Zum Tode Peter Zadeks Der schroffe Charmeur
Der große Einfühlsamkeitskünstler hat sich in Person gar nicht so selten aufgeführt wie die Axt im Walde. Mochten seine Lieblingsschauspieler noch so laut seine Sensibilität und Wärme bei der Probenarbeit besingen, zu allen anderen Menschen konnte der Regisseur Peter Zadek ein unwirscher, ruppiger, keineswegs nahbarer Mensch sein. Mit leicht nach vorn gebeugtem Schädel, hinter der Brille klug und zornig glitzernden Augen und polternder Stimme schimpfte er bisweilen auf dumme Politiker, ignorante Kritiker und seiner Meinung nach ahnungslose Künstlerkollegen, dass die Wände wackelten - und beharrte auf eine Art und Weise auf seiner Meinung, die Widerspruch kaum zuließ.
Doch das, was Peter Zadek auf der Bühne zeigte, handelte fast immer von der Widersprüchlichkeit, der Tragik und den Triumphen eines Lebens, das zu kompliziert ist, um es ruckzuck über einen polemischen Kamm scheren zu lassen. "In meinem Beruf sollte man lieber zuhören als reden", behauptete Peter Zadek einmal in einem SPIEGEL-Gespräch, zu dem ich mit einem Kollegen auf seinen schönen Landsitz im italienischen Lucca angereist war - und hielt dann einen Vortrag über das Wesen der Theaterarbeit, zu dem Fragen recht eigentlich nicht zugelassen waren. "Ich finde wichtig, dass Regisseure lernen, auf Schauspieler zu hören", behauptete Zadek.
Warum hauen sich die Menschen tot?
"Als ich 1958 nach Deutschland kam, waren Schauspieler Leute, die man von rechts nach links schickte und denen man sagte: ,Jetzt bitte die rechte Hand heben und am Ohr kratzen.' Heute haben sie ein anderes Selbstverständnis, und das ist gut so. Ich finde, man sollte mit Schauspielern reden, damit sie ihre Echtheit - und sie besitzen bei aller Verstellung auch immer einen Rest Echtheit - für die Rolle nutzen. Das ist interessanter als jedes Konzepttheater und dessen billige Klugscheißerei."
Der Theaterregisseur Zadek war kein Klugscheißer, sondern ein Fragensteller. Warum herzen sich die Menschen, warum hauen sie sich tot? Wieso ist Ibsens Nora so verstockt, weshalb hat Hamlet dauernd schlechte Laune, und was macht Wedekinds Lulu derart geil? Und wozu, bitte schön, spielen wir alle dauernd Theater? Zadek hat in seinem langen, ruhmreichen Regisseursleben immerzu die einfachsten Kinderfragen gestellt; und genau das machte ihn nicht bloß zu einem bedeutenden, sondern lange - selbst noch im Rentenalter - zum jüngsten aller Theaterkünstler.
Er arbeitete zunächst als Cutter und Fernsehregisseur in London, bevor er dort mit einer Bühneninszenierung von Oscar Wildes "Salomé" eine Pleite hinlegte, von der er sich im Grunde erst 1957 mit der gefeierten Londoner Uraufführungsinszenierung des Jean-Genet-Dramas "Der Balkon" erholte.
1958 zog Zadek nach Deutschland und machte als keineswegs immer seriöser Shakespeare- und Revue-Regisseur den tiefernsten deutschen Theatermenschen aufs Schönste die Hölle heiß. In Ulm inszenierte er Brendan Behans "Die Geisel", in Bremen wurde er Schauspieldirektor und Vorzeigeregisseur einer ganzen Schule, in Berlin gelang ihm mit Edward Bonds Kindsmordgeschichte "Gerettet" 1968 ein bald legendärer Skandal.
Angenähter Penis, abgesäbelte Frauenbrüste
Es folgten Riesenerfolge in Bochum und Hamburg, wo der Darsteller Ulrich Wildgruber 1976 als Zadeks Othello mit Schuhcreme am ganzen Körper einen grandiosen Krawallabend hinlegte, und es folgte eine eher unglückliche Zeit als Intendant am Hamburger Schauspielhaus in den Achtzigern, wo Zadek immerhin als Regisseur mit dem Musical "Andi" (1987) und mit Wedekinds "Lulu" (1988) Erfolge feierte.
