Wunder im Dschungel: Die Metamorphose des Daniel K. - DER SPIEGEL
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Wunder im Dschungel Die Metamorphose des Daniel K.

Anfang 2004 stellt sich der Privatsender RTL endlich seiner Verantwortung. Im Rahmen eines Sozialplans exportieren die Kölner eine Gruppe abgehalfterter Ex-Promis und weitgehend unbekannter Star-Aspiranten zur "Reha" in den Busch. Mit dabei: Daniel K., Superstar auf absteigendem Ast. Und siehe da – er verwandelt sich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Daniel K. eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich wenig später in einem Aquarium liegend von ungeheuerem Ungeziefer bekrabbelt. 30.000 Küchenschaben regneten auf den lustig Quietschenden herab, der dem Publikum seine Angst und seinen Ekel zwischen verzweifelten Augenaufschlägen, ganz vielen Kuschlern mit seinen Mitspielern, kleinen Wein-Anfällen und hysterischen Kicksern im kümmerlichen Stimmchen so gekonnt glaubhaft gemacht hatte.

Jetzt lag er in der gläsernen Schau-Auslage der dritten "Dschungelprüfung" und wedelte so elegant mit den kokett an den Körper gezogenen Beinchen, als sei er eine Filmdiva der Fünfziger, die - ihrer Lauffähigkeit zeitweilig beraubt - vom Helden getragen aus dem Gefahrenbereich gerettet werden muss. Und was sagt meine Frau zu dieser Farce?

"Wow! Das hätte ich dem nicht zugetraut."

Wie bitte? Ein denkender, erwachsener Mensch, mir zudem persönlich bestens bekannt, findet etwas Positives zu sagen über Daniel K., die Verkörperung der deutschen Volksverbohlung? Über dieses zwecks Profitmaximierung kurzzeitig zum "Superstar" aufgeblasene Früchtchen, das inzwischen dermaßen out ist, dass er sich als Pfadfinder-Darsteller in einem Reha-Projekt für abgehalfterte Semi-Promis in Erinnerung bringen muss? Seine Karriere auf dem zweiten Anbiederungsweg sucht?

Sieht ganz so aus. Das muss man erst einmal sacken lassen, da muss man sachlich drüber nachdenken. Wie hat es soweit kommen können? Was war geschehen?

Der Dschungel, ein Strohhalm

Nach eineinhalb Jahren in der Verwertungskette schien Küblböck "auf dem absteigenden Ast" (Caroline Beil). Teil des zynischen Theaters um seine Person war von vornherein die feste Erwartung, dass Küblböck scheitern würde: In einem Jahr, so die landläufige Meinung, kennt den keiner mehr.

Die Rettung für Daniel K. nahte in Form eines als Quotenmaschine angelegten, wie üblich aus dem angelsächsischen Fernsehen geklauten TV-Formats mit dem einprägsamen Namen "Ich bin ein Star! Holt mich hier raus!" Alle aktuellen Trends brechend und ignorierend verzichtete RTL erstens darauf, die Sendung mit "IBESHMHR" abzukürzen und reanimierte mit ihr zweitens das ausgelutschte Big-Brother-Konzept. Immerhin casteten die Verantwortlichen als Zugeständnis an den Trend mit Costa Cordalis eine Figur ins "Team", die sich als Sänger profilieren will, die aber niemand hören will. Und Daniel?

Eins nach dem anderen. Um die Metamorphose des Daniel K. begreifen zu können, muss man sich erst einmal sein augenblickliches Umfeld ansehen.

Das besteht aus einer wild zusammengewürfelten Truppe von Weiblein und Männchen, die eigentlich nur eines eint: Es kennt sie kaum einer; entweder, weil sie noch um den Durchbruch ringen, oder aber, weil Australien für sie eine Art mediales Gnadenbrot nach dem Ende der Karriere darstellt.

Bei manchen, wie Susan Stahnke, ist man sich nicht sicher, in welche Kategorie sie gehören. Was man aber schnell heraus hat, ist die so offensichtlich und platt vorarrangierte Rollenverteilung in der seltsamen Pfadfindergruppe.

