Zum Tode Aenne Burdas "Ich wollte mich abheben"
"Mode muss tragbar sein", lautete ihr Credo. Exzentrische Fummel für Hungerhaken waren Aenne Burdas Sache nicht. Schließlich galt es, die Kleiderordnung der Wirtschaftswundergeneration zu entwerfen. Anziehender Pragmatismus, veredelt mit einem Hauch große weite Welt waren gefragt, und Burda, nach eigener Aussage eine "durch und durch praktische Frau", wusste, wie man diesen Look kreiert.
Verlegerin Aenne Burda: Nach eigener Façon
Die Veröffentlichung von Schnittmustern in ihrem 1950 lancierten Blatt "Burda Moden" verriet enormes Gespür für den Zeitgeist der Ära: Selbermachen, gestalten, unabhängig sein und dabei wirtschaftlich und nüchtern kalkulieren - die Frauen der Fünfziger und Sechziger erkannten in Burdas Musterbögen die Blaupause eines aufkeimenden modischen Selbstbewusstseins.
Mit 100.000 Stück Auflage ging "Burda Moden" an den Start; 1967 verkaufte sich das Heft bereits 1,5 Millionen Mal. "Warmes für den Schnee" und "Elegantes zur Cocktailstunde" hießen damals die Highlights der Saison, im Rückblick eine so anziehende wie rührende Naivität, die später dem Laisser-faire der siebziger Jahre weichen musste. Eine studentenbewegte, von Pop- und Massenkultur faszinierte Generation trug auf einmal Jeans und transparente Tops - Burdas Kombination aus tragbarem Schick zum Selbermachen, Hauhalt-Tipps und Rezepten kam aus der Mode.
Doch ihre Karriere wäre nicht von ganz besonderem Zuschnitt, hätte sie ihre Linie nicht anderweitig fortgesetzt - im Ausland nämlich, wo sie ab 1987 die Glasnost-Sowjetunion mit "Burda Moden" beglückte. Sie selbst nannte es einen Höhepunkt und die glücklichste Zeit ihrer Verlegerinnenkarriere - ihr Blatt wurde als erste Westzeitschrift in russischer Sprache gedruckt und Raissa Gorbatschowa empfing sie persönlich. Der damalige Außenminister Genscher sprach stolz von einer Revolution, die sich mit Erscheinen des Magazins 1994 dann in China noch einmal fortsetzte.
Aber auch im heimischen Offenburg sorgte die 1909 geborene Tochter eines Lokomotivführers für Schlagzeilen. Sie erzählte Männerwitze, sammelte schnelle Autos und holte internationale Prominenz ins badische Vorzeigestädtchen; Max Schmeling, Liz Taylor, Franz Josef wurden ihre Freunde. Sie habe immer gewusst, wie man Menschen für sich einnehmen kann, sagte sie einmal, "und das habe ich getan".
Die Frauen der achtziger und neunziger Jahre konnte sie allerdings nur noch bedingt für sich gewinnen. Billigketten wie H&M und Zara machten Designermode schnell und günstig verfügbar, die Do-it-youself-Philosophie schien überholt. 1994 wurde ihr Verlag deshalb in den Burda-Konzern unter der Führung ihres Sohnes Hubert eingegliedert. Mit 87 zog sie sich endgültig aus der Firmenleitung zurück.
"Ich wollte mich mein ganzes Leben lang abheben", gab Aenne Burda anlässlich ihres 90. Geburtstags zu Protokoll. Wenn dies einer deutschen Unternehmerin gelungen ist, dann ihr.
Heute Morgen ist Aenne Burda im Alter von 96 Jahren im Kreis ihrer Familie gestorben.