Wolkenkratzer Sog des Vertikalen
"Der Gedanke, einmal in seiner Größe gefasst, kann nicht mehr verschwinden. Solange es Menschen gibt, wird auch der starke Wunsch da sein, den Turm zu Ende zu bauen." (Franz Kafka, "Stadtwappen", 1920)
Sein Rumpf umfasst einen ganzen Straßenblock. Wie ein gigantisches Bambusrohr ragt der "Taipei 101" mit einer Rekordhöhe von 508 Metern in den Himmel von Taiwan. Der Gigant ist zurzeit das höchste Gebäude der Welt und eines der wahnwitzigsten Projekte der Architekturgeschichte. Wo es steht, bebt ständig die Erde, mehrmals im Jahr muss es tropischen Wirbelstürmen trotzen. Rund 1,5 Milliarden Euro hat der Turm gekostet. Das meiste Geld floss in die Technologie, die den Super-Turm zum sichersten Wolkenkratzer der Welt machen soll.
Mit dem "Taipei 101" ist der Hochhausbau endgültig in einer neuen Dimension des Größenwahns angekommen. Allerdings ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch dieser Wolkenkratzer an Höhe und Innovationskraft überholt wird. Der Wettkampf um den weltweit höchsten Turm scheint keine Grenzen zu kennen. Der "Freedom Tower" in New York oder das "Burj Dubai" stehen bereits in den Fundamenten, der "Turning Torso" (Malmö) wird mit seiner Struktur einer DNS-Doppelhelix mindestens so viel Aufsehen erregen wie einst Norman Fosters Gebäude für die Swiss Re in London, das von der englischen Presse den Spitznamen "Erotic Gherkin" (erotische Gewürzgurke) verpasst bekam.
Türme, Hochhäuser und Wolkenkratzer sind mehr als nur hohe Gebäude. Seit dem biblischen Turmbau zu Babel verkörpern die den Wunsch des Menschen nach symbolischer und faktischer Herrschaft. Die Türme werden benutzt, um Spiritualität, Macht, aber auch technischen Fortschritt darzustellen. Das Hochhaus entspricht einem Traum, der so alt ist wie die Welt: So hoch zu bauen, dass man die Wolken streift und vielleicht auch das Überirdische berühren kann.
Modelle sprengen die Decke
Die Ausstellung "Der Traum vom Turm" im Düsseldorfer NRW-Forum erzählt erstmalig die ganze Geschichte der Wolkenkratzer. Anhand von über 60 Modellen, alle im Maßstab 1:200, zeichnet die Schau die Entwicklung der Türme nach - von Babel bis Peking, von Chicago bis Taipeh. Während die Nachbauten der ersten hohen Gebäude - etwa des Kölner Doms (157 Meter) - noch brav auf ihren Podesten verweilen, sprengen andere Modelle, wie das des Millennium Towers in Tokio (840 Meter, Fertigstellung 2009), beinahe die Höhe der Ausstellungsräume.
Die Geschichte der Wolkenkratzer ist eine komplexe Mischung aus Soziologie, Technik- und Innovationsgeschichte, Bauästhetik und Ökonomie. Die Düsseldorfer Schau erzählt aber auch von wichtigen Gefühlen: Von der Faszination für die Höhe, von der Begeisterung für die Leistung, für die immer kühneren Entwürfe der Architekten. Immer ganz nah ist das Gefühl der Angst. Sie schleicht sich mit in die Aufzüge, lässt den Magen zusammenkrampfen, wenn man von weit oben in die Tiefe blickt. Und natürlich gibt es die Angst vor dem Einsturz, vor der Katastrophe.
Der Terrorangriff vom 11. September 2001 machte diese Ängste wahr. Die Zwillingstürme des World Trade Centers stürzten ein und rissen Tausende Menschen in den Tod. Danach wurde die Bauart der Wolkenkratzer neu überdacht, auch die Pläne für den "Taipei 101" wurden überarbeitet. Heute sind alle Pfeiler mit feuerfestem Spezialschaum eingesprüht, es gibt Evakuierungszonen. Zudem wird im Gebäude so viel Löschwasser gespeichert, dass es mehrere Schwimmbecken füllen könnte.
Doch nicht nur die Geschichte lehrt neues Denken. Mit zunehmender Höhe wächst auch der Respekt für die neuen Giganten der Städte. Zu Füßen eines Hunderte Meter hohen Turms verliert sich das Gefühl für die eigenen Grenzen. Die Höhe wird unfassbar, der gesamte Bau scheint übermenschlich. So erklärt sich vielleicht auch, warum Wolkenkratzer oft wie das Werk einer höheren Macht wirken.
Der Fahrstuhl schafft die Oberschicht
Dabei ist die technologische Entwicklung, die hinter den heutigen Königen der Skyline steht, ganz banal: Mit jeder neuen Erfindung und Innovation kletterten die Bauwerke eine Etage höher. Etwa mit der Entdeckung des Stahls als Baumaterial, erstmals eingesetzt durch Gustave Eiffel.
