Zeitgeist: Die Prada-Meinhof-Bande - DER SPIEGEL
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Zeitgeist Die Prada-Meinhof-Bande

In Filmen, Theaterstücken und Szene-Boutiquen feiert der RAF-Terrorismus der Siebziger eine Wiederkehr als Pop-Phänomen. Der bewaffnete Kampf wird zum Kult, RAF-Chef Andreas Baader zum coolen Fashion-Helden: Die Kinder der neuen Mitte proben den radikalen Chic.
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Das Böse ist immer und überall ­ diesen nüchternen Befund erhob der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann auf den "Mainzer Tagen der Fernsehkritik" des ZDF, die sich vergangene Woche mit der "Macht der Bilder" nach den Terrorattacken des 11. September beschäftigten. Die "Achse des Bösen" (George W. Bush) ­ eine glatte Untertreibung also. Schlimmer noch: Das Böse, so der Denker aus Wien, sei weithin faszinierend, weil es jene tief verwurzelte Kierkegaardsche "Angstlust" auslöse ­ die Angst vor dem Abgrund und zugleich die geheime Lust, sich in ihn zu stürzen.

Dass das Böse, wenn es nur weit genug weg ist, aber auch total lustig und süß sein kann, hip, cool, echt geil und voll fett ­ das zeigt sich in der einstigen deutschen Hauptstadt des Bösen: in Berlin. Rund um den Hackeschen Markt blüht derzeit das Andenken an die "Rote Armee Fraktion" (RAF), die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Bomben und Parolen, Schnellfeuerwaffen und kaum verständlichen Manifesten den Staat herausgefordert hatte.

In gut sortierten Berliner Boutiquen findet der autonome Schnäppchenjäger zum Beispiel eine ansprechende Militärjacke mit Patronentaschen schon für 65 Euro, die auch noch einen schönen Schriftzug aufweist: "Prada Meinhof". Das passende sexy T-Shirt ziert eine stilisierte Kalaschnikow, wogegen ein modischer Pullunder das ausdrucksstarke Motiv einer Handgranate trägt.

Passionierte Couch-Potatoes gönnen sich das abwaschbare Sofakissen mit der Aufschrift "Terror", und auch die Apokalypse-Fraktion kommt auf ihre Kosten: "The End" steht auf einem Kaschmirpullover für läppische 510 Euro.

RAF goes Pop. Die Historisierung des bewaffneten revolutionären Kampfs mündet in seine postmoderne Ästhetisierung. Politik wird zum Zitat, Leidenschaft zur Coolness, Klassenkampf zum Kult: Mörder werden Mode. Der Mythos vom Kampf der "sechs gegen sechzig Millionen" lebt. "Fetischisierung" und "Verdinglichung" wären die soziologischen Begriffe gewesen, mit denen die Revolutionäre von einst diesen bizarren "gesellschaftlichen Prozess" bezeichnet hätten, der sie nun zu Comicfiguren macht.

Im letzten Sommer bereits titelte die "Financial Times" in einem Artikel über "Red Army Fashion" und "Terrorist Chic": "The Baader-Meinhof gang has become cult in Germany." Die neudeutsche Zeitgeist-Illustrierte "Max" hatte da noch ganz unschuldig und maliziös gefragt: "Ist Terror cool?"

Doch die Antwort lag genauso im pseudomilitanten Wind des Zeitgeists wie die Fotostrecke der Düsseldorfer Zeitschrift "Tussi Deluxe", die unter massivem Modeleinsatz die guten alten RAF-Symbole zum ultra-angesagten Modedesign umdeutete: Porsche-Macho und RAF-Gründer Andreas Baader posierte in scharfen Woolworth-Pantoffeln, und Jan-Carl Raspe lungerte dekorativ vor einem schicken Mercedes, in dessen Kofferraum der entführte und später ermordete Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer lag.

Womöglich stand hier die dänische Modezeitschrift "Damernes Verden" Pate, die schon 1997 eine fiktive Farbreportage ­ "Die Mutter der Revolution" ­ über Ulrike Meinhof gedruckt hatte. Ein Foto zeigte einen konspirativen RAF-Treff im Café, dazu der Bildtext: "Eine Manifestation wird geplant, die klar herausstellen soll, dass es zu wenig Frieden in der Welt gibt. Ulrike trägt einen gelben Overall aus Baumwolle und Polyamid von Diesel für 1199 Kronen. Andreas eine gestreifte schwarze Strickjacke mit Polokragen von Martinique ..." Zum Stammheimer "Schauprozess" von 1975 heißt es: "Ulrike ruft mit schwacher Stimme: Es lebe die Revolution! Sie trägt ein grün-orange kariertes Hemd von Transit." Am Ende: "Sie nahm sich das Leben. Ihr blankes Diesel-Hemd in 100 Prozent Polyamid ist lila-gelb kariert."

