ZDF-Kommentator Kahn TV-Titan mit Fönfrisur
Aus und vorbei ist's mit der Blutgrätsche und dem Anschiss im Fünfmeterraum. Perdu die schönen Zeiten, als man noch mit gestrecktem Bein in den Gegner fliegen konnte, kein Gewühl mehr im Strafraum, kein verbales Ausrasten jetzt heißt es gute Figur machen neben Johannes B. Kerner, dem quirligsten Schnellsprecher des ZDF.
Also legte Torwartlegende Oliver Kahn an diesem Mittwochabend bei seiner Premiere als Nachfolger von Jürgen "Kloppo" Klopp auch sprachlich die schmutzige Kampfuniform ab und schlüpfte in den feinen Zwirn des Fußballexperten, der mühelos aalglatte Sätze sagen kann wie: "Dann musst Du eben das Glück erzwingen."
Und so kam es dann ja auch gegen die erwartet starken Finnen, die mit nordischer Unbekümmertheit gegen das deutsche Abwehrkettchen anrannten. Weibliche Zuschauer zu Hause im Fernsehsessel erkannten beim Kahn sofort die Fönfrisur, die sich von der Seite allerdings nicht ganz so vorteilhaft ausnahm wie bei der Frontalperspektive. Wie auch immer: Auch das blauviolette (oder doch violettblaue) Hemd unterm dunklen Sakko mag dazu beigetragen haben, dass der Torwart-"Titan" plötzlich so geschmeidig wirkte, als hätte er den Sommer für ein TV-Coaching-Seminar genutzt.
Das Oli-Deutsch im weichgespülten Fernsehsprech kam derart als professionelles Parlando her, dass man sich schon recht bald fragen könnte, welche sonstigen Fernsehrollen ihm noch auf den Leib zu schneidern wären. Keine Ähhs und Ähmms, kein Versprecher, ganz frei und flüssig perlten die Worte. Wie nebenbei ließ er Sätze vom Stapel, die an große Kollegen erinnerten, etwa Franz Beckenbauer oder Waldemar Hartmann: "Die Finnen sind richtig unangenehm", bemerkte er in überaus weiser Voraussicht, und über Lukas Podolski urteilte der TV-Kahn: "Er möchte spielen, da ist Energie, die positiv ist."
Dass man von Poldi an diesem Abend anschließend kaum etwas sah, lag natürlich vor allem an den unangenehmen Finnen, die tatsächlich "schwer zu knacken" waren. Da muss eben "mehr Druck nach vorne" her. Am Besten, so Kahn, fragt man sich schon in der Umkleidekabine: "Wie kann ich meine Leistung bringen?" Denn "die Finnen stehen kompakt, da musst Du sehr kreativ sein, individuell auch mal Dribblings machen. Da musst Du laufen, da musst Du alles geben". Und wenn es vorne dann doch nicht gleich klappt: Einfach "abhaken, vergessen, das ist Stürmermentalität".
"Da musst Du das Glück auch mal erarbeiten"
Miroslav Klose hats dann aber doch den überraschend starken Finnen gezeigt und gleich drei Dinger in Folge rein gemacht. Klar, dass dann "alles von Dir abfällt, dann spielst Du wie befreit auf", das ist eben die Stürmermentalität. Da gibt's Phasen, in denen Du triffst, und Phasen, da triffst Du nicht." C'est la vie. So ist es halt, das Kickerleben. Und wenn der Gegner trifft, dann wars "letztlich immer eine Fehlerkette" Tore fallen immer durch ne Kette von Fehlern". Wie im richtigen Leben. Und in der SPD.
Wichtig ist auch auf dem Platz: "Kommunikation. Da gibts noch Gesprächsbedarf. Da musst Du das Glück auch mal erarbeiten", sagt Kahn. Diskurshegemonie nannte man das früher, zu Günter Netzers Zeiten, damals in den siebziger Jahren, als noch richtig diskutiert wurde.
Und wie siehts hinten aus, in der blutjungen, unerfahrenen Innenverteidigung? Kahn: "Da musst Du enger an den Mann (hier: den Finnen) ran, noch aggressiver sein und weiter Gas geben".
Dass der Deutsche an sich nicht so schnell aufgibt, zeigte sich auch gestern in Helsinki. Da wird solange angerannt und im Fünfmeterraum herumgestochert, bis sich der Erfolg einstellt. "Da musst Du das Glück einfach auch mal erzwingen. Letztlich wirst Du dann belohnt. Psychologisch ist das gut fürs Selbstbewusstsein." Das kann man nicht oft genug sagen, gerade den jungen Menschen, die nach uns kommen und plötzlich vor uns stehen. "Da stehst Du natürlich auch als Trainer gewaltig unter Druck." Dieser wie gemeißelte Kahn-Satz galt allerdings dem Franzosen Raymond Domenech, der immer noch die "Equipe Tricolore" kommandiert. Nicht mehr lange wahrscheinlich, bei dem Druck.
Apropos Druck: Oliver Kahn merkte man gestern Abend keinerlei Druck an. Kein Lampenfieber, keine Nervosität, nichts. Stattdessen eine fast schon buddhistisch anmutende Gelassenheit. Nur einen Wunsch hätten wir noch fürs nächste Mal: Bitte einen anderen Satzbaukasten plündern.
Oli, da musst Du einfach kreativ sein. Individuell halt und auch mal Dribblings wagen. Ganz gegen die sonstige Moderatorenmentalität.