Wiener Uraufführung Blut gegen Durst
"Die Welt als Ende der Vorstellung" - das klingt erstmal wie ein guter Kalauer. Dabei ist es dem Autor Kevin Rittberger, 33, ganz ernst mit seinem Thema: Er hat ein Stück über das tägliche Drama an Spaniens Küsten geschrieben, über die Afrikaner, die dort täglich halb oder ganz verdurstet in kaputten und überladenen Booten angespült werden, weil sie sich Europa als gelobtes Land vorstellen. Er hat auch geschrieben, welche Odyssee, oft jahrelang, diese Menschen hinter sich haben, bis sie ankommen, wie viele unterwegs umkommen, und dass viele trotzdem gleich wieder zurückgeschickt werden. Rittberger hat viele Einzelfälle recherchiert, jedes Schicksal ein reales Drama, fast immer eine Tragödie. Aber wie diese einzelnen Geschichten zu einem Drama für die Bühne verdichten? Ist Authentizität hier nicht das oberste Gebot?
Der Autor kennt diese Diskussionen und hat sie gleich in sein Stück eingebaut. In einer Art Vorwort werden deshalb Dutzende der Geschichten angerissen, in kurzen Sätzen legt der Autor seine Quellen offen. Der erste Hauptteil heißt dann "Das Lehrstück von Blessings Tod", und Rittberger hat hier in scheinbar brechtscher Tradition tatsächlich ein Lehrstück geschrieben, eine poetische Verdichtung dessen, was er recherchiert hat, und natürlich klagt diese Geschichte uns, die Zuschauer, in der Festung Europa an: Es ist die Geschichte von Blessing aus Nigeria und Boubacar aus dem Senegal, die sich auf ihrem Weg durch die Wüste kennenlernen, trotz immer neuer Rückschläge zusammenbleiben, jahrelang an der nordafrikanischen Küste hängenbleiben, zwei Kinder bekommen. Endlich haben sie vier Plätze auf einem Boot. Nur Boubacar wird die Überfahrt überleben.
Als "Nazi-Schlampe" beschimpft
Rittberger, der am Hamburger Schauspielhaus unter anderem mit seinem Projekt "Hunger nach Sinn" auf sich aufmerksam gemacht hat, ist aber viel zu schlau und reflektiert, um nicht die Sinnhaftigkeit seines eigenen Stücks zu hinterfragen. So gibt es im zweiten Hauptteil, "Flüchtlingstheater" überschrieben, einen radikalen Perspektivwechsel. Wir befinden uns plötzlich auf einer Preisverleihung irgendwo in Europa, wo Julika, eine junge engagierte Filmemacherin, einen Preis bekommt für ihren Dokumentarfilm über Nazi-Angriffe auf Ausländer in Deutschland. Sie erzählt daraufhin, dass sie in Mali auf einem Filmfestival für den gleichen Film als "Nazi-Schlampe" beschimpft wurde: "Man hat mir unterstellt, ich habe einen Propagandafilm im Auftrag der deutschen Regierung gemacht und würde den Film nur zeigen, um Afrikaner von ihrer Flucht nach Europa abzuhalten."
Welche Wahrheit ist nun die richtige? Julika plant trotzdem den nächsten Film, will ihre privilegierte Perspektive aufgeben und mit den Afrikanern aufs Boot steigen. Aber muss man wirklich sein Leben riskieren, um authentisch zu sein? Und bleibt es nicht trotzdem eine Pseudo-Authentizität? Kann man den Flüchtlingen glauben, die fürchterliche Geschichten vom Treck durch die Wüste erzählen wie die, dass jemand das Menstruationsblut einer fremden Frau getrunken hat, um nicht zu verdursten? Kann man ihnen glauben, wenn man sie bezahlt für solche Informationen?
Es ist ein komplexes, vielschichtiges und engagiertes Stück, das Rittberger da geschrieben hat. Die Regisseurin Felicitas Brucker, 36, muss nun schauen, wie sie all die Ebenen auf die Bühne bringt, ohne dass der Zuschauer dazwischen verlorengeht. Sie hat bei anderen Uraufführungen aber schon gezeigt, dass sie keinen falschen Respekt vor unerprobten Texten hat. Was das schließlich alles mit Kassandra zu tun hat, der mythischen Seherin, der keiner glauben wollte, wenn sie Unheil voraussagte? Rittberger sieht die Parallele, dass auch wir "sehend und wissend in unseren Untergang" gehen - die Festung Europa ist nicht auf ewig zu halten. Er behauptet, Kassandra "würde bestimmt nicht wollen, dass wir weiter orakeln, ohne etwas zu tun". Die Regisseurin Felicitas Brucker sagt es so: "Kassandra stellt für mich die Frage nach Fatalismus und steht zugleich für die Hoffnung, diesen überwinden zu können."
"Kassandra oder Die Welt als Ende der Vorstellung". Uraufführung am 1.4. im Schauspielhaus Wien. Auch am 3., 8., 16. und 17.4., Tel. 0043/1/317 01 01 18, www.schauspielhaus.at