Zeitgenössische Kunst: Ich, ich und noch mal ich - DER SPIEGEL
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Zeitgenössische Kunst Ich, ich und noch mal ich

"Ich komme nicht von Duchamp. Ich komme aus dem Gulli. Das Lächeln von Elvis und der Arsch der Monroe lassen mich die Mona Lisa vergessen." Meisterinszenierer Jürgen Klauke wusste vor 20 Jahren noch ziemlich genau, was er wollte. Derlei künstlerische Gewissheiten sind heute selten. Eine Bestandsaufnahme zeitgenössischer Kunst liefert die Düsseldorfer Kunstsammlung.
Von Birgit Stallmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Rückblickfieber 2000 ist auch das Ego von weltumspannendem Interesse. So jedenfalls sieht es Armin Zweite, Direktor der Kunstsammlung NRW, der der Frage nach dem Ich gehaltvoll "größtes Gewicht" attestiert. Dafür eröffnet die leitmotivisch gestimmte Ausstellung "Ich ist etwas Anderes". Mit all den megalomanen Ansprüchen, die Rückschauen ins letzte Jahrhundert momentan so mit sich bringen. Über drei Wochen war geschuftet worden, um das Haus für das Abschlussprojekt der Reihe "Global Art Rheinland 2000" leer zu räumen - "die größte Ausstellung seit Bestehen der Kunstsammlung", schwärmt Kurator Reinhard Spieler. Nun rätseln 50 zeitgenössische Künstler von Rang und Namen auf drei Etagen über den "Verbleib des Individuums" in Zeiten von Gentechnik, Cyberspace und Gendertrouble - und können sich ungeniert selbst in Szene setzen. Denn es geht um die Frage, welche künstlerischen "Formen der Selbstdarstellung" seit Pop Art und Fluxus das traditionelle Selbstbildnis ersetzt haben.

Arnulf Rainer hat sich noch als "Lustmörder der Kunst" existenzielles Ichgefühl ermalt, Francis Bacon spürte sich am intensivsten im Lebensekel und im abgründigen Grauen, und Martin Kippenberger konnte sich über die Misere des Künstlers ärgern, sich "nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden" zu können.

Mit solch unerbittlichen Verschränkungen von Kunst und Selbst ist es vorbei. Schuld war eigentlich Andy Warhol. Er hatte jeden tiefschürfenden Versuch der Selbstergründung beiseite gefegt. Hinter der Oberfläche sei rein gar nichts, so sein gleichgültiges Popcredo.

Nach Body Art und Performance wird im Medienzeitalter inszeniert, fiktionalisiert und gegendert, was das Zeug hält. Erfundene Biographien, Doppelgänger, multiplizierte Identitäten, Maskierungen, Verkleidungen und Travestien haben Hochkonjunktur. Der Entwurf des Ich scheint wie Zappen zu funktionieren: Ich 1, Ich 2, Ich 3 bis unendlich. Und auch wenn's unheimlich daherkommt, es bleibt letztlich harmloses Spiel: "Es ist lustig, weil alles so künstlich ist", sagt Cindy Sherman, Meisterin des Horrorfotos. Und so treibt Annette Messager ihr lustiges Gouvernantenspiel mit Stofftieren, schlachtet sie, züchtigt sie, streichelt sie. Marc Quinn erweist seinem Ruf als bad boy der Young British Artists die Ehre mit einer Häutung, Vibeke Tandberg feiert ihr heiteres Mädchenleben als doppeltes Lottchen. Und Jürgen Klaukes Geschlechterwesen ohne Kopf erschlaffen in vollendet schöner Langeweile. Danica Dakic lässt ahnen, dass das Selbst sprachlich konstruiert wird, und ersetzt die Augen in dem schönen Gesicht durch einen zweiten Mund. Über all dem tanzt Stefan Hoderlein selbstvergessen im Raverhimmel.

Das mittlerweile zwanghaft durchkonjugierte Rimbaud-Zitat "Je est un autre" bedient mehrere Ansprüche. Es verweist drauf, dass die Vorstellung von "dem" Individuum allenfalls noch von gestrigen Ganzheits-Nostalgikern geträumt wird. Andererseits entbindet es in seiner Beliebigkeit von der Verpflichtung, klare Begriffe zu schaffen. So bleibt, neben einem sehenswerten Querschnitt moderner Kunst, ein weiteres Ringelpiez rund um die Identität: Mein Ich ist anders als deins, Bruce Naumans ist anders als das Maria Lassnigs, und alle treffen sich zum Chat im Internet.

"Ich ist etwas Anderes" in der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf, bis 18. Juni

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