Zeitungssterben Das letzte Gefecht der "Libération"
Am kommenden Montag macht "Libération" Schlagzeilen aber nicht auf dem eigenen Titel. Denn die Pflichtlektüre von linken Studenten und Gewerkschaftern, von Grünen oder Globalisierungsgegnern, wird voraussichtlich nicht am Kiosk aushängen: Die Redaktion der finanziell angeschlagenen Tageszeitung hat einen Streik angekündigt die Journalisten wehren sich gegen den Sanierungsplan von Haupteigner Édouard de Rothschild, der eine Entlassung von 76 der insgesamt 276 Angestellten vorsieht.
Redaktion der "Libération": 76 von 276 Angestellten bedroht
Foto: APDer Arbeitskampf zwischen den Machern und dem Besitzer des radikalen Traditionsblattes ist das neueste Kapitel in einer Entwicklung, die "Libération" selbst unlängst als "22 Monate einer chaotischen Kohabitation" beschrieben hat.
Die Vorgeschichte der Krise reicht noch weiter zurück. Denn "Libération" ist geplagt von Schulden, dem Verfall von Anzeigeneinnahmen, steigenden Papierpreisen und dem Wegbrechen seiner klassischen Käuferschichten. Obendrein leidet das Blatt wie andere französische Tageszeitungen auch unter der Konkurrenz der Gratis-Postillen und dem veränderten Lesegewohnheiten der jüngeren Generation die bedienen ihre Neugier nach News und Hintergrundinformationen zunehmend durch das Internet.
Die Folge: Frankreichs Medienlandschaft, nach dem Krieg geprägt von einer Vielfalt von 28 Tageszeitungen mit insgesamt sechs Millionen Exemplaren Auflage, ist um mehr als die Hälfte geschrumpft. Während sich die regionale Tagespresse gut behaupten konnte oft durch den Zukauf kleinerer Konkurrenten kämpfen die nationalen Titel mit ständig sinkenden Auflagen: Der Spitzenreiter "Ouest-France" in Rennes kommt täglich auf 760.000 Exemplare; im Vergleich weit abgeschlagen folgen "Le Figaro" (325.000) und "Le Monde" (320.000); die höchste Auflage der überregionalen Tagespresse erreicht ausgerechnet das Sportblatt "LÉquipe" - mit knapp 360.000 verkauften Exemplaren.
Mit den roten Zahlen kämpfen vor allem die Blätter mit scharfem politischen Profil: Auch "L'Humanité", das Organ der Kommunistischen Partei, liegt mit täglich 51.600 verkauften Exemplaren unter der Gewinnschwelle (etwa 65.000). Doch anders als bei "Libération", kann das Parteiblatt von den Mitglieder-Beiträgen finanziert werden.
Von der Untergrund-Postille zum Arbeiter-Sprachrohr
Ein Ende der im handlichen Tabloid-Format erscheinenden "Libération" wäre daher ein herber Verlust für Frankreichs Medienvielfalt, denn als letzte unabhängige "linke" Tageszeitung ist es eine publizistische Institution von intellektuellem Rang: Titel- und Themenwahl, Kommentierung, aber auch die unkonventionelle graphische Gestaltung, zusammen mit einer qualitativ exzellenten Bildauswahl, machen die von seinen Lesern nur kumpelhaft als "Libé" bezeichnete Zeitung zu einem der wichtigsten Meinungsführer und zwar seit Jahrzehnten.
Das Vorgängerblatt gleichen Namens wurde während des Zweiten Weltkrieges 1941 als Untergrund-Postille gegründet; zusammen mit "Combat" wird es bald zum einflussreichen Sprachrohr des französischen Widerstandes. Nach der Befreiung Frankreichs erschien die Zeitung täglich, geriet aber bald in den Strudel finanzieller Schwierigkeiten was die Existenz der Zeitung fortan ebenso charakterisierte wie die redaktionelle Unabhängigkeit. Geplagt von Schulden und politischen Streitigkeiten, sank die Auflage von 200.000 auf 60.000 und musste 1964 sein Erscheinen einstellen.
