Wirtschaftskrisen-Theater: Bank berauben, Party machen - DER SPIEGEL
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Wirtschaftskrisen-Theater Bank berauben, Party machen

Erst die Puppen tanzen lassen und sich dann eine Kugel in die "Hemdbrust" jagen: Georg Kaisers schon 1912 entstandenes Stück "Von morgens bis mitternachts" ist das bemerkenswert aktuelle Drama eines Kassierers, der das Geld der Bank verzockt. Jetzt läuft es in Stuttgart.
Von Jürgen Berger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie blickt in die Kamera, als sei es selbstverständlich, wenn man bereits zwei Jahre nach Abschluss des Regiestudiums für eine Bühne wie das Zürcher Schauspielhaus inszeniert und mit dem Stuttgarter Staatstheater gerade ein weiteres wichtiges Sprechtheater bespielt. Nina Mattenklotz ist 30, und man könnte sie für eine entschlossene Einzelkämpferin halten. Vor zwei Jahren allerdings gab sie zu Protokoll, sie sei ein Rudelmensch und entwickle ihr Regiekonzept gerne im Gespräch mit der Bühnenbildnerin Silke Rudolph.

Die ist auch jetzt in Stuttgart wieder mit dabei, wenn es um ein Stück geht, das ein Auftragswerk aus dem Hier und Jetzt sein könnte, sprachlich aber wie ein Schlaglicht aus einer ganz anderen Zeit wirkt. Georg Kaisers "Von morgens bis mitternachts" ist ein expressionistisches Stationendrama und verhandelt, was der Mensch mit Geld und was Geld aus dem Menschen so alles machen kann. Nein, sie selbst habe das Stück nicht vorgeschlagen, das Stuttgarter Staatstheater sei an sie heran getreten, meint Nina Mattenklotz. Andererseits war sie aber sofort stark beeindruckt von der außergewöhnlichen Sprache, mit der Kaiser aus einem unscheinbaren Bankangestellten einen Hasardeur macht, der tief beeindruckt ist von einer Dame im Pelz.

Griff in die Kasse

Die noble Erscheinung betritt die Bank und wirkt etwas verzweifelt, weil das mit den 3000 Reichsmark nicht so klappt, wie sie es gerne hätte. Einen Zahlungsavis kann sie zwar vorweisen, der Bankdirektor allerdings traut der Sache nicht und lässt sie abblitzen. Da genehmigt der Kassierer sich einen Griff in die Kasse und folgt der Dame in "knisternder Seide" auf ihrem Weg ins Hotel. Sie allerdings will das Geld plötzlich nicht mehr. Aus der grotesken Tragödie einer abgebrannten Lady wird die tragische Groteske eines Kassierers, der mit einem Bündel Geld die Puppen tanzen lässt.

Geschrieben hat Kaiser die dadaistische Gesellschaftsmetapher 1912. Man meint allerdings, er habe bereits die wilden zwanziger Jahre und die kommende Weltwirtschaftskrise im Auge gehabt. Dass "Von morgens bis mitternachts" derzeit so beliebt ist und in Magdeburg, Darmstadt, München und Stuttgart reanimiert wird, hat sicherlich damit zu tun, dass man das Stück als Kommentar zur aktuellen Finanzkrise verstehen kann. Nina Mattenklotz allerdings geht es um eine andere, nicht weniger wichtige Schattierung. "Der Kassierer nutzt das Geld ja nicht, um sich zu bereichern oder es wie ein Finanzspekulant zu vermehren. Er will sich auf beeindruckend konsequente Art und Weise das maximale Erlebnis erkaufen und lässt dafür sein altes Leben hinter sich."

Kaisers Held haut zuerst mal beim Berliner Sechstagerennen auf den Putz, dann geht es ab ins Ballhaus. In Stuttgart spielt das in einer Club-Atmosphäre: "Dort begegnen ihm allerdings nur müde Gestalten, die, mit Mickeymaus-Gesichtern maskiert, zwar ein Geheimnis ausstrahlen, jedoch nicht erfüllen können, was er in ihnen sieht", sagt Nina Mattenklotz, bevor es ab geht zur nächsten Probe und einmal mehr um die Auseinandersetzung mit einem Dramatiker, der eines Tages eine vermögende Kaufmannstochter mit dem Namen "Habenicht" ehelichte und fortan ein etwas unbeschwerteres Theaterdichterleben führen konnte.


"Von morgens bis mitternachts". Premiere am 20. November in der Werkhalle des Schauspiel Stuttgart . Weitere Vorstellungen am 22., 23., 25.-27. und 30.11. Karten: Tel. 0711/20 20 90.