Wittenbrink-Premiere Nostalgierige Väter, sehnsüchtige Kinder
Einer strickt und alle schwadronieren: Franz Wittenbrinks Männerquartett in seinem neuen Liederabend "Vatertag" verströmt von Beginn an eine melancholische Bräsigkeit, die sich nur in Nostalgie retten kann. Vergangenheitsbewältigung auf dem Golfplatz, gut situierte Achtundsechziger am Ziel ihrer Träume, ein Glas Rotwein und tausend Erinnerungen - der Stoff aus dem Klischees gebaut sind. Man singt und schwelgt und stichelt und widmet der jungen, sichtlich gelangweilten Servierdame gleich zu Beginn John Lennons "Woman is the Nigger of the World". Wohlsein. Keine Frage: Es darf gelacht werden. Dennoch ist die Veranstaltung kein Quatsch Comedy Club nach Noten.
Franz Wittenbrinks musikalische Theaterarbeiten, die ihn über eigene Projekte ("Sekretärinnen") und der "Fledermaus" mit Frank Castorf bis hin zu Inszenierungen in Wien und Salzburg führten, haben inzwischen so etwas wie eine fröhliche Kreativ-Routine erreicht, die ihm ein Fan-Publikum bescherte. Handlung aus Songs und Texten, das Ambiente als Anlass: Das Konzept funktioniert immer wieder, beschwört es doch ein gemeinsames popkulturelles Gedächtnis, das nach Stimulanz und Erneuerung verlangt. Man liebt seine Pop-, Jazz- und Kabarett-Mixturen, die vermeintlich wohl bekannte Stücke in neue Kontexte stellt und sie auf einmal ganz neu aufblitzen lässt. Und seine Schauspieler lieben diesen animierenden Cocktail offenbar ebenso, denn zu diesem "Vatertag" steuerte das Ensemble eigene Texte bei - und zwirbelten die Originale damit manchmal erheblich auf.
Übertreibung und Lautstärke
Stephan Schad, der Tenor in der Vierer-Man-Group, textete auf Bob Dylans "Like a Rolling Stone" sein wütendes "Ist dir das nicht suspekt?" in einer pikierten Rede an seine Verflossene - ganz die beleidigte intellektuelle Leberwurst, die für einen reichen Tunichtgut ausgemustert wurde: Ein linkes Trauma, in kurze, witzige Songform gebracht: Hinreißend. Von der vierköpfigen Rockband unter Leitung von Meister Wittenbrink kongenial flankiert, mustergültig in sparsamer Effizienz und handwerklicher Klasse ausgeführt. Keine Kopie von Dylans Sound, aber mit authentischem Flair. Stephan Schad führte seine drei Mit-Väter (Markus Graf, Helmut Mooshammer, George Meyer-Goll) später auch sicher durch den Take-That-Schmachtfetzen "Back for Good", den die Truppe mit achtbaren Harmony-Vocals meisterte. Wie man es - Joe Cocker lässt grüßen - besser nicht macht, zeigte derselbe Stephan Schad bei Randy Newmans "Guilty": Übertreibung und Lautstärke, grobschlächtige Kraftmeierei, Parodie ohne Ziel. Nicht immer lochte der Witz ein auf diesem Golfplatz der nostalgischen (Alp)Träume.
Viel besser gelang der Umgang mit der halbwegs zeitgenössischen Gegenwelt der Kinder-Generation: Der prototypische, rastagelockte Sohn (schön spröde: Christoph Rinke) pariert mit Ärzte-Witz ("Langweilig") und Tocotronic-Weisheit ("Tennis") das Palaver der Väter. Die genervte Bedienung (Paula Dombrowski) serviert mit Ideals "Eiszeit" den schlagenden Beweis, dass die erste Neue Deutsche Welle den Test-of-Time zumindest manchmal blenden besteht. Und was Frau Dombrowski aus "Cry Me a River" machte, war ebenfalls Gänsehaut erzeugend.
Harmonie und Hausmusik
Heimlicher Star des Abends jedoch war die zierliche Judith Rosmair, die man als aggressiven HipHop-Macho zunächst kaum erkannte. Auch sie textete ihre zwei Raps selber, und fast hätte man sich vor der forsch thematisierten Muslim-Apokalypse gegruselt, wenn sie nicht so weich in den Hüften wedelte, sich so feminin und formvollendet bewegt hätte: eine doppelbödige Eleganz, die den ruppigen Text zusätzlich pointierte. Ihre Frische und Kraft bewegte dann auch erheblich mehr als die männerbewegte, hier gospelselige Allerweltsekstase von Aretha Franklins "Think" - nostalgierige Väter auf der Suche nach der wahren Empfindung. Auch als Parodie nur bedingt haltbar.
Doch alles ist Spiel, und alle sehnen sich tief im Innern nach Harmonie und Hausmusik. Nachdem Christoph Rinke noch schnell "Guten Abend, Gut' Nacht" als bitterbösen Abgesang auf den kommenden Gipfel in Heiligendamm umdeutete, trifft sich die ganze Bande schließlich beim Volkslied. "Kein schöner Land" - ja, da bleibt alle Ironie auf der Strecke, auf einmal möchten alle wieder alles gern haben und hüllen sich ausgehungert in die Harmonie der Tradition. Und vor dem Liedgut kapituliert auch der Generationenkonflikt: Nach "Hey Joe" und Gitarren-Dekonstruktion trifft man sich "In einem kühlen Grunde", schwingt sanft aus und sinniert im Sitzen.
Wittenbrink hat es geschafft: Beinahe singt das Publikum ergriffen mit, der Chor der versprengten auf der Bühne klingt einfach zu gut. So schwebt Versöhnung über der Szenerie, die Einsamkeit der Väter verbrüdert sich mit der Sehnsucht der Kinder, und alles ist wie immer: Sehr deutsch und empfindsam.