"Das Volk meldet sich zu Wort und behält es": Unter diesem Motto kehrte die "Libération" mit einer deutlich linken Ausrichtung im Mai 1973 an den Kiosk zurück: Nach dem Wunsch seiner Väter, darunter der Philosoph Jean-Paul Sartre, der auch als Herausgeber fungierte, sollte das Blatt für die Arbeiter und die Ausgegrenzten der französischen Gesellschaft sprechen frei von jeder Abhängigkeit und daher zunächst - auch ohne Anzeigen.
Pakt mit dem Finanzadel
Trotz der kämpferischen Haltung bleibt das Blatt nicht vor immer neuen finanziellen Problemen verschont, doch ein innovatives Layout und intellektuelle Vielfalt machen "Libé" Anfang der achtziger Jahre mit 180.000 Auflage zum publizistischen Erfolg: Allerdings nicht lange. Denn die ständige Ausweitung des redaktionellen Teils - zeitweise bis auf 80 Seiten- , kostspielige Beilagen und ein langsamer, aber stetiger Verfall der Auflage bringen "Libé" bald wieder in die Bredouille. Chefredakteur Serge July machte sich auf die Suche nach einem neuen Geldgeber.
Er fand ihn 2005 ausgerechnet in Édouard de Rothschild: Der Spross der Pariser Finanzaristokratie verpasste dem linken Blatt eine Finanzspritze von 20 Millionen Euro und übernahm mit 38 Prozent einen Hauptanteil des Kapitals; die Angestellten von "Libé" blieben mit gut 18 Prozent zweitstärkste Anteilseigner. Das Geld von Rothschild war für das Überleben wichtig, aber es beschädigte das Ansehen eines Blattes, das sich stets als Gegner des Kapitals und Interessenvertreter der Arbeiterklasse verstanden hatte.
Ein im Herbst 2005 installierter Spar- und Rettungsplan zur "Optimierung der Organisation" schuf keine Verbesserung des Finanzdebakels. Ende 2005 summierten sich die Schulden der Zeitung auf 15 Millionen Euro. Zudem streikte die Redaktion gegen die angekündigte Entlassung von 52 der insgesamt 285 Angestellten. Experimente mit einer Wochenend-Ausgabe, einer TV- und Internet-Beilage gerieten zu teuren Pleiten, die verkaufte Auflage rutschte auf 140.000. Im Juni 2006 schließlich gab Chefredakteur July, auf Druck von Rothschild und um die Existenz des Titels zu retten, seinen Rücktritt bekannt. Eine Reihe der wichtigsten Journalisten folgen dem Blattgründer. Es ist das Ende einer Ära.
Im freien Fall
Seither ist "Libé" im freiem Fall. Nach neuen Verlusten - rund fünf Millionen Euro für das erste Halbjahr 2005 -, schlug Haupteigner Rothschild Ende September eine Radikalkur für das Blatt vor: Sein "Projekt der letzten Gelegenheit" sieht einen neuen Sanierungsplan mit massiven Entlassungen vor bei Redaktion, Layout und Bildbeschaffung. Zum neuen Chefredakteur wurde am 22. November Laurent Joffrin berufen ein ausgewiesener Blattmacher, einst selbst bei "Libé", zuletzt beim linken Wochenmagazin "Nouvel Observateur" beschäftigt.
Die Journalisten von "Libé" befürchten jetzt dennoch, dass ihr Blatt mangels Qualität weiter an Profil und Lesern verliert. Auf ihre Initiative wird, erstmals in der Geschichte des Blattes, eine "Gesellschaft der Leser von Libération" gegründet, die sich finanziell an ihrer Zeitung beteiligen.
"Nein, wir müssen unsere Artikel nicht bei Monsieur Rothschild vorlegen", verteidigt "Libé" den Pakt zwischen dem Pariser Kapitalgeber und den linken Journalisten: "Die redaktionelle Unabhängigkeit ist garantiert", beharrt das Blatt, "geschützt durch die Statuen der Zeitung."
Bleibt nur die Frage: Wie lange noch?