Wowereits Buchpräsentation "Wofür stehen Sie eigentlich?"
Wer im Alter von 53 Jahren seine Memoiren schreibt oder schreiben lässt, der muss schon einiges hinter sich haben. Aber wahrscheinlich hat er auch noch einiges vor. Das wäre dann wohl wieder ziemlich "gut so".
Dabei ist der Mann kein Visionär und schon gar kein Philosoph, kein Theoretiker und nicht mal einer jener vermeintlich strategischen Parteidenker, die geistig bis tief ins 21. Jahrhundert vorstoßen und die Ergebnisse dieses langwierigen Denkprozesses auf vielen Seiten Papier ausbreiten. Nein, er ist der "Wowi", seit Juni 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin. Er duzt Arnold Schwarzenegger, ist mit Thomas Gottschalk befreundet und einer der bekanntesten Politiker Deutschlands.
Klaus Wowereits wahres Credo findet sich ganz am Ende seiner Autobiographie "... und das ist auch gut so. Mein Leben für die Politik", die gestern Abend in der Berliner Bertelsmann-Residenz Unter den Linden vorgestellt wurde. Es lautet: "Man kann sein Schicksal nicht erzwingen... Oftmals geschehen Dinge aus heiterem Himmel, unvorhergesehen, ganz plötzlich. Und manchmal nicht. Es bleibt spannend. Und das ist auch gut so."
Unverkennbar ist die Anspielung auf das Beckenbauersche "Schaun' mer mal", die Kombination der metaphysischen Gelassenheit eines Seneca oder Marc Aurel mit einem ungestümen Ribéry-artigen Vorwärtsdrang. Zufall, Glück und Willenskraft. Hauptsache, der Kairos stimmt. "Ebend", würde Wowi sagen. Catch the moment.
Und dem kann man ja durchaus ein bisschen nachhelfen.
So hat Klaus Wowereit "ebend" nicht Kurt Beck gebeten, sein gemeinsam mit Hajo Schumacher verfasstes Werk zu präsentieren, nicht Heiner Geißler oder Andrea Nahles, nicht einmal Anne Will, sondern Günther Jauch.
Das Blitzlichtgewitter zu Beginn sprach für sich, und am Ende klatschten alle. Nicht weil sie neue tiefe Einsichten gewonnen hätten, sondern weil es kurzweilig war, unterhaltsam, manchmal sogar witzig.
Unter den Augen der Wowi-Freunde Wolfgang Völz, Desirée Nick, Gayle Tufts und Thomas Hermans berichtete Klaus Wowereit von seiner gerade absolvierten Autogrammstunde im Kulturkaufhaus "Dussmann", wo Menschen aller Herren Länder Schlange standen, um sich ihr Exemplar signieren zu lassen "sogar aus Australien und vom Bodensee". Es wird doch nicht Martin Walser mit seinem fliehenden Pferd gewesen sein?
Zurücktreten!?
Geschickt wie stets, zuweilen lautlos sich von hinten anschleichend stellte Günther Jauch mal persönliche, mal politische Fragen. Dabei ließ er die bereits in "Bild" und "Stern" ausgebreiteten Boulevard-Geschichten über frühes Knutschen, Frauenbeziehungen und lange Partynächte beiseite, ohne aber die soziale Aufstiegsgeschichte aus dem familiären Wowi-"Prekariat" in Berlin-Lichtenrade ins Rote Rathaus zu vernachlässigen.
"Wenn es Dir schlecht geht, ist nicht unbedingt jemand anderes schuld", hatte die Mutter von fünf Kindern dem kleinen Klaus mit auf den Weg gegeben. Ob man diese Wahrheit denn auch den SPD-Wählern zumuten könne, wollte Jauch wissen, der auf den ersten Blick immer noch wie ein Konfirmand aussieht, der sich auf die große "Wer-wird-Millionär?"-Bühne verirrt hat.
Da wich Wowereit ein wenig aus, denn Wähler sind kostbar. Und Wähler suchen nur zu gern einen Schuldigen für die eigene Misere und das Elend in der Welt. Jauch ließ nicht locker und fand ein anderes Zitat, diesmal aus dem Buch, das politisch nicht ganz korrekt klingt. Sinngemäß: Armut sei hierzulande durchaus relativ. So fänden sich auch in "Hartz-IV"-Haushalten elektronische Geräte neuesten Standards, es würde kräftig geraucht, getrunken und Teleshopping betrieben. Ob es in diesen Fällen helfen würde, den staatlichen Mindestsatz finanziell anzuheben, um wenigstens das regelmäßige Schulfrühstück für die Kinder zu sichern das sei doch sehr die Frage.
"Würden Sie das auch auf einem SPD-Parteitag sagen?", wollte Jauch wissen. Offenbar nicht unbedingt. Man müsse "den Familien helfen", sagt Wowereit. Das klingt sozialer und macht weniger Ärger in der Partei, die sowieso schon unschön zwischen CDU und PDS eingeklemmt ist. Er sagt "PDS", nicht "Die Linke". Aber es sind ja auch "meine PDSler" in Berlin, die er sich schon ganz gut zurecht erzogen hat. Ob er sie politisch geschwächt habe in den Jahren der rot-roten Senatskoalition? "Das darf ich so nicht sagen."
Aber die linken Stimmen will er schon zur SPD zurückholen. Nun mal im Ernst, hakt Jauch nach und guckt ziemlich spitz dabei: "Wofür stehen Sie denn eigentlich? Wofür würden Sie zurücktreten?"
Da schaut Wowereit ein wenig spitz. Zurücktreten!?
Auf die Schnelle fällt ihm da nur das Schlagwort "soziale Gerechtigkeit" ein. Ein persönlicher Grundwert, wie er behauptet. Im Übrigen komme es auf die "konkreten Umstände" an.
So unterhaltsam und schlagfertig der einstige "Volksbildungsstadtrat" von Berlin-Tempelhof über die Kunst des Kungelns, Pragmatismus und die Grenzen der Politik spricht, so einsilbig wird er, wenn es um historische Urteile geht, um die großen Linien. Zu Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Helmut Schmidt fällt ihm fast nur das ein, was er damals, als er noch sehr jung und sehr links war, über sie gedacht hat nichts Gutes jedenfalls.
Dies sind auch die Momente, in denen man geneigt ist, an der politischen und intellektuellen Substanz Wowereits zu zweifeln.
Andererseits belegen gerade die wüsten Attacken gegen ihn, zum Beispiel die groß aufgemachte, kaum verhüllte Hasstirade des Deutschland-Korrespondenten der konservativen Londoner "Times", Roger Boyes, im heutigen "SZ-Magazin", dass es da doch etwas geben muss. Wo so viel Rauch ist, muss auch Feuer sein.
"Partykönig Wowi" ist offenbar doch mehr als ein bloßer "homo ludens", der "regierende Zocker der deutschen Hauptstadt", der Champagner aus roten Pumps trinkt, mit seinem schwulen Outing nationale Berühmtheit erlangte und nun, auf dem Weg zur Kanzlerkandidatur der SPD, seine "Wahlkampfbiographie" vorlegt, die auf die "nationale Tränendrüse" (Boyes) drückt.
Vergleiche stimmen nie. Aber gab es da nicht mal einen gewissen Gerhard Schröder, der auch als Bruder Leichtfuß galt, nicht gerade ein Bücherwurm war, sein Privatleben ausbreitete und noch als Bundeskanzler beim Signieren in der heißen Sonne ausrief: "Bringt mir mal ne Flasche Bier, sonst streik ich hier!"?
Wie gesagt: Es bleibt spannend. Und das ist auch gut so.