Das "Camp": ein Kaspertheater

Deren Aufgabe besteht darin, den größten Teil des Tages herumzuhängen und sich bei schlechtem Essen gegenseitig auf den Keks zu gehen. Ab und an streut RTL ein kleines Spielchen wie zum Beispiel "Schnitzeljagd" ein - wozu tragen die Leuts sonst Pfadfinderuniformen?

Die Damen scheinen dazu verpflichtet zu sein, ab und zu in sehr knappen Bikinis baden zu gehen. Der sich als völlig charakterfrei outende Ex-Hochspringer Carlo Thränhardt mimt mit der angeblich irgendwo irgendwas moderierenden Caroline Beil (passender Name) den hinterfotzig-linken Ober-Ablästerer. Die eventuell Neidgetriebene meckert dann schon mal gern über das unerträglich niedrige Gesprächsniveau, das die anderen Idioten der Gruppe pflegen, bevor sie mit Carlo das wichtige Thema vertieft, ob Mariellas beeindruckende Brüste nun operiert sind oder nicht.

Derweil brilliert Werner Böhm als eigentümliche Hamlet-Kasper-Gestalt, und während sich die restlichen Statisten bemühen, als Personen wahrgenommen zu werden, hat die anpackende Lisa Fitz als Campmutter das Heft fest in der Hand. Spätestens an diesem Punkt kippt alles ab in eine dumm-deutsche Realsatire. Der gestrige Höhepunkt: Die sachlich geführte Grundsatzdiskussion über die Pflege der Toilettenbrille. Auch nach dem Aufstehen, erinnerte Frau Fitz, könne man sich doch kurz einmal umdrehen und nachsehen, ob es da nicht noch ein wenig getröpfelt habe. Das mache man dann eben weg. Das sei doch wohl nicht zu viel verlangt. Unter dem Strich ist das alles unglaublich langweilig und belanglos, gekünstelt inszeniert und unglaubwürdig. Die treffendste Analyse liefert am vierten Tag eine der Frauen: Irgendwie sei nur der Daniel er selbst. Und "wenn einer so ist, wie er ist, finde ich das immer gut".

Ja. Nach vier Tagen IBESHMHR ertappe ich bekennender Kübelböck-Verächter mich, wie ich nicke.

Daniel K. ist der einzige in diesem Medien-Pack, der einigermaßen echt ist. Was geschieht hier? Mit mir, mit uns, mit ihm?

Es tut sich was: Da keimt Sympathie, wo vorher Abneigung war. Mitleid statt Schadenfreude. Wird aus Wurm Daniel K. wirklich ein Held? Weiter...

Von der ersten Sendeminute an war Küblböck der Prügelknabe. Dazu muss man noch etwas zum Sendekonzept wissen: Die Zuschauer dürfen per Telefon-Abstimmung nicht nur für Profit sorgen, sondern auch entscheiden, wer als nächstes im Rahmen einer "Dschungelprobe" genannten pubertären Mutprobe gequält wird. Dreimal in Serie hieß die Antwort natürlich "Daniel".

Zuerst war das lustig. Würde sich dieser weinerliche Luschi überwinden können? Als wie mediengeil würde er sich entpuppen? Was würde so ein Kübelbock noch alles tun, um doch noch Karriere zu machen? Ein klarer Appell an die sadistische Seite der Volksseele.

Die sollte eine Überraschung erleben

In seiner ersten Probe hangelte sich Küblböck bestens gesichert über eine wacklige Hängebrücke. Die Zuschauer quittierten es mit einer weiteren Verurteilung. Küblböck zeigte Nerven: Er habe keinen Bock, den Prügelknaben, den Affen zu machen. Einmal mache er noch mit, aber wenn das noch mal vorkomme, steige er aus.

