Wolfgang Tillmans: Kaleidoskop im Kopf - DER SPIEGEL
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Wolfgang Tillmans Kaleidoskop im Kopf

Der Fotograf und Turnerpreisträger Wolfgang Tillmans präsentiert seine Werkschau "Aufsicht" in den Hamburger Deichtorhallen. Die Ausstellung zeigt viele bekannte Porträts, aber auch neue, abstrakte Arbeiten des Künstlers.
Von Carolin Ströbele
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man merkt Wolfgang Tillmans an, dass er sich unwohl fühlt. Wie ein Schuljunge, der gerade abgestraft wird, steht der Fotograf vor einem seiner meterhohen Bilder und senkt verlegen den Blick. Auf ihn ist eine Kamera gerichtet, ein Pressefotograf gibt Anweisungen. Eine ungewohnte Situation für Tillmans - denn sonst ist er es, der hinter der Linse steht Vielleicht ist es ihm unangenehm, selbst fotografiert zu werden, weil er genau weiß, wie nahe man seinen Modellen dabei kommen kann.

Diese Gabe hat Tillmans berühmt gemacht: die Fähigkeit, Menschen in scheinbaren Alltagssituationen für den Betrachter interessant zu machen. Im vergangenen Jahr wurde der Künstler als erster Fotograf und als erster Nicht-Brite mit dem renommierten Turner-Preis ausgezeichnet. Die Preisverleihung verlief nicht ohne Reibung, britische Zeitungen bezeichneten den Deutschen als "Porno-Fotografen", da einige seiner Bilder homoerotische Szenen zeigten. Für Aufruhr sorgte insbesondere ein Foto, das einen Punk zeigt, wie er auf einen Stuhl pinkelt.

Intime Momente

Doch die Provokation ist bei Tillmans nur vordergründig und betrifft auch nur einen geringen Teil seines Werkes. Viel intimer sind seine scheinbaren Schnappschüsse, in denen er Gesichter und Situationen einfängt, die beim Betrachter den Wunsch wecken, die Geschichte hinter dem Bild zu erfahren. Wie die Frau, die sich an einem Haltegriff festhält. Ihre nackte Achselhöhle wirkt wie ein Aufschrei der Verletzlichkeit inmitten des Menschengedränges.

Mit der Ausstellung "Aufsicht", die am Freitag in den Hamburger Deichtorhallen eröffnet, hat Tillmans eine ganz besondere Werkschau inszeniert. Sie ist keine bloße Aneinanderreihung von Fotografien, sondern selbst ein Gesamtkunstwerk. Die Museumsleitung rekonstruierte detailgenau die Räume der Londoner Tate Gallery, in der die Ausstellung zuvor gelaufen war. Sogar die Türen zwischen den einzelnen Räumen wurden unterschiedlich hoch angelegt. Der Künstler selbst beschäftigte sich zwei Wochen lang mit der Komposition und dem Arrangement seiner Fotografien. Herausgekommen ist ein äußerst spannendes Museumserlebnis: Man fühlt sich wie in einem Kaleidoskop - man dreht sich und dreht sich und entdeckt doch immer wieder etwas Neues.

Kompositionen aus Licht

Meterhohe, wilde Farbexplosionen leuchten dem Betrachter zwischen zwei Türfluchten entgegen, Porträts hängen neben abstrakten Bildern, dazwischen, fast versteckt, finden sich Fotoabzüge im Postkartenformat. Auf Rahmen hat Tillmans weitgehend verzichtet, viele Abzüge sind ganz simpel mit Tesafilm an die Wand geklebt. Bilder, die aus Magazinen wie "ID" und "Interview" herausgerissen sind, reihen sich neben aufwändigen Hochglanzabzügen.

Seit einiger Zeit hat sich Tillmans vor allem der abstrakten Kunst zugewandt. Viele seiner neuen Werke sind allein in der Dunkelkammer entstanden. Mit Hilfe von verschiedenen Lichteffekten hat der Fotograf erstaunliche Kompositionen auf das Fotopapier gezaubert. Wie die Aufzeichnungen eines Seismografen zittern dünne Linien auf den Bildern entlang. Manchmal sehen die fragilen Gebilde aus wie die Muskelfasern, manchmal auch wie der Kelch einer exotischen Blume.

Viele Bilder findet man gleich mehrmals in der Ausstellung: Zum Beispiel das Foto "anti-homeless device". Es zeigt, wie Penner durch städtebauliche Maßnahmen am Schlafen auf der Straße gehindert werden sollen. Durch die Darstellung desselben Motivs in verschieden großen Formaten und unterschiedlicher Umgebung stellt der Fotograf immer wieder den Kontext und die Aussage der abgebildeten Situation in Frage.

Zoom im Kopf

Ohnehin wechselt Tillmans in seiner Kunst oft die Perspektive. Mit seinen Porträts geht er unglaublich nahe an die Menschen heran, mit den "Aufsichten", den klassischen Luftaufnahmen, rückt er extrem weit weg. Der Effekt beim Zuschauer ist erstaunlicherweise ein ähnlicher: Auch wenn sich die Kamera Kilometer weit weg von ihrem Objekt befindet, bleibt man neugierig und wünscht sich bisweilen, selbst einen Zoomhebel betätigen zu können, um näher heranzukommen.

Vor zwei Jahren fotografierte Tillmans Schnee in Russland. Einfache Schneehaufen, in denen sich ein paar Fußabdrücke abzeichneten. An einfachen Motiven wie diesem erkennt man die außergewöhnliche Gabe des Fotografen: Tillmans zeigt nur Dinge, die man schon tausendmal gesehen hat. Doch so wie er sie zeigt, hinterlassen sie Spuren.

Wolfgang Tillmans "Aufsicht", Deichtorhallen Hamburg, 28. September 2001 - 13. Januar 2002

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