Zehn Jahre "Polylux": Lifestyle mit Stil - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Zehn Jahre "Polylux" Lifestyle mit Stil

Heute feiert das Fernsehen Doppelgeburtstag. Sowohl "Polylux" im Ersten als auch "Tracks" auf Arte liefern seit zehn Jahren den Beleg, dass Lifestyle mehr ist als schnelle Trends. Fehlt nur noch ein Publikum, das dabei zusieht.
Von Jan Freitag
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Lifestyle" ist ein furchtbarer Begriff. Das Schlüsselwort schlechthin für die rastlose Trendhatz juveniler Thirtysomethings. Ihr Hedonismus gediegener Sorglosigkeit füllt die Zeitschriftenregale, Sender und Kanäle mit immer neuen Anleitungen zum massentauglichen Alleinstellungsmerkmal und lässt dabei den Schwanz kräftig mit seinem Hund wackeln. Konsum statt Kultur, würde Pierre Bourdieu sagen. Kein schöner Habitus also. Für Tita von Hardenberg allerdings, ist Lifestyle ein "wichtiger Indikator für gesellschaftliche Veränderungen". Ob zum Beispiel die kürzliche Rückkehr des Pullunders in die Berliner Clubszene ein Randaspekt der Retrowelle gewesen sei oder der Advent eines neuen Konservatismus? "Wer weiß, aber wir beobachten das sehr genau."

Seit April 1997, um genau zu sein. Damals moderierte sie erstmals ihr Magazin "Polylux" im SFB, ging solchen Fragen drei Jahre später in der ARD nach, und weil die fünf, sechs Antworten pro Sendung nach wie vor einen beispiellosen Kosmos gesellschaftlichen Miteinanders abdecken, darf der Adelsspross aus dem bürgerlichen Hamburg auch etwas nüchterner mit dem Wörtchen Lifestyle hantieren. Denn wenn es irgendwo mit Charme, Chuzpe und Fantasie daherkommt, dann bei "Polylux". Der ARD ist das zum Geburtstag zwar nicht den kleinsten Umtrunk wert, aber wir Zuschauer, wir Nutznießer und Fans, Kritiker oder Konsumenten, wir dürfen ja wohl ein bisschen feiern.

Den bislang einzigen gehaltvollen Beitrag über Oliver Pocher in der hiesigen Programmkultur etwa. Und zwar, weil er den Hardcore-Comedian so einfühlsam wie subtil über dessen eigene Spießigkeit entlarvte. Auch die restlichen Themen um Medienbluffs, Extrempiercing, hessische Bollywoodfilme und obszöne Managergehälter hoben sich artverwandten Formaten anderer Sender angenehm ab. Eine spannende Auswahl, dezent kommentiert von den Polylux-Redakteuren Karla Schlender und Stefan Mathieu, an den Grenzlinien zwischen Popkultur und sozialpolitischem Diskurs. Vulgo: Lifestyle. Denn der ist nicht nur eitel Sonnenschein und am Ende vielschichtiger als gedacht.

Kronzeugen der eigenen Demontage

Trotzdem will von Hardenberg – Moderatorin, Produzentin und Chefin von "Polylux" – genau damit nichts zu tun haben. "Todlangweilig, vor allem oberflächlich", nennt sie die Reduktion auf angesagte Ferienziele, neue Wohntrends und heiße Accessoires. Doch mit Trendtipps allein gibt sich im Spektrum von "taff" (Pro7) über "Leute heute" im ZDF und "Eurosport-Buzz" bis zum testosteronsatten "Männer Magazin" auf N24 nicht einmal Birgit Schrowange beim RTL-Pendent "Extra" zufrieden. Noch jedes Magazin – sei es den Rubriken Boulevard, People, Zeitgeist oder Lifestyle verpflichtet – hat irgendwann aus dem Todestrakt eines US-Knastes, einem brasilianischen Fußballinternat, einem sächsischen Plattenbau berichtet. Das hat simple Gründe: Drama sells, Gefühle sowieso, und außerdem sind Themen, die unverbraucht sind, rar - das gilt auch fürs seichte Fach.