Vielleicht werden die empfindsamen Modeexperten in wenigen Jahren auch den Terrorangriff auf das World Trade Center individualästhetisch rekonstruieren: Diesel "Osama" ­ das ultimative Hemd für Investmentbanker zwischen dem 70. und 90. Stockwerk.

Kein vergleichbar dümmlicher Zynismus, aber auch kein Zufall war es, dass einer der vier deutschen Wettbewerbsfilme zur Berlinale 2002, der im Frühsommer in die Kinos kommt, im aktuellen RAF-Retro-Trend lag: "Baader" von Christopher Roth, eine Bonnie-&-Clyde-Story zwischen Fiktion und Wirklichkeit, die in einer "unschlüssigen Halbdistanz, irgendwo zwischen Imitation und Fake, zwischen Tatsachentreue und Stilisierung" hin und her schwankt, wie Stefan Reinecke in der "taz" schrieb.

Und tatsächlich, eine Art "Bleierne Zeit", Titel eines programmatischen Films von Margarethe von Trotta über die Ensslin-Schwestern aus dem Jahr 1981, legt sich hier eher über die Zuschauer des braven zweistündigen Werks: Selbst RAF-Ikone, Turbo-Guerrilla und Frauenheld Andreas ­ "Das ist Fotzenlogik!" ­ wirkt hier wie eine Mischung aus depressivem Aldi-Filialleiter mit Schnauzer und Hitradio-FFH-Moderator für die Morgenschiene zwischen sechs und neun. Nach der Hausbesetzer-Klamotte "Was tun, wenn's brennt?" mit Til Schweiger, nach dem RAF-Roadmovie "Die innere Sicherheit" von Christian Petzold, nach Andres Veiels eindrucksvollem Doku-Drama "Black Box BRD", Gerd Conradts Dokumentarfilm über Holger Meins ("Starbuck"), Heinrich Breloers "Todesspiel" und Volker Schlöndorffs poetischer Stasi-RAF-Novelle "Die Stille nach dem Schuss" ist "Baader" ein weiterer Versuch, den eigenartigen Geist einer Epoche einzufangen, die zur jüngsten Zeitgeschichte gehört und doch so fern, fremd und surreal scheint wie die Schlacht um Verdun 1916.

Natürlich will auch das Theater dabei sein beim rasenden RAF-Revival-Festival: Ein Stück namens "Stammheim Proben" erlebte gerade seine umstrittene Berliner Uraufführung in den "Sophiensælen" ­ "Die Stille nach dem Stuss", urteilte ein Kritiker sarkastisch ­, nur wenige Tage bevor eine Szenenfolge unter dem Titel "Stunde Null ­ das neue Berlin" Ende dieser Woche in der Treptower "Arena" das Licht der Welt erblickt.

Darin vertont im grandiosen Finale "Versöhnung und Apotheose" Andreas Baader ein Jugendgedicht von Josef Stalin ­ natürlich mit Unterstützung eines Gospelchors der amerikanischen Streitkräfte.

Bei derart grenzenloser Witzischkeit verwundert es nicht, dass der vierte Akt unter dem subversiven, nachgerade Schlingensief-verdächtigen Motto steht: "Endlich ein Teil der Maschine. Ein Requiem von Andreas Baader".

Conferencier des volkstümlich-multimedialen Abends mit "absurder Komik" (Eigenwerbung) ist der Schauspieler Ben Becker, der schon als Franz Biberkopf in "Berlin Alexanderplatz" aufdringliche Coolness mit Hang zum proletarischen Lokalkolorit bewies.

Wie um die Ernsthaftigkeit dieser Renaissance tiefdeutschen Humors zu unterstreichen, hatte sich der Autor und Regisseur des urkomischen Mega-Projekts, Joachim Peter, Jahrgang 1966, beizeiten an FDP-Chef Guido Westerwelle gewandt, um ihn als "Berater und Sponsor für die Gründung einer reformierten RAF" zu gewinnen, die doch "im Ganzen eine junge, sympathische Truppe im Stil der Zeit" sei.

