinnen, Herr Wellershoff!") oder ging wie Doris Dörrie gleich fröhlich mit allen "D'accord!", dass Männer die größeren Romantiker, aber nicht notwendig die Guten seien.

Zwischendurch verharrte der seriöse Blick eines Dieter Wellershoff immer wieder auf Wickert wie auf einem Lehrer, von dem man sich vergebens erhofft, er könne ein bisschen Ordnung in diese halbe Stunde reines Anti-Fernsehen bringen.

Vergebens. Wickerts Fazit zu dem "hochillusionsanfälligen" Problem: "Es ist schwierig geworden mit der Liebe." Und auch den ausgeschenkten Rotwein auf dem Studiotisch hatte noch niemand angerührt.

Ulrich Wickert las schnell die beiden Buchtipps vom Teleprompter ab und sagte: "Das war's bei Wickerts Bücher." Sorgen machen muss man sich um den offenbar besser schreibenden als moderierenden Ex-Anchorman jedoch nicht. Er wird auch weiterhin belletristisch erfolgreich den Deutschen sagen, wer sie sind, und die Gauner Gauner nennen – mit seiner Krimireihe um den Pariser Untersuchungsrichter Jacques Ricou.

Und auch der hartgesottene ARD-Zuschauer darf aus der "Wickerts Bücher"-Prüfung aufwachen. Er hat eh nichts behalten können. Ihm ist ein bisschen schwindlig am Ende seines alkoholfreien Abends. Im Ersten kommt jetzt die Rotwein-Komödie "Vino Santo". Schnell den Fernseher aus und ab ins Bett, sonst gibt es doch noch ein Gelage.