Au weia, da ging den RTL-Mächtigen aber der Arsch auf Grundeis. Denn für den weiteren Verlauf der Sendung gibt es nur zwei Worst-Case-Szenarien:

    1. Küblböck könnte wirklich aussteigen. Der Rest der Serie hätte dann den Sex-Appeal eines "Wort zum Sonntag" - und wohl ähnliche Einschaltquoten.
    2. Überhaupt keiner der Semi-Promis ist bereit, auszusteigen. Selbst zunehmend sadistische "Dschungelproben" jenseits aller Ekelgrenzen können die verzweifelten Ex-Promis nicht abschrecken. IBESHMHR mutiert zur nächsten Lindenstraße, der Dschungel assimiliert die Darsteller. RTL stellt die Sendung nach acht Jahren ein, muss die neunköpfige Gruppe gealterter, ehemaliger Promis aber aufgrund von Verträgen weiter versorgen. Costa Cordalis eröffnet ein Ashram, wo einst das "Dschungeltelefon" stand, und Susan Stahnke lässt sich vom "Playboy" nackt bei der wöchentlichen rituellen Geißelung fotografieren, an die die RTL-Zuschauer sie acht Jahre lang gewöhnt haben.

Alpträume für Medien-Manager, doch noch ist es nicht so weit. Denn plötzlich geschieht es: Die Metamorphose des Daniel K..

Als Daniel K.'s Körperchen unter 30.000 Kakerlaken verschwindet, spürt selbst noch der härteste Couch-Kerkermeister den Keim des Respekts.

Respekt!
Respekt für Küblböck!
Respekt für Küblböck?

Ja, fast. Noch einmal entscheidet das gnadenlose Publikum, den Daniel auch in die nächste Dschungelprüfung zu schicken. Deutschland fühlt dem Superstar auf den Zahn: Bist du echt? Haben wir uns geirrt?

Panik hinter den Kulissen. Vor laufender Kamera appellieren Moderatoren wie Kandidaten immer wieder, den Daniel in Ruhe zu lassen. Küblböck lässt sich zu einer weiteren Mutprobe rühren.

Wieder liegt es allein an ihm, ob er und seine Mit-Kandidaten Abendessen bekommen oder nicht. Was für ein Anreiz, was für ein Druck, man muss sich das mal vorstellen: Wer bei der Dschungelprüfung versagt, muss ohne Essen ins Bett, und alle anderen auch. Wahnsinn.

Dem ist auch der Daniel nah, als die erste Wasserspinne im "Terror-Aquarium" auf seinen Kopf fällt.

Das Nein: Geburt eines Stars

Und dann geschieht etwas Unglaubliches: Der Küblböck, der für seine Karriere angeblich doch alles tun soll, verweigert sich. Er zieht den Kopf aus dem Aquarium, noch bevor ihn die ersten Aale von den Spinnen befreien können. Er sagt Nein, "ich will nur weg!". Er versagt, versagt sich, rennt zurück ins Camp. Er macht den Couch-Kerkermeistern nicht den Kasper, lässt sich nicht vorführen, noch lächerlicher machen, zieht die Notbremse.

Am Ende der Sendung wählen die Zuschauer das Lästermaul Caroline, sie muss sich als nächstes zum Affen machen.

Endlich konzentriert sich die Kamera einmal nicht nonstop auf Daniel K., beobachtet stattdessen die teils betretenen Gesichter der anderen. Küblböck holt sich derweil erleichtert ein Drückerchen bei Mama Fitz, und irgendwie lacht man jetzt anders darüber: Mit ihm, nicht über ihn.

Zum ersten Mal ist Küblböck wirklich ein Star.

P.S.: Aus einem Beitrag im Forum von SPIEGEL ONLINE:

    Im Grunde sind doch alle glücklich: Die "Promis", weil sie für die Sado-Maso-Tour mit Schlagzeilen-Orgasmen belohnt werden. Das Publikum, weil es sich für zugefügtes Leid revanchieren kann. Und die Eltern von "Superstar"-Aspiranten, die nun ein unschlagbares Argument haben: "Wenn Du Dich von Bohlen casten läßt, dann landest Du eines Tages im Dschungel und wirst von fiesen Käfern gefressen."
    Zitat: Christian Simons