Die Nähe zur FDP belegten unter anderem die erfreuliche "Anpassungsfähigkeit an schnell wechselnde Wohn- und Arbeitsplätze, die Mobilität der Baader-Meinhof-Gruppe im Allgemeinen", die "schlanke Betriebsführung" und "verfrühte Globalisierung".

Die popästhetische Renaissance der RAF ist offenkundig ein Reflex auf die große gesellschaftliche Leere nach dem Bankrott der geschichtsoptimistischen Utopien und Visionen. Obwohl das "Ende der Geschichte", wie Francis Fukuyama dekretiert hatte, keinesfalls eingetreten ist, fehlt doch die einstige Überzeugung der "Stadtguerrilla", dass Geschichte zu "machen" sei, dass gesellschaftlicher Fortschritt und die Befreiung der Menschheit von allen Übeln in eins fallen ­ dass "die Geschichte" genau diesen Sinn habe.

Der postmodern skeptische Pragmatismus mit Markenbewusstsein und Mallorca-Urlaub hat solche Transzendenz längst verloren. Er ist auf sich selbst zurückgeworfen, auf die neue alte Mitte der Zivilgesellschaft, die ihre Probleme im normalen, alltäglichen, überwiegend unspektakulären Streit zu lösen hat.

Deshalb sucht die geschichtslose "Generation Golf", die mit "Wetten, dass ...?" und Loriots Gummi-Ente in der Badewanne aufgewachsen ist, heute ihre eigene Abenteuerlust, die wunderbare Freiheit zur ­ wenn's sein muss ­ bösen Tat auch schon mal im Wahn der alten RAF-Kader, revolutionäre Subjekte zu sein: Täter mit klarem Weltbild.

Eine Art emotionale "Starkstromleitung" führt, wie die Zürcher "Weltwoche" formulierte, von den wirklichen Ereignissen zu ihrer historistischen Kolportage, bei der es eben nicht um historisch-kritische Reflexion oder irgendeine politische Wahrheit geht, sondern um Erlebniswerte und Gefühlsintensität.

Das gilt inzwischen für den Holocaust und Hitler ebenso wie für 1968 und den Terrorismus, Stichwort "Deutscher Herbst": Geschichte wird zu "History". Prof. Dr. Guido Knopp serviert in Endlosserie.

Dem Patchwork der Emotionen entspricht der eklektische Zeichenwirrwarr: vom T-Shirt bis zur Bühnenshow. Selbst in Christopher Roths "Baader" folgen die Dialoge ­ soweit sie nicht aus Stefan Austs Standardwerk "Der Baader Meinhof Komplex" abgekupfert sind ­ meist dem reinen Dada-Prinzip, bei dem auch geübte Hermeneutiker ins Grübeln geraten. Es stimmt zwar, was Daniel Cohn-Bendit seinen von der unsäglichen Sprache irritierten Söhnen erklärte ("Aber so war der Umgangston damals"), doch ein Spielfilm darf die Charaktere eben nicht zu Sprechpuppen degradieren, die in nachgebauten historischen Kulissen isolierte Textfragmente ausstoßen ­ Zitate von Zitaten, die eher als Recycling-Material für Videoinstallationen brauchbar sind.

Ulrike Meinhofs berühmte Baader-Apotheose, die schon Anklänge an Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" aufwies ­ "So ist Andreas der Guerrilla, von dem Ché sagt, dass er die Gruppe ist" ­, kann ohne den komplizierten historischen Kontext von Generationenkampf, nachgeholtem Antifaschismus und totalitärer Apokalypsefixierung gar nicht verstanden werden.

Das aber ist das Kennzeichen der assoziativ-zeichenhaften RAF-Mythisierung: Selbst authentische Sätze klingen nach Plastik, politischer Horror nur noch hübsch verrückt und wahrhafter Führerkult nach Robin Hood ­ alles ist nur der Kick für'n Augenblick.

"Ich weiß gar nicht, ob die RAF eine politische Gruppe war", resümierte Astrid Proll, einst selbst RAF-Mitglied. "Sie war eher so etwas wie die Selbstanmaßung einer ganzen Generation."

Es ist exakt dieses kollektive Abenteuer der frechen Selbstanmaßung, die Andreas Baader bis hin zum Märtyrertod auslebte, das bis heute, in wellenförmigen Erregungskurven, die unheimliche Faszination der RAF ausmacht.

Das Böse ist, anders als der Philosoph glaubt, eben keineswegs bloß immer und überall. Manchmal ist es sogar ein kostbares Gut.

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