Zadeks Kunst war es, dass seine Theaterabende nie prachtvoll aussahen, sondern fast immer so beiläufig, so lässig, als wollten sie um Himmels willen nicht zu viel von sich hermachen. Er war ein Schauspieler-Animateur, der seine Akteure während der Proben erst mal machen ließ - und sie dann durch eher kleine Zeichen in die Richtung stupste, die ihm am Herzen lag. Natürlich ging das auch öfter mal schief. Zadeks späte Inszenierungen wie zuletzt Bernard Shaws "Major Barbara" in Zürich waren blasse, traurige Flops.
Sein letzter großer Triumph (vor netten Alterswerken wie "Hamlet" oder "Rosmersholm") gelang ihm mit der deutschen Erstaufführung von "Gesäubert" im Jahr 1998 in Hamburg. Im Stück der britischen Dramatikerin Sarah Kane müssen die Zuschauer mit ansehen, wie einem der Mitspieler Zunge, Hände und Beine abgetrennt werden; auch das Aufspießen eines Mannes mit Hilfe eines Holzstocks, das Absäbeln von Frauenbrüsten und ein angenähter Penis gehören zum Horror-Repertoire des Schockdramas. Zadek machte, mit Susanne Lothar in der Hauptrolle, daraus ein wüstes, bedrückendes, packendes Martyrium.
"Kunst ist etwas Essentielles, das geht ganz tief, das bleibt."
Die Wahl der richtigen Schauspieler sei bei ihm schon Dreiviertel der Arbeit, raunzte Zadek ganz gern. Und tatsächlich entstand die Kraft vieler seiner Aufführungen daraus, dass bei Susanne Lothar, Angela Winkler, Josef Bierbichler und Ulrich Wildgruber in den großen Zadek-Abenden jeder Blick, jede Geste, jeder Ton perfekt zu sitzen schienen - nachdem sie einen Text mit dem Meister nach seiner strengen Anleitung durchgearbeitet hatten. "Ich nehme mir ein Stück und erzähle es auf meine Weise", sagte Zadek, "aber ich gebe mir große Mühe erst mal rauszufinden, was der Autor sich gedacht hat. Diese erste Runde dauert bei einem großen Stück Monate. Wenn ich es weiß, dann gibt es Dinge, die ich anders machen will. Aber wenn ich ein ganzes Stück so umkrempeln müsste, dann würde ich es lieber nicht inszenieren."
Für einen Erfolg hielt es dieser Regisseur, wenn sich seine Zuschauer noch nach langer Zeit an einen Theaterabend erinnerten: "Wenn mir heute eine Frau in Berlin entgegenkommt und mich beschimpft: 'Ich bin wütend auf Sie, ich habe Ihr ,Maß für Maß' gesehen. Was für eine Schweinerei!', so berichtete Zadek damals in Lucca, "dann sage ich: Sehr gut, ich freue mich. Das war 1967, als Sie das gesehen haben. Kunst ist etwas Essentielles, das geht ganz tief, das bleibt. Da muss man nicht schnell und flott reagieren."
Mit angelsächsischem Pragmatismus warf sich dieser im persönlichen Umgang oft schroffe Regisseur dem Publikum entgegen: "Der Saal muss voll sein. Und dafür kann es nicht schaden, wenn mal ein großer Schauspieler auf der Bühne gezeigt wird. Ich würde auch ein Schwein auf die Bühne holen, wenn die Leute das sehen wollen. Mir ist egal, warum die Leute ins Theater kommen; Hauptsache, sie kommen - und das, was sie dann sehen, hat Wahrhaftigkeit, also wirkliche Qualität."
Peter Zadeks Charme bestand darin, dass er es immer schaffte, seine Zuschauer auch ganz ohne Schwein zu bezaubern.