Weniger auffällig, aber nicht weniger bedeutend: Die Erfindung des elektrischen Fahrstuhls Ende des 19. Jahrhunderts. Ohne ihn wäre die weitere Entwicklung des Bauens in der Vertikalen undenkbar gewesen, er machte die oberen Stockwerke zur "Bel Etage" jeden Gebäudes. Heute haben sich die Anforderungen ein wenig verlagert: Natürlich besitzt der "Taipei 101" einen Aufzug - Doppeldecker-Kabinen schnellen mit einer Geschwindigkeit von 1008 Metern in der Minute in die Höhe. Die Kammern sind luftdicht und mit einem künstlich konstant gehaltenen Innendruck ausgestattet, ansonsten würde den Fahrgästen das Trommelfell platzen.
Immer war der Traum vom Turm auch mit der Vision einer Weltstadt ohne Grenzen verbunden. So entstand in den dreißiger Jahren in Manhattan ein ganzes Viertel von Wolkenkratzern, die untereinander um den Höhenrekord konkurrieren. Das "Chrysler Building" (319 Meter) wurde 1930 fertig gestellt, schon ein Jahr später überholte es das "Empire State Building". Mit seinen 381 Metern war es 41 Jahre lang das höchste Gebäude der Welt.
Filme wie "Metropolis" (1926) entstanden zu jener Zeit und entwarfen Visionen, die sich tief in das Bewusstsein der Menschen einbrannten. In seinem Meisterwerk erzählt Regisseur Fritz Lang die Geschichte einer zum Moloch mutierten Riesenstadt. Der Film beeindruckt jedoch weniger durch seine Handlung als durch seine Visualisierung der Hochhausschluchten. Zwischen städtebaulicher Vision und großer Depression finden die Wolkenkratzer ihren Platz in der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der zwanziger und dreißiger Jahre.
In der Höhe liegt die Kraft
Nach dem Empire State Building herrschte der Sears Tower (442 Meter) in Chicago 20 Jahre lang an der Spitze der Super-Türme, überholt wurde er erst 1996 durch die 452 Meter hohen Petronas Towers in Malaysia. Am 15. April diesen Jahres ernannte der Council of Tall Buildings die Türme zum höchsten Gebäude der Welt - und übergab damit auch offiziell den Staffelstab an einen neuen Kontinent. Nicht mehr in Europa und Nordamerika, sondern in Asien werden die ehrgeizigsten Türme gebaut.
Besonders das wirtschaftliche Boomland China scheint dem Sog nach Höhe zu erliegen. In Peking entsteht derzeit mit den "CCTV Headquarters" ein Gebäude, dessen Konstruktion radikaler kaum sein könnte. Zwei Türme, die im oberen Drittel um 90 Grad abknicken, bilden eine Art eckige Möbiusschleife. Das "Burj Dubai" in den Vereinigten Arabischen Emiraten soll indes das höchste Gebäude werden, das Menschen jemals errichtet haben. Seine Höhe steht noch nicht fest. Trotz all dieser Anstrengungen, dürfte die nächste Ikone der Wolkenkratzerkultur wieder in Amerika stehen: Die Symbolkraft und die Ausstrahlung des "Freedom Towers", der auf dem Terrain des World Trade Centers entsteht, wird so schnell nicht zu übertreffen sein.
Von Babel bis Beijing - Wolkenkratzer, die die Welt bewegten
| Turm zu Babel: südlich des heutigen Bagdad, 562 v. Chr. 91 Meter |
| Al-Malwiya Minarett: Sammarra, Irak, 852 n. Chr., 52 Meter |
| La Torre di Pisa: Pisa, Italien, 1174-1370, 55 Meter |
| Campanile di San Marco: Venedig, Italien, 1392, 98 Meter |
| Münster Unserer Lieben Frau: Ulm, 1890, 161 Meter |
| Woolworth Building, New York, 1913, 241 Meter |
| Chrysler Building: New York, 1930, 319 Meter |
| Empire State Building: New York, 1931, 381 Meter |
| John Hancock Center: Chicago, 1970, 343 Meter |
| World Trade Center: New York, 1972/73, 415 Meter |
| Sears Tower: Chicago, 1974, 442 Meter |
| Bank of China Tower, Hong Kong, 1990, 367 Meter |
| Petronas Towers: Kuala Lumpur, Malaysia, 1996, 452 Meter |
| 30 St. Mary Axe ("Erotic Gherkin"): London, 2003, 180 Meter |
| Taipei 101, Taiwan: Fertigstellung 12/2004, 508 Meter |
| Turning Torso: Malmö, Schweden, 2005, 190 Meter |
| CCTV Headquarters: Peking, China, 2008, 234 Meter |
| Millenium Tower: Tokio, Japan, 2009, 840 Meter |
| Burj Dubai: Dubai, Vereinigte Arabische Emirate, 2009, Höhe nicht festgelegt |
| Freedom Tower: New York, 2009, 541 Meter |
Der Traum vom Turm, NRW-Forum für Kultur und Wissenschaft, Düsseldorf; 5. November 2004 bis 20. Februar 2005