Zeitungsprojekt "Kraut" Das Wort vor Ort
Zum Beispiel Hoyerswerda: "Karl und Paul saufen vorm Kaisers, die kenn ich aus dem Kinderhort. Wenn hier wenigstens mal ein Vertreter vorbei kommen würde oder die Leute von der GEZ. Wenn ich ein Pflegefall wäre, käme wenigstens täglich die Pflegerin. Aber so, nicht mehr jung, aber noch auf beiden Beinen, da bleibt einem nicht viel." Ole K. referiert seine Gedanken beim täglichen Blick aus dem Fenster. Arbeitslos, freudlos, chancenlos.
Immerhin kamen vor zweieinhalb Monaten ein paar junge Leute vorbei, die sich für Ole interessierten - und seine Gedanken sogar abdruckten und verkauften. In 300 Exemplaren, zu je 25 Cent das Stück. Das sind Auflage und Preis von "Kraut", einer Art mobiler Tageszeitung, die im Mai dieses Jahres für eine Woche ihren Redaktions-Container in der Innenstadt von Hoyerswerda abstellte. Die Stadt in der Lausitz, deren wirtschaftliche Lage nicht weniger trostlos ist als die der gesamten Region, war eine der ersten Stationen, die das Redaktionsteam von "Kraut" auf seiner Reise durch die Republik angesteuert hat - ein bislang einmaliges Projekt.
Journalismus auf die Schnelle
Fünf Monate lang, von Mai bis Anfang Oktober, tourt die international besetzte Gruppe von Schriftstellern, Künstlern, Grafikern und Designern durch ganz Deutschland, um an insgesamt 20 Orten zwischen Konstanz am Bodensee und Heiligendamm an der Ostsee für jeweils eine Woche ein mobiles Redaktionsbüro aufzustellen und vor Ort eine Mini-Lokalzeitung zu produzieren. Dabei wollen die Redakteure keinesfalls nur als Reporter ausschwärmen, um die Stimmungslage einer Stadt einzufangen. Im "Kraut" sollen auch, so steht es im Impressum, "Anwohner und Besucher die Chance bekommen, selbst zu agieren und so ihre Sorgen, Wünsche und Träume zu formulieren."
Was auf den ersten Blick ein wenig naiv und allzu idealistisch klingt, funktioniert in der Realität schon deshalb hervorragend, weil die Redaktion in einem giftgrünen Container mit neonpinkfarbenen Fensterläden sitzt, der jeweils auf einem zentralen Platz der Stadt gastiert. Angesichts dieses Blickfangs strömen die potenziellen Mitarbeiter ganz von allein herbei - schon um zu schauen, was denn diese eigenartigen Leute da in der Fußgängerzone eigentlich wollen. So wurde auch Ole K. aus Hoyerwerda unversehens zum Reporter seines eigenen Lebens.
Über Beiträge wie den von Ole freut sich besonders Christian Lagé. Der 27-Jährige studiert Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, und "Kraut" ist zugleich Teil seiner Diplomarbeit, für die er sich Fördergelder der Bundeskulturstiftung gesichert hat. Die Idee, über fünf Monate eine Art "Stimmungsbarometer Deutschlands" zu entwickeln, das später auch als Gesamtwerk veröffentlicht werden soll, funktioniert bislang hervorragend, findet Lagé: "Dafür, dass es Deutschland ist, sind die Leute erstaunlich offen. Gerade in Städten wie Hoyerswerda, wo ein großer Leidensdruck herrscht, werden wir geradezu überrannt."
Doch auch im gutbürgerlichen Konstanz oder in Deggendorf tief im bayerischen Wald herrschte kein Mangel an freiwilligen Mitarbeitern, erklärt der angehende Designer: "Es ist eigentlich überall so, dass eine ziemlich große Zahl von Menschen - und ich war wirklich überrascht, wie viele es sind - sich ernsthaft Gedanken zu ihrem unmittelbaren Umfeld machen. Und die kommen aus allen Schichten, aus fast jedem Alter."
Der Bürger als Thema als Autor
So fordern auf den schwarzweißen "Kraut"-Seiten Jugendliche aus Berlin billigere Gameboys, in Konstanz stellt sich ein Bürgermeister-Kandidat vor, der von der lokalen Presse ignoriert wird. In Hoyerswerda entsteht ein bizarrer Dialog um eine Grillbudenbesitzerin, die ihre Hähnchen nicht fotografieren lassen will, in Koblenz fahnden Redaktion und Bürger nach dem geklauten Bauern eines öffentlichen Schachspiels. "Das alles ist Deutschland", könnten die Prinzen als Soundtrack der Reise singen.
Es gibt nichts, was es nicht gibt, und wenn man Christian Lagé in die Verzweiflung treiben will, muss man ihn nur nach einem bündigen Gesamteindruck der bisherigen Reise fragen. "Das kann ich alles überhaupt noch nicht ordnen", sagt er nach einem Moment Bedenkpause mit tiefem Durchatmen. Nach drei Monaten ununterbrochen auf Achse hat sich der "Kraut"-Projektleiter gerade eine Woche Pause gegönnt. Es wurde einfach zu chaotisch im eigenen Kopf.
Beim Interview sitzt er allerdings schon wieder im giftgrünen Container, dieses Mal in Essen, und zerbricht sich den Kopf darüber, "wie wir die unglaublich vielen guten Texte und Interviews unterkriegen. Jetzt legen wir der nächsten Ausgabe eine CD-ROM bei, wo das alles drauf ist."
"Kraut" besticht allerdings nicht nur durch seine Wortbeiträge, sondern vor allem durch die Idee, viele Themen nur grafisch oder durch Fotos umzusetzen. Dabei erinnern die wild wechselnden Schrifttypen, das scheinbar roh zusammengeschnipselte Layout und die Kopierer-Qualität der Bilder an die Ästhetik früher Punk-Fanzines. Doch wer genauer hinsieht, kann verblüffende Perspektiven und bemerkenswert treffende Bildmontagen entdecken, die vor allem eines verraten: "Kraut" ist alles andere als ein liebenswertes Chaosprodukt einiger kreativer Spinner, sondern ein gut durchdachtes und oft brillant umgesetztes Produkt - inklusive aller Vor- und Nachteile, die der Verzicht auf die professionelle Distanz und Themengewichtung von Berufs-Journalisten mit sich bringt. Aber wer ist schon dichter dran an Ole K. aus Hoyerswerda als Ole K. aus Hoyerswerda?