Wenn überhaupt, wuchern sie in der "Bild". Nicht nur das Medienjournal "Zapp" kritisiert, dass viele Redaktionen ihre bunten Themen ausschließlich aus dem Springer-Blatt generieren. "Wir machen Anti-Boulevard", beteuert dagegen Tita von Hardenberg, die eigens dafür ihre Firma Kobalt Productions gründete. Das ist natürlich leicht geschönt, denn selbstredend kam auch sie nicht um Knut herum – wenngleich als Satire des anarchistischen Außenreporters Carsten van Ryssen. Und die heutigen Jubiläumsthemen vom G8-Widerstand über den Schlagergott Frank Farian bis zur "Fightclub" betitelten Pro/Contra-Rubrik, ob Computerspiele dumm machen, laufen keineswegs fernab des Boulevards. Sie beuten ihn nur feiner aus, dimmen den Glamour herunter, nutzen seine Protagonisten als Kronzeugen ihrer eigenen Demontage.

Die Konkurrenz ruht auf dem Ehrenfriedhof ambitionierten TVs

So bleibt nach 426 Sendungen in zehn Jahren – zunächst beim SFB, seit sieben Jahren in der ARD – neben der oft aufdringlichen Hauptstadtlastigkeit vor allem ein Vorwurf an "Polylux" haften: die 2576 Beiträge mögen in Bild- und Tonsprache gehörig swingen – rocken tun sie zu selten. Doch dafür gibt es ja das andere Geburtstagskind des Tages: "Tracks", zweifellos die beste Musiksendung im deutschen Fernsehen. Dass Tita von Hardenberg auch da mitproduziert, kann kein Zufall sein.

Seit genau zehn Jahren schafft es die französisch-deutsche Koproduktion auf Arte wie kein anderes Format, den Background des Pop auszuloten, seine Antipoden aufzutreiben und mit einer Plattform zu versehen, ohne dabei die großen Bühnen zu ignorieren. Wie "Polylux" ist "Tracks" somit echtes Randgruppen-TV. Doch so absurd es klingt: hervorragende Arbeit abzuliefern, ist auf dem Musiksektor viel leichter als im tonlosen Lifestyle: mangels Konkurrenz. John Peel ist tot, der Musikladen Geschichte, MTViva ein Medienluder mit Restbeständen chartstauglichen Mainstreammülls, Charlotte Roche, nach ihrem Rauswurf bei Viva kurzeitig "Tracks"-Moderatorin, macht Lesungen über Unfälle beim Masturbieren mit Staubsaugern. Ihr Format "Fast Forward" teilt sich mit Viva2 ein Grab auf dem Freidhof ambitionierter Popkulturprojekte.

So bleibt echten Musikfans nur eine Stunde in der Nacht auf Freitag. Die Redaktionen in Hamburg, Berlin, München und Paris wühlen zwar Woche für Woche in den klingenden Ecken unserer Spaßgesellschaft und haben spätere Abräumer wie Franz Ferdinand, Scissor Sisters, Albert Hammond Jr. oder Eminem schon promotet, als sie noch niemand kannte. Sie berichten über die japanische Rockoperszene ebenso wie über Bush-Gegner, Sexismus im HipHop oder Robbie Williams und feiern heute mit dem wohl besten Rückblick auf die Musik der letzten 50 Jahre Geburtstag. Allein, es schaut wie immer kaum jemand zu.

So schaffen also beide Jubilare fast zeitgleich das Unfassliche, für all jene Fernsehen zu machen nämlich, die es sonst verleugnen: kosmopolitische Bildungsbürger mittleren Alters. Skateboarder, Hyperaktive, Intellektuelle. Nerds, Nachrichtenjunkies, Nachtschwärmer. Dennoch bleiben die Quoten erbärmlich, weshalb "Polylux" 2004 kurzzeitig vor dem Aus stand und Arte fünfstellige Zuschauerzahlen erdulden muss. Es scheint der Fluch des Fernsehens, dass sich Lifestyle mit Niveau nicht rechnet. Den nennt man übrigens Stil.


Jubiläumssendungen: "Polylux": Donnerstag, 19. April, ARD, 23.15 Uhr
"Tracks Freaky Birthday", Arte, 22.20 Uhr, "Tracks Hit", Arte, 23.20 Uhr, "Tracks Night", 00.25 Uhr

Mehr lesen über