Zeitungsdebatte Ahnungslosigkeit durch Digitalisierung
Für junge Menschen verlieren echte Informationen zunehmend an Wert. Möglicherweise werden wir durch die Digitalisierung in Zukunft ahnungsloser sein als heute.
Lokalzeitungen - sehr lokale Zeitungen - werden vermutlich noch lange leben. Bei den anspruchsvollen Blättern ist der zuverlässigste Leser heute ein überdurchschnittlich gebildeter Mensch über 50. Wer speziell auf diese Gruppe zielt, hat gewiss noch zwanzig, dreißig Jahre eine Chance. Verlage können überleben, wenn sie den Abo-Preis verdoppeln und eine Halbierung der Auflage in Kauf nehmen: Schließlich verkaufte die klassische "Frankfurter Zeitung" vor 90 Jahren auch nur 80.000 Stück.
Werden die heute 20-Jährigen in diese Rolle hineinwachsen? Eher nicht. Raschelndes Papier ist für sie nicht mehr attraktiv - und dass eine gute Zeitung gerade im Chaos der elektronischen Überinformation ein Leuchtturm wäre, ist zwar überwältigend richtig - wichtig aber offenbar nicht sehr: Information überhaupt hat für 20-Jährige an Wert verloren, soweit sie nicht bei Facebook oder Instagram stattfindet.
Vielleicht also kehren wir in zwanzig, dreißig Jahren zu dem Stadium zurück, das bis zum Aufstieg der Zeitungen im 17. Jahrhundert herrschte: dem der öffentlichen Ahnungslosigkeit. Dass Kolumbus da irgendwas entdeckt hatte, erfuhren Könige, Kaufleute, Admirale durch gewerbsmäßige Mittelsmänner; die riesige Mehrheit erfuhr es nie. Im späten 20. Jahrhundert erfuhren dann alle alles.
Einen Nachteil hatte das sogar: über Greuel und Katastrophen in aller Welt wurden wir (werden wir noch) so abdeckend, ja lustvoll informiert, dass wir dazu neigen, die Erde für einen schlimmeren Planeten zu halten